Anwohner ausgeschlossen: Im Bezirk Sur in Diyarbakir dauert die Ausgangssperre seit Anfang Dezember an, in den Städten Silopi und Cizre wurden sie inzwischen gelockert und gilt nur noch nachts. Menschenrechtsorganisationen haben die meist wochenlang andauernden Ausgangssperren kritisiert.
Übergriffe auf Diyarbakirs historisches Zentrum

Die Stadt als Kriegsbeute

Der türkische Militäreinsatz brachte Tod und Zerstörung über die Altstadt von Diyarbakir. Nun wurde handstreichartig deren Verstaatlichung beschlossen – ein Alarmzeichen für das historische Erbe. Von Sonja Galler

Streift man dieser Tage durch die Gazi Caddesi in Diyarbakirs Altstadt Sur, erstaunt das lebhafte Treiben auf der Hauptstraße. Doch der Schein trügt: "Die meisten kommen nur, um sich den Schaden anzusehen", klagt ein Händler. Tatsächlich zieht es viele in einer Mischung aus Angst und Sehnsucht nach Sur: "Ich konnte erst jetzt den Mut aufbringen, um nach den Straßen meiner Kindheit zu sehen. Ohne die Altstadt ist Diyarbakir doch ein seelenloser Ort", meint ein Passant.

Wie ist es also um die Seele Diyarbakirs bestellt? Nach dem Scheitern einer zweijährigen Waffenruhe war die türkische Armee in der kurdischen Stadt mit einer 104-tägigen Militäroperation gegen die PKK-Jugendorganisation YPS vorgegangen. Die Gefechte, bei denen inmitten von Wohngebieten schwere Waffen zum Einsatz kamen und die von monatelangen Ausgangssperren begleitet waren, zwangen 24.000 Menschen zur Flucht aus Sur.

Auch nach Ende der Gefechte gehören schwer bewaffnete Polizisten zum Straßenbild. Betonklötze verschließen die Lücken in der historischen Stadtmauer, die erst unlängst in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Auch die zahlreichen Kontrollpunkte der Polizei sorgen für eine angespannte Atmosphäre. Dass sie kein vorübergehendes Ärgernis, sondern als dauerhafte Abschreckung und Demonstration militärischer Übermacht gedacht sind, verdeutlicht der geplante Bau von zwölf neuen Polizeiwachen und vier Wachtürmen in der Altstadt.

Die Gasse, in der im November 2015 der Menschenrechtsanwalt Tahir Elçi ermordet wurde, der noch wenige Minuten vor seinem Tod vor der kulturellen Zerstörung der Altstadt gewarnt hatte, ist durch eine weiße Plane versiegelt. Wenn der Wind günstig steht, kann man einen Blick auf die dahinter liegende Trümmerlandschaft werfen. Am Rande der weiterhin abgeriegelten ehemaligen Kampfzone, in die, kaum waren die Kämpfe beendet, Kolonnen von Abrissbaggern ausrückten, warten Familien noch immer auf Zugang zu ihren Häusern oder dem, was davon übrig ist.

Beerdingung Tahir Elçis in Diyarbakir; Foto: picture-alliance/AA/A. Kaplan
Trauer um prominenten kurdischen Menschenrechtsanwalt und Demokratieaktist: Der Mord an Tahir Elçi durch einen Schuss in den Kopf Ende November 2015 hat die Spannungen im Südosten der Türkei weiter angeheizt. Der Schuss auf den Vorsitzenden der Anwaltskammer von Diyarbakir fiel nach Zeugenberichten im Laufe einer Schießerei, bei der auch zwei Polizisten getötet und zehn weitere Menschen verletzt wurden. Zehntausende nahmen in der südosttürkischen Kurdenmetropole Abschied von Elçi.

Massive Zerstörungen

Schätzungen gehen davon aus, dass rund 80 Prozent der Gebäude in dieser Zone schwer beschädigt wurden, darunter denkmalgeschützte Bauten wie die historische Kurşunlu-Moschee oder die armenisch-protestantische Kirche. Man weiß, dass die Armee, um mit schweren Fahrzeugen vorzurücken, ganze Gassenzüge eingerissen hat. Zu befürchten ist, dass auch bei den hastigen "Aufräumaktionen" historische Bausubstanz beschädigt wird. Luftaufnahmen zeigen in einst dichtbesiedelten Wohnblöcken klaffende Freiflächen.

Sur – das war bis vor wenigen Monaten ein lebendiger Mikrokosmos mit labyrinthischen Gassen, schwatzenden Nachbarinnen und lebendigem Basar. Ein Ort voller persönlicher und kollektiver Erinnerungen, an dem armenische, chaldäische und assyrische Kirchen, die byzantinische Stadtmauer, osmanische Moscheen und Karawansereien als Zeugen für eine – wenn auch versehrte – multikulturelle Vergangenheit standen.

