Mutanabi Straße in Bagdad; Foto: Birgit Svensson

Ukraine und Irak 
Mitgefühl ja, Mitleid nein

Der Irak steckt im Ukraine-Krieg in einer Zwickmühle. Die Haltung zu Kiew ist ambivalent, aber jetzt will das Zweistromland zu den Kriegsgewinnern zählen. Wenn Russland als Öllieferant ausfällt, könnte der Irak einspringen. Birgit Svensson berichtet aus Bagdad.

Mohammed aus Basra hat es geschafft. Vor sechs Jahren verließ er seine Heimatstadt im Süden des Irak und floh nach Europa – über die Balkanroute wie tausende Iraker und Syrer damals. Die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS) errichtete ihr Kalifat und junge Männer wie Mohammed meldeten sich zu den Volksmobilisierungskräften, einem Verbund von Milizen, um gegen die Dschihadisten zu kämpfen.

Seine Familie wollte, dass wenigstens ein männliches Familienmitglied in Sicherheit ist, kratzte 2.000 US-Dollar zusammen, bezahlte Schlepper. Mohammed kam nach Griechenland, von dort nach Österreich und schließlich nach Polen. Dort lernte er seine polnische Frau kennen und lieben.

Jetzt leben beide in Berlin, haben einen Job und ein kleines Töchterchen. "Ich habe ein gutes Leben“, sagt Mohammed im Flugzeug nach Basra. Er ist aufgeregt, denn es ist das erste Mal nach seiner Flucht, dass er seine Familie wiedersieht. Einen Monat will er bleiben, Ramadan mit ihnen verbringen. Seine Frau toleriert dies, lässt ihn seine Religion ausleben. In Deutschland - und Polen noch viel mehr - drehe sich derzeit ohnehin alles nur um die Ukraine.

Doch er gehöre nicht zu denjenigen Flüchtlingen, die meinen, die Ukrainer hätten es besser in der Europäischen Union als die Syrer und Iraker. Auch sie seien mit offenen Armen empfangen worden, zumindest in Deutschland, sagt der 28-Jährige. Trotzdem hat Mohammed Vorbehalte gegenüber der Ukraine. Doch das hat einen tieferen Grund.

"Wer einmal auf dich schießt, den vergisst du nicht“

Was der junge Mann aus Basra dann sagt, hört man auch anderswo im Irak: auf der Mutanabi-Straße in Bagdad, wo sich immer freitags die irakische Kulturszene trifft oder in der Einkaufsmall im Stadtteil Mansour, wo Familien sich nach dem Fastenbrechen vergnügen. "Wir fühlen mit, weil es ihnen so geht, wie es uns ergangen ist.“ Die meisten empfinden ein tiefes Mitgefühl für die Ukrainerinnen und Ukrainer, deren Schicksal sehr dem ihren gleicht: Drei Kriege, Invasion, Besatzung, Terror. Die Zerstörung des Irak nahm über 30 Jahre lang kein Ende. Wenn deshalb jetzt die Bilder des Krieges in der Ukraine auch über irakische TV-Bildschirme flimmern, nicken die meisten nur stumm, in sich versunken.

Shoppingmall in Mansour, Bagdad; Foto: Birgit Svensson
Der Irak, ein Kriegsgewinner: Im März produzierte der Irak bereits wieder fast 4,5 Millionen Fass Rohöl am Tag mit weiter steigender Tendenz. Infolge des Ukraine-Kriegs hat Bagdad im letzten Monat so viel Geld eingenommen wie zuletzt vor der Ölpreiskrise 1973. Ziel ist es, bis 2025 fast eine Verdoppelung der Fördermenge zu erreichen. Mit den zusätzlichen Einnahmen können dadurch locker höhere Lebensmittelpreise wettgemacht werden, die auch hier durch den Wegfall von Weizen und vor allem von Sonnenblumenöl aus der Ukraine entstehen. Auf dem Bild sind junge Menschen zu sehen, die sich im Ramadan in einer Bagdader Einkaufsmall im Stadtteil Mansour vergnügen.

Doch Mitleid mit den Menschen dort will nicht so recht aufkommen. Mitgefühl ja, Mitleid nein. Denn die Iraker haben nicht vergessen, dass die Ukraine an der Seite der USA Teil der Kriegsallianz 2003 war, die ihrem Land schweres Leid zugefügt hat. Ohne UN-Mandat sind die Truppen unter dem Kommando der Amerikaner und Briten einmarschiert, haben den Irak überfallen. Der Kriegsgrund basierte auf einer Lüge und war konstruiert. Die Massenvernichtungswaffen, die Saddam Hussein angeblich besitzen sollte, wurden nie gefunden. Damals schickte Kiew ein recht großes Kontingent an Soldaten in den Irak - 1.650 Mann, die in der Provinz Wasit im Südosten von Bagdad stationiert waren.

Nicht wenige im Zweistromland ziehen jetzt Parallelen zum russischen Überfall auf die Ukraine und den Lügen Putins. "Wer einmal auf dich schießt, den vergisst du nicht“, sagen sie. Selbst dann nicht, als die Ukraine nach dem Abzug der Truppen den Irakern ihre Tore öffnete, viele Studenten aufnahm, großzügig Visa erteilte und so viele irakische Touristen anzog, die vordem nur im Iran Urlaub machen durften. Die Ukraine wurde für die Iraker zum Freiheitssymbol. Besonders Männer schwärmten von den schönen blonden Frauen, die es dort gab. Und trotzdem: Ein ungutes Gefühl gegenüber der Ukraine ist geblieben.

