Die protestantischen Rebellen der Reformationszeit sahen den Vatikan in Rom als Zentrum eines weltweiten „kosmopolitischen“ Netzwerks, das nationale Bestrebungen unterdrückte. Spuren dieses Vorurteils lassen sich noch heute bei einigen Gegnern der Europäischen Union finden, die den Sitz der Europäischen Union in Brüssel als eine Art neues Rom betrachten.

Misstrauen gegenüber Intellektuellen und Eliten

Es ist unwahrscheinlich, dass Stephen Miller ein Antisemit ist. Immerhin wuchs er in einer liberalen Familie in Kalifornien auf. Vielleicht war seine frühe Neigung zum Rechtsextremismus ebenfalls eine Form der Rebellion, wenn auch einer Rebellion, die ihn bald in die Gesellschaft zweifelhafter Verbündeter führte.

Als Student an der Duke University freundete er sich mit Richard Spencer an, einem White-Supremacy-Aktivisten, der später für eine „friedliche ethnische Säuberung“ warb, um die „weiße Zivilisation“ zu bewahren – was immer das sein mag. Was viele Trump-Anhänger und Rechtspopulisten in anderen Ländern

Ian Buruma. Foto: Merlijn Doomernik
„Kosmopolitische Voreingenommenheit“: Dieser Vorwurf spiegelt „die gemeinsame Ablehnung von Muslimen und den liberalen Eliten, die häufig beschuldigt werden, diese zu verhätscheln“, schreibt Ian Buruma in seinem Essay. Diese Ablehnung eint viele Trump-Anhänger und Rechtspopulisten in anderen Ländern einschließlich Israels.

einschließlich Israels eint, ist ihre gemeinsame Ablehnung von Muslimen und liberalen Eliten, die häufig beschuldigt werden, diese zu verhätscheln. Wenn Miller von kosmopolitischer Voreingenommenheit" spricht, meint er vermutlich dies.

Doch Misstrauen gegenüber Muslimen ist nur ein Teil der Geschichte. Gesellschaftliche Eliten, liberale Intellektuelle und kritische Journalisten sind der Feind derer, die sich nach Macht sehnen. Denn sie glauben ständig, dass auf sie herabblickt, wer als kultivierter erscheint.

Dies ist nicht immer eine Frage der gesellschaftlichen Schicht. Präsident George W. Bush etwa verabscheute Französisch sprechende amerikanische Reporter. Auch dies ist kein neues Phänomen. In vielen Gesellschaften haben die oberen Schichten häufig eine Neigung, sich von der breiten Masse der Bevölkerung abzugrenzen, indem sie die Sprache und Manieren von Kulturen übernehmen, die als überlegen gelten.

Die europäischen Aristokraten im 18. Jahrhundert sprachen Französisch. Der moderne englische Nationalismus begann als Revolte gegen diese Art von Gehabe im Namen von John Bull, Roastbeef und Old England.

Nicht alle populistischen Rebellionen sind per se rassistisch oder faschistisch. Auch die Demokratie war ein Produkt des Widerstandes gegen die aristokratische Herrschaft. Doch es fällt schwer zu glauben, dass Trump und seine Ideologen wie Miller oder Bannon daran interessiert sind, demokratische Rechte auszuweiten. Auch wenn sie vorgeben, für das - wie sie es gern formulieren - „wahre“ Volk zu sprechen.

Bannon etwa ist antiliberal und stolz darauf. Er soll sich selbst als Leninisten beschrieben haben, der den Staat zerstören will.

Doch gönnen wir Miller einen Vertrauensvorschuss. Wenn er „kosmopolitisch“ als Schimpfwort benutzt, ist er sich vielleicht der Vorgeschichte des Begriffs nicht bewusst. Die Geschichte des faschistischen, nazistischen und stalinistischen Antisemitismus kann ihm unbekannt sein.

Nehmen wir an, dass diese Vergangenheit für ihn nicht wirklich existiert. Er ist einfach ein unwissender Kritiker dessen, was er als das liberale Establishment betrachtet. Doch Ignoranz kann genauso gefährlich sein wie Bösartigkeit, besonders wenn sie gewaltige Macht im Rücken hat.

Ian Buruma

© Project Syndicate 2017

Ian Buruma ist ein britisch-niederländischer Autor und Publizist. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Auszeichnungen wie  etwa den Erasmus-Preis im Jahr 2008. Im September 2017 wird er neuer Chefredakteur der New York Review of Books.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.