Der Bürger als Last

Überbevölkerung am Nil: Mit etwa 100 Millionen Menschen ist Ägypten viel zu dicht bevölkert.
Überbevölkerung am Nil: Mit etwa 100 Millionen Menschen ist Ägypten viel zu dicht bevölkert.

Wenn das Regime von Abdel Fattah al-Sisi die Menschen mobilisieren will, spricht es vom ägyptischen „Volk“. Sobald die Ägypter ihrerseits etwas vom Staat verlangen, werden sie im Diskurs der Machthabenden zur Last. Für sie ist nicht der Staat dem Volk Rechenschaft schuldig, sondern die Bevölkerung dem Staat verpflichtet, schreibt der Schriftsteller Shady Lewis Botros in seinem Essay.

Essay von Shady Lewis Botros

Über manche Themen spricht das ägyptische Regime bei jeder sich bietenden Gelegenheit und brennt sie dadurch ins kollektive Gedächtnis ein. Das ideologische Spektrum dieses Diskurses ist begrenzt, es sind einige simple Gegenüberstellungen, die ständig wiederholt werden. Präsident Abdel Fattah al-Sisi lässt keine Gelegenheit aus, um über das „Bevölkerungsproblem“ oder, genauer, über die Bevölkerung als Problem zu sprechen, und die staatlichen Medien käuen das wieder. Die Gegenüberstellung „Armee/Volk“ liegt im Wörterbuch des Regimes gleich neben dem Gegensatz „Staat/Bevölkerung“.

Von Zeit zu Zeit rechnen Regierungsbeamte vor, welche Kosten der einzelne Bürger und die einzelne Bürgerin vom Tag der Geburt bis zum Tod verursacht: Sie teilen die anfallenden Kosten für Grundversorgung, Bildung oder Gesundheit durch die Anzahl der Bürgerinnen und Bürger. In einem solchen Diskurs erscheint die Bevölkerung als Belastung für den Staat, als Hindernis für seine Entwicklung; dabei sollte er sich für das Wohl der Bevölkerung einsetzen und nicht umgekehrt. Damit verkehrt sich die politische Formel, der Staat sei dem Volk zur Rechenschaft verpflichtet, in ihr Gegenteil: Die Bevölkerung ist dem Staat verpflichtet.

Sinkende Geburtenrate in Ägypten

Die Geburtenrate in Ägypten sinkt, mit wenigen, zeitlich begrenzten Ausnahmen, kontinuierlich. Im Vergleich zu 1950 ist sie pro Frau von 6,8 auf in diesem Jahr 3,2 Geburten zurückgegangen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass sie im Jahr 2075 unter 2,1 Kinder pro Frau liegen wird – ab dann beginnt die ägyptische Bevölkerung zu schrumpfen.

Karikatur Präsident Abdel Fattah al-Sisis von Celine Rubbelke; Quelle: DW
Kein Staat im Dienste seiner Bürgerinnen und Bürger: „Wenn man die Ägypter als „Volk“ anspricht, ist eine nationale Anstrengung oder Mobilisierung gemeint. Ägypterinnen und Ägypter sollen sich in nationalen Kämpfen gegen etwas erheben, sich aufopfern, die Regierung legitimieren und die Reihen schließen. Wenn die Menschen dagegen etwas vom Staat fordern, dann werden sie zur Last und in der Sprache des Regimes sind sie dann die „Bevölkerung“, konstatiert der ägyptische Publizist und Autor Shady Lewis Botros.

Allerdings ist die Geburtenrate nicht gleichmäßig verteilt. Arme haben mehr Kinder als Reiche, auf dem Land Lebende bekommen mehr Kinder als Bewohner städtischer Gebiete, Arbeiterinnen mehr als Angestellte. Menschen mit einem höheren Bildungsgrad tendieren zu kleineren Familien.



Ab diesem Punkt verschiebt sich die Sprache des Regimes vom „Volk“ hin zur „Bevölkerung“ als einer statistischen Größe, für die man keine Verantwortung übernehmen müsse. „Bevölkerung“ sind dann jene armen Ägypter, unter denen die Geburtenrate nicht sinkt.

„Volk“ (arab. schaab) ist ein moderner Begriff, auf dem die Idee des Nationalstaates basiert. In dieser Logik verkörpert der Staat Geist, Geschichte und Kultur eines Volkes.  „Bevölkerung“ (arab. sukan) ist dagegen eine neuere Vokabel, die statistische Größen erfasst. Dieser Begriff will Menschen und ihr Leben mittels Tabellen, Gleichungen und Diagrammen vermessen. Beide Begriffe können die Realität nur unzureichend abbilden, weder das einzelne Individuum als Bürgerin und Bürger noch das Kollektiv, die Gesellschaft. „Volk“ klingt romantisierend, „Bevölkerung“ klingt sachlicher, aber beide Begriffe werden im Diskurs des Regimes instrumentalisiert.

Das Volk darf nichts fordern

Wenn man die Ägypter als „Volk“ anspricht, ist eine nationale Anstrengung oder Mobilisierung gemeint. Ägypterinnen und Ägypter sollen sich in nationalen Kämpfen gegen etwas erheben, sich aufopfern, die Regierung legitimieren und die Reihen schließen.