Kriegsgewinner Irak

So stellte sich der Irak bisher auch nicht klar gegen Wladimir Putin und enthielt sich bei der UN-Resolution, die Russlands Angriff auf die Ukraine mit großer Mehrheit verurteilte. Das wird schlechthin als Zustimmung für den Kremlherrscher gewertet. Doch jetzt ist eine Wende zu beobachten. Ab sofort sind Plakate von Putin oder seinem Krieg gegen die Ukraine im Irak verboten. Zuvor hat in der Hauptstadt Bagdad ein Banner mit der Aufschrift "We support Russia“ gehangen.

Wenn jetzt westliche Regierungsmitglieder und Präsidenten auf Einkaufstour mit den Scheichs oder Emiren am Golf gehen und einen Gas- oder Öldeal nach dem anderen abschließen, will auch der Irak nicht mit leeren Händen dastehen und von den steigenden Energiepreisen profitieren. Immerhin ist das Land nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölproduzent im Nahen und Mittleren Osten. Wenn Russland als Energielieferant ausfällt, könnte der Irak einspringen.

Mutanabi-Straße in Bagdad; Foto: Birgit Svensson
Treffpunkt der irakischen Kulturszene: In der Mutanabi-Straße in Bagdad trifft man sich freitags. Birgit Svensson hat sich dort umgehört, wie die Menschen über den Ukraine-Krieg denken. "Die meisten empfinden ein tiefes Mitgefühl für die Ukrainerinnen und Ukrainer, deren Schicksal sehr dem ihren gleicht: Drei Kriege, Invasion, Besatzung, Terror", schreibt Svensson. "Die Zerstörung des Irak nahm über 30 Jahre lang kein Ende. Wenn deshalb jetzt die Bilder des Krieges in der Ukraine auch über irakische TV-Bildschirme flimmern, nicken die meisten nur stumm, in sich versunken.“ Dennoch bleiben Vorbehalte, denn die Ukraine war 2003 an der Seite der USA Teil der Kriegsallianz, "die ihrem Land schweres Leid zugefügt hat. Ohne UN-Mandat sind die Truppen unter dem Kommando der Amerikaner und Briten einmarschiert, haben den Irak überfallen.“

Denn seine Kapazitäten sind mitnichten ausgeschöpft. Während in den letzten zwei Jahren das Zweistromland seine Fördermengen aufgrund von eingeschränkten OPEC-Quoten drosseln musste und die Produktion unter vier Millionen Fass täglich rutschte, werden die Mengen jetzt wieder angehoben. Der Ölpreis ist geradezu explodiert und braucht nicht mehr künstlich beeinflusst zu werden.

Steigende Ölpreise füllen die Kassen

Im März produzierte der Irak bereits wieder fast 4,5 Millionen Fass Rohöl am Tag mit weiter steigender Tendenz. Infolge des Ukraine-Kriegs hat Bagdad im letzten Monat so viel Geld eingenommen wie zuletzt vor der Ölpreiskrise 1973. Ziel ist es, bis 2025 fast eine Verdoppelung der Fördermenge zu erreichen. Mit den zusätzlichen Einnahmen können dadurch locker höhere Lebensmittelpreise wettgemacht werden, die auch hier durch den Wegfall von Weizen und vor allem von Sonnenblumenöl aus der Ukraine entstehen. Das heißt, der Irak – wie auch die anderen Erdöl und Erdgas produzierenden Staaten – würde zum Kriegsgewinner.

Doch bis jetzt sind noch keine zusätzlichen Lieferverträge abgeschlossen worden. Weder Österreich, Deutschland, Frankreich noch Großbritannien haben ihre Wirtschaftsminister nach Bagdad geschickt, um irakisches Öl oder auch Gas, das zwar noch in geringem Umfang gefördert wird, aber ebenfalls mit steigender Tendenz, einzukaufen.

Der Grund hierfür ist eher wirtschaftlicher Natur: Russische Unternehmen spielen eine zentrale Rolle im irakischen Energiesektor. Lukoil operiert im zweitgrößten Ölfeld im Süden des Irak, West Qurna2, mit einer Produktionskapazität von 400.000 Fass Erdöl täglich. Und Rosneft hat eine wichtige Kontrollfunktion bei der Kurdischen Pipeline Gesellschaft (KPC), die Öl sowohl aus den kurdischen Autonomiegebieten, als auch aus Kirkuk in den türkischen Hafen Ceyhan leitet. Etwa 500.000 Fass irakisches Öl werden täglich von dort in alle Welt verschifft.

Alarmiert durch die Sanktionen der EU und anderer westlicher Staaten, hat der Gouverneur der irakischen Zentralbank, Mustafa Ghalib Mukhaif, kürzlich einen Brief an die irakische Regierung geschickt, in dem er auf die Konsequenzen für die russischen Firmen im Irak aufmerksam macht. "Um das Finanzsystem des Irak zu schützen, schlagen wir vor“, heißt es in dem Brief, den das Web-Portal "Iraq Oil Report“ veröffentlichte, "Verträge oder Übereinkommen auf Regierungsebene zu verschieben und Finanztransaktionen im Rahmen des russischen Finanzsystems hinauszuzögern“. Dies macht einmal mehr deutlich, in welcher Zwickmühle der Irak angesichts des Kriegs Russlands gegen die Ukraine steckt.

Birgit Svensson

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