Die meisten Armenier, Assyrer und Jesiden hatten Sur längst verlassen, als in den 1990er Jahren Tausende Kurden vor dem Konflikt zwischen PKK und Armee aus den Dörfern in die Stadt flohen. Deren über Nacht errichtete ärmliche Häuser waren nicht so schön wie ihre historischen Vorgänger, und die Neuzuzüger beschädigten teilweise die Strukturen derjenigen Häuser, die sie besetzt hatten. Doch dank ihren Bewohnern war die Altstadt sozial gesehen immer noch ein sehr aufregender und einladender Stadtteil.

Zu den wundersamsten Entwicklungen der letzten Jahre gehörte der behutsame Wiederaufbau historischer Bauwerke durch die von der prokurdischen BDP dominierte Stadtverwaltung und private Initiativen. Ein Höhepunkt war die Weihe der armenischen Surp-Giragos-Kirche, die, jahrelang verwaist, 2011 mithilfe privater Gelder restauriert wurde und nun wieder als Gotteshaus nutzbar und zugänglich ist.

Mann mit Kind geht zwischen Trümmern im Bezirk Sur in Diyarbakir; Foto: DW
"Wie im Krieg": In Diyarbakir und anderen südostanatolischen Städten gingen Sicherheitskräfte über Monate gegen kurdische Kämpfer vor. Zurück bleiben zerstörte Wohnhäuser, Altertümer und Berge aus Schutt.

Auch die Eröffnung des Dengbej-Hauses, in dem kurdische Barden ihre Erzählkunst vortragen, sowie zahlreicher Ateliers und kleiner Cafés mit armenischer Küche und kurdischer Musik waren neue Blüten eines zivilgesellschaftlichen Engagements, mit dem man das kulturelle Erbe der Stadt wiederbelebte. Anderseits aber gab es bereits 2011 Vorstöße der staatlichen Behörde zur Entwicklung des Wohnungsbaus, die seit 2002 generalstabsmäßig türkische Städte zu gesichtslosen Hochhaussiedlungen aus Beton ummodelt, gegen das wilde Wachstum in Sur.

Verstaatlichung der Altstadt

Die Initiative war 2013 auf halber Strecke am lokalen Widerstand gescheitert, woraufhin einige Stadtteile der Altstadt kurzerhand zu einsturzgefährdetem "Risikogebiet" erklärt wurden – ein Schritt, der jetzt den staatlichen Zugriff erleichtert.

Denn nach der Ausrufung der Waffenruhe fanden die dringenden Rufe nach einer gemeinsamen Begehung der Kampfzone, um die die Stadtverwaltung, aber auch verschiedene zivilgesellschaftliche Vereinigungen gebeten hatten, kein Gehör. Am 21. März, am Tag des kurdischen Neujahrsfests, beschloss die türkische Regierung stattdessen die Verstaatlichung der Altstadt: 6.600 der insgesamt 7.300 Parzellen der Altstadt sollen künftig in öffentlicher Hand liegen. Zugleich soll ihr zügiger Neuaufbau vonstatten gehen.

Impressionen aus Sur, Diyarbakir; Foto: DW/A. Duran
Sur – das war bis vor wenigen Monaten ein lebendiger Mikrokosmos mit labyrinthischen Gassen, schwatzenden Nachbarinnen und lebendigem Basar. Ein Ort voller persönlicher und kollektiver Erinnerungen, an dem armenische, chaldäische und assyrische Kirchen, die byzantinische Stadtmauer, osmanische Moscheen und Karawansereien als Zeugen für eine – wenn auch versehrte – multikulturelle Vergangenheit standen.

Dieser rasante Vorstoß bestätigt, was viele als einen Grund für Ankaras aggressive Militärpolitik in Diyarbakir und anderen südöstlichen Städten sehen: die forcierte demografische und strukturelle Verwandlung dieser stark politisierten, kurdisch dominierten Orte in profitable und vor allem besser kontrollierbare Gegenden. Die Anwaltskammer Diyarbakir hat bereits Klage eingereicht. Grund: massiver Verstoß gegen Eigentumsrechte.

"Es handelt sich hier um eine einseitig von oben getroffene Entscheidung", meint Şerefhan Aydın von der Architektenkammer Diyarbakir, die wie die Stadtverwaltung, aber auch viele zivilgesellschaftliche Organisationen keine Partnerin in der neu gegründeten Aufbaukommission ist. "Wir haben die größte Sorge, dass die für Sur geplanten städtebaulichen und sozialen Pläne nicht der Belebung der Stadt, sondern vielmehr dem Aufbau einer militärischen Sicherheitsstruktur dienen."

