Der dritte Grund ist größtenteils psychologischer Natur und eng mit den beiden vorangegangenen verknüpft: In einigen dieser Länder, insbesondere in Syrien und dem Libanon vor und nach dem Bürgerkrieg, gelang es den bislang marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen an die Macht zu kommen. Im Machtzentrum angekommen, verfuhren diese neuen politischen Eliten mit der Wirtschaft ihrer Länder wie ihre Vorgänger – mit dem Unterschied, dass sie ihrerseits das Monopol nun an sich reißen konnten.

Brot und soziale Gerechtigkeit – das wahre Gesicht der Arabellion

Die Hintergründe des Arabischen Frühlings waren eindeutig sozioökonomischer Natur, auch wenn er sich vordergründig gegen die Machenschaften der jeweiligen herrschenden Regime richtete, die sich in ihrer Machtfülle und Arroganz immer weiter korrumpierten und bereicherten. Das Motiv des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, der sich selbst in Brand steckte und damit die Revolution in Tunesien entfachte, waren wirtschaftliche Gründe, die sich mit einem tiefsitzenden Gefühl der Deprivation vermischten.

Die Ägypterinnen und Ägypter revoltierten nicht nur um der Freiheit Willen gegen das Regime Hosni Mubaraks, sondern auch für bezahlbares Brot und soziale Gerechtigkeit. Ich würde sogar behaupten, dass sich die einfachen Menschen dieser überwältigenden Revolution, die im Internet ihren Ausgangspunkt hatte, nur aufgrund der elenden Lebensbedingungen anschlossen, die ihnen das Regime Mubaraks und seine Clique aufzwang, um die Bedingungen des Internationalen Währungsfonds zu erfüllen.

Das gleiche Bild bietet sich auch bei der Betrachtung der Konfliktparteien im Bürgerkrieg im Libanon und im Irak, der sich nach der amerikanischen Invasion dem eisernen Griff des Baath-Regimes entzogen hatte. Bereits der Imam Musa Al-Sadr hatte unter dem Schlagwort der "Entbehrung" seine schiitisch-politische Bewegung im Libanon ins Leben gerufen, aus der später sowohl die Amal-Bewegung und ihre Partei, als auch die Hisbollah hervorgehen sollten.

"Kifaya"-Demonstration in Kairo gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise; Foto: Getty Images/AFP/K. Desouki
Vorboten des nahenden Aufstands: Anhänger der ägyptischen Protestbewegung „Kifaya“ (zu deutsch: „Es reicht!“ demonstrieren am 18. Januar 2007 in Kairo gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise. Die Bewegung hatte sich nach ihrer Gründung im Jahr 2004 zunächst gegen eine weitere, fünfte Amtszeit von Präsident Mubarak gerichtet und zahlreiche Proteste in Ägypten organisiert. Die Popularität der „Kifaya“ wuchs seitdem beständig. In den Jahren 2006 und 2007 nahmen im Gefolge von Privatisierungen von Staatsunternehmen Streiks zu, die dann am 6. April 2008 in einem groß angelegten Protest der Textilarbeiter in der Stadt Mahalla al-Kubra kulminierte. Daraus entwickelte sich die "6. April-Bewegung", die beim Aufstand gegen das Mubarak-Regime im Januar 2011 eine entscheidende Rolle spielen sollte.

Auch die Schiiten im Irak verwendeten ähnliche Slogans in ihren politischen beziehungsweise militärischen Organisationen, die den Zusammenbruch des unterdrückerischen Regimes Saddam Husseins nutzten, um selbst nach der Macht zu greifen. Dabei appellierten sie massiv an das Gefühl bestimmter Bevölkerungsgruppen marginalisiert und übergangen worden zu sein, und profitierten von dem weitverbreiten Wunsch nach Wiedergutmachung, egal mit welchen Mitteln.

Politisch gespalten und geteilt

Der Jemen und der Sudan blicken ihrerseits auf eine jahrzehntelange Historie der politischen Verfolgung, der Misswirtschaft und der Vernachlässigung staatlicher Strukturen und bestimmter Regionen zurück. So kommt es, dass der Sudan in einen muslimischen und einen christlichen Staat zerfallen ist. Und dem Jemen könnte ebenfalls erneut die Teilung drohen, auch wenn dort bis dato die konfessionellen Grenzen noch nicht der Gebietsaufteilung entsprechen.

Bleibt noch Syrien, das in vergangenen sieben Jahren einen weitaus höheren Preis als alle anderen arabischen Länder gezahlt hat, die zum Schauplatz für Konflikte mit einem deutlichen konfessionellen Anstrich geworden sind. Insbesondere dort hat die wirtschaftliche Dimension entscheidend dazu beigetragen, einerseits die Armen zu mobilisieren und andererseits die Mittelschicht zu paralysieren, obwohl sie beide zur Bevölkerungsmehrheit der Sunniten gehören und der alawitisch-konfessionalistische Hintergrund des Regimes eindeutig ist.

Es war die einfältige Wirtschaftspolitik des Staates und die langanhaltende Dürreperiode im Euphrat-Tal zu Beginn des neuen Jahrtausends, die das Gefühl der Deprivation und der Übervorteilung zusätzlich befeuerten. Schließlich gingen die Menschen aus den armen bäuerlichen Siedlungen, die sich um große urbane Zentren wie Damaskus und Aleppo gebildet hatten, und den kleineren Städten wie Homs und Hama, die wirtschaftlich in hohem Maße von der Land- und Viehwirtschaft abhängig sind, mit aller Entschlossenheit auf die Straße.

Dass diese Proteste mittlerweile eine teils extreme konfessionelle Dimension angenommen haben, sollte uns nicht vergessen lassen, dass ihre Ursachen hauptsächlich sozioökonomischer Natur sind. Diese Erkenntnis ist nicht nur notwendiger Bestandteil bei der Analyse, was genau die Revolutionen des Arabischen Frühlings ausgelöst hat, sondern auch, und das ist noch viel entscheidender, was getan werden kann, um diese grundlegenden Probleme an der Wurzel zu packen und zu beseitigen.

Nasser Rabbat

© Qantara.de 2018

Der Architekt und Historiker Nasser Rabbat ist Aga Khan Professor und Direktor des Aga Khan Programms für Islamische Architektur am MIT in den Vereinigten Staaten.

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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