Wenn die Menschen dagegen etwas vom Staat fordern, dann werden sie zur Last und in der Sprache des Regimes sind sie dann die „Bevölkerung“.

Dieser Begriff entbehrt jeder Ausstrahlung und Magie. Er reduziert die Menschen auf Objekte, Faktoren in einer staatlichen Gewinn- und Verlustrechnung. Richtig ist: Das Bevölkerungswachstum verschlingt jeden Fortschritt in der Entwicklung. Insofern stimmt der Regierungsdiskurs, aber das darf die Regierenden nicht aus der Verantwortung entlassen.

Das Konzept des „Volkes“ dagegen setzt Einheit voraus, aber es ist eine Schein-Einheit, mit zugleich erbaulichen wie gefährlichen Zügen. Im Gegensatz zur Einheit des „Volkes“ bringt die Idee der „Bevölkerung“ eine Vielzahl von Möglichkeiten mit sich, die Bürgerinnen und Bürger in Kategorien wie Altersgruppe, Geschlecht, geografische Verteilung, Einkommen, Schicht, Religion, Gesundheitszustand, Produktivität oder Konsum einzuteilen.

Dabei werden bestimmte Gruppen benachteiligt: Arme und Menschen, die an der Peripherie leben, etwa in den Provinzen, in den informellen Siedlungen der Städte oder in den Dörfern  Oberägyptens. Sie werden in Ägypten theoretisch und praktisch als Hindernis für den Fortschritt betrachtet und auch so behandelt.

Bewohnerinnen und Bewohner von informellen Siedlungen werden bei rücksichtslosen Umsiedelungsaktionen vertrieben, durch Investoren und eine um sich greifende Gentrifizierung verdrängt. Manchmal geschieht dies durch staatlich Zwangsmaßnahmen, andere Male eher schleichend durch die Mechanismen des Marktes.

 

Das Versagen des Staates

Zurückgehende Geburtenraten sind ein globales Phänomen. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird die Geburtenrate im weltweiten Durchschnitt auf 1,7 Kinder pro Frau sinken. Etwa zwei Jahrzehnte zuvor wird die globale Bevölkerung anfangen zu schrumpfen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Urbanisierung und die sich daraus ergebenden Veränderungen der Wohnverhältnisse, die Auflösung von Familienstrukturen und althergebrachten Unterstützungsnetzwerken und damit zusammenhängend ein Nachlassen traditioneller und kultureller Zwänge.



Auch die Ermächtigung von Frauen, ihr verbesserter Zugang zum Arbeitsmarkt und bessere Perspektiven in Bildung und Beruf sind wichtige Faktoren, ebenso wie die Verfügbarkeit von medizinischer Beratung und Einrichtungen für reproduktive Gesundheit sowie die staatliche Unterstützung. Ein weiterer Faktor sind die sozialen und geografischen Unterschiede zwischen den Klassen.



Je ähnlicher sie sich in materieller und immaterieller Hinsicht sind, desto stärker nähert sich die Geburtenraten der unteren Klassen der Reproduktionszahl in der Mittelschicht an.

In Ägypten unternimmt der Staat nicht viel, um den Rückgang der Geburtenrate zu beschleunigen – im Gegenteil. Weder wurden Aufklärungskampagnen in den Massenmedien, die in den 1980er Jahren zu greifbaren Ergebnissen geführt hatten, neu aufgelegt; noch wurde die öffentliche Gesundheitsversorgung ausgebaut.



Der jüngste Regierungsbericht zum Thema konstatiert einen Rückgang der Geburtenrate speziell in den Provinzen und an der Peripherie der Städte, mancherorts mussten aber auch Gesundheitseinrichtungen schließen, weil es nicht genug Ärztinnen und Ärzte gebe.



Im Sozialbereich tätige Organisationen leiden unter erheblichen Problemen und davon ist auch der Bereich Aufklärung über Reproduktionsgesundheit betroffen. Auch hinsichtlich der Gleichberechtigung fährt das derzeitige Regime im Namen von Familienwerten auf mehreren Ebenen eine repressive Kampagne gegen Frauen.

Der Abstand zwischen den Schichten hat sich vergrößert, große Teile der Bevölkerung sind verarmt. Das bedeutet: Die Mehrheit der Ägypterinnen und Ägypter bleibt von den Vorteilen der Urbanisierung und Entwicklung ausgeschlossen.

Auf keiner Ebene scheint sich der Staat ernsthaft zu bemühen, den Kreislauf von Armut und hoher Geburtenrate zu durchbrechen. Der staatliche Diskurs begnügt sich damit, sein „Volk“ in eine „Bevölkerung“ umzudeuten. Damit kann er es als Problem darstellen, es spalten und sich in Schuldzuweisungen gegen diejenigen ergehen, die am schutzbedürftigsten sind.

Shady Lewis Botros

© Qantara.de 2021

Übersetzung aus dem Arabischen von Christopher Resch

Shady Lewis Botros, Publizist und Psychologe, lebt in London und beschäftigt sich mit der Analyse der psychologischen Dimensionen politischer Diskurse in der arabischen Welt.