Durch den Abriss ganzer Stadtteile wird aus der vorübergehenden Flucht eine dauerhafte Umsiedlung werden: Viele der Familien aus Sur wären damit schon zum zweiten Mal in ihrem Leben vertrieben worden. Der Soziologe Adnan Çelik geht noch weiter: "Die auf räumliche Zerstörung und Entvölkerung gestützte Blockadepolitik des Staates zielte nicht allein auf Tod, Vertreibung und Verlust von materiellem Besitz. Zur gleichen Zeit wird Sur als ein Erinnerungsort mit zahlreichen Trägern eines jahrtausendealten Erbes in weitem Ausmaß zerstört. Diese Enterbung ist als Mnemozid neben der Entvölkerung das eigentliche Ziel der Operationen."

"Die Verstaatlichung ist Teil des Krieges"

"Wir sind die Kriegsbeute", meint Sedat vom Café Sülüklü Han lakonisch. "Die Verstaatlichung ist Teil des Krieges." Das Café inmitten der Altstadt war in den letzten Jahren zu einer Bühne für Musiker, Literaten und Intellektuelle geworden. Heute haben sich hier wütende Ladenbesitzer eingefunden, die ihre Existenz durch die jüngsten Entwicklungen akut gefährdet sehen.

Unter den Versammelten ist auch Roj, der Betreiber des Cafés in der armenischen Surp-Giragos-Kirche. Noch hofft er darauf, dass der Status als Stiftungseigentum die Kirche schützt – aber wer will darauf setzen, in der Atmosphäre sich ausbreitender Gesetzlosigkeit in der Türkei. Zuerst einmal muss er überhaupt erst wieder Zugang zur Kirche erlangen, der ihm seit Monaten verwehrt ist.

Die Regierung hat derweil ein Werbefilmchen zum Wiederaufbau Surs lanciert, ein geschichtsvergessenes Machwerk, in dem virtuelle Bürger zwischen osmanischen und seldschukischen Prachtbauten durch eine totpolierte Altstadt flanieren. "Alles wird von der Stimme des Muezzins untermalt, wir sehen nippesgleiche Bauten, und natürlich flattert über der Stadtmauer eine riesige türkische Flagge. Dieser schlecht gemachte Film ist von der 7.000 Jahre alten Seele Surs unendlich weit entfernt", schreibt die Journalistin Nurcan Baysal in einem bissigen Kommentar.

Es wäre nicht das erste Mal in der türkischen Geschichte, dass auf Zerstörung Vertreibung und Umsiedlung folgen. Angesichts der Ereignisse in Diyarbakir und Cizre, aber auch der andauernden Operationen in Nusaybin, Şirnak und Yüksekova steht zu befürchten, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein könnte.

Sonja Galler

© Qantara.de 2016

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Leserkommentare zum Artikel: Die Stadt als Kriegsbeute

Ich bin Kurde aus Diyarbakir und meine Familie kommt sogar aus der Nähe von Sûr (Yenisehir). Ich weiß nicht, ob die Autorin und ich in zwei verschiedenen "Surs" waren. Ich war das letzte Mal Januar 2015 dort wegen Familienbesuch. Sûr ist alles, wirklich alles, aber nie und nimmer eine schöne, historische und kulturell vielfältige Gegend. Die Straßen sind weder sauber noch konnte ich von diesem tollen kulturellen Wiederaufleben etwas bemerken. Nachts muss man aufpassen, wenn man sich dort bewegt und viele Bauten, die dort renoviert wurden, hätten in Europa eine Kette an Anzeigen wegen Verstößen gegen das Denkmalschutzgesetz und Baurecht hervorgebracht.

Ich habe mir aus Interesse das Video zu Sûr angeschaut, das "ein geschichtsvergessenes Machwerk, in dem virtuelle Bürger zwischen osmanischen und seldschukischen Prachtbauten durch eine totpolierte Altstadt flanieren" sein soll, laut der Autorin.

Wenn es stimmt, dass der Staat die Gegend derart ordentlich, sauber und optisch geordnet wiederaufbauen wird, dann kann ich dieses Projekt auch als Kurde nur begrüßen. Es erinnerte mich an deutsche Ordnung, was ich sah.

Im Übrigen wurde Diyarbakir vor fast 1000 Jahren von den Seldschuken erobert. Es ist nicht verwunderlich, dass es dort diese Bauten gibt. Auch das ist Teil der Geschichte dieser Stadt. Der Artikel ist m.E. ziemlich einseitig - und das sage ich als Kurde aus Yenisehir/Diyarbakir.

Grüße Murat

Murat Azadi01.05.2016 | 21:48 Uhr