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Ausprobieren gefragt

Der Messeschwerpunkt arabische Welt könnte ein Erfolg werden – wenn alle mitmachen, meint der Übersetzer und Publizist Stefan Weidner.

Der Messeschwerpunkt Arabische Welt könnte ein Erfolg werden – wenn alle mitmachen, meint der Übersetzer und Publizist Stefan Weidner.

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​​Die arabische Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt boomt – nur keiner merkt es. Seit dem Nobelpreis für den Ägypter Nagib Machfus 1988 weist die Zahl der aus dem Arabischen übersetzten Bücher eine jährliche Zuwachsrate von 10 - 20 Prozent aus.

Konnte man Mitte der achtziger Jahre nur eine Handvoll zeitgenössischer arabischer Autoren auf Deutsch lesen, die zudem in so kleinen Verlagen erschienen, dass sie kaum aufzufinden waren, so sind heute rund 150 Werke der arabischen Literatur lieferbar – Gedichtbände, Romane, Anthologien und Klassiker.

Dabei sind die auf Französisch schreibenden Nordafrikaner wie Tahar Ben Jelloun oder Assia Djebbar noch gar nicht mitgezählt, ebenso wenig die Koranausgaben oder Sachbücher über die arabische Welt. Vieles liegt mittlerweile auch preisgünstig im Taschenbuch vor.

Mit den Herbstprogrammen 2004 wird der vorläufige Höhepunkt dieses Trends erreicht. Denn die arabische Welt ist das "Gastland" der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Was ist überhaupt die arabische Welt?

Die Wahrnehmung der arabischen Welt orientiert sich an den politischen Ereignissen der letzten Jahre. Daraus resultiert auch eine verstärkte Aufmerksamkeit auf die arabische Kultur – nach dem 11. September 2001 waren bald alle deutschen Koranausgaben vergriffen, und erst vor kurzem hat ein deutscher Verlag mit der Übersetzung des im übrigen miserablen Romans von Saddam Hussain "Zabiba und der König" einen denkbar fragwürdigen Verkaufserfolg erzielt.

Die Entscheidung der Frankfurter Buchmesse, in diesem Jahr die arabische Welt (organisatorisch vertreten durch die arabische Liga) zum Schwerpunktland zu machen, ist daher ebenso richtig wie auch gewagt. Denn es ist klar: Das wird kein unproblematischer Messeschwerpunkt werden.

Die arabische Welt, die sich geographisch von Mauretanien und Marokko im Westen bis zum Irak und der arabischen Halbinsel im Süden erstreckt (aber natürlich nicht die Türkei oder das persischsprachige Iran umfasst), ist geographisch und kulturgeschichtlich ein weitgehend einheitlicher Raum.

Hocharabisch als gemeinsame Sprache

Die Bevölkerungsmehrheit dieser 22 Länder ist muslimisch, die Amts- und Muttersprache des größten Teils der Bevölkerungen ist Arabisch.

Trotz großer dialektaler Unterschiede, vergleichbar etwa denen von Deutschland zur Schweiz, bildet das klassische Arabisch nach wie vor in allen diesen Ländern die Literatursprache. Mit anderen Worten: Ein Iraker kann problemlos einen marokkanischen Roman lesen – sofern nicht zuviel Umgangssprache in den Dialogen vorkommt.

Insofern ist es richtig, von "der arabischen Literatur" zu reden. Die Zentren der arabischen Verlagswelt sind Beirut und Kairo, so wie es für die englischsprachige Welt London und New York sind. Und die großen, in London angesiedelten arabischen Tageszeitungen, wie zum Beispiel al-Hayat oder al-Quds-al-Arabi, die fast täglich Literaturbesprechungen bringen, werden überall in der arabischen Welt vertrieben – wenn sie nicht gerade verboten sind.

Das Geld kommt vom Golf

Doch die kulturelle Homogenität wird konterkariert durch die sprichwörtliche politische Uneinigkeit der Araber. So gibt es zum Beispiel in den Golfstaaten keine nennenswerte literarische Produktion (jedenfalls keine, die sich in Übersetzungen niederschlagen würde).

Stefan Weidner, Foto: Larissa Bender
Stefan Weidner

​​Dafür sitzt dort das Geld. Ein Großteil der arabischen Aktivitäten auf der Buchmesse wird von den Golfstaaten finanziert werden – die Autoren aber werden aus Ägypten, Syrien, Libanon oder dem Exil kommen.

Hier sind Probleme also vorprogrammiert, und bei der Frage, mit welchen den Buchverkauf fördernden Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Messeschwerpunkt zu rechnen ist, sollte man vorsichtigerweise nicht allzu viele Hoffnungen auf die arabische Seite setzen.

Erfolg der Messe ist möglich

Dieses Manko könnte aber aufgewogen werden durch das starke Interesse der deutschen Literaturveranstalter, der Verlage und der Presse.

Um einen Vergleich mit den Gastländern der letzten Jahre zu bringen: Ein solches Event wie der russische Schwerpunkt wird der arabische nicht werden.

Aber erfolgreicher und größer als die eher enttäuschenden Auftritte von Griechenland und Litauen wird er sicher sein – wenn auch vielleicht aus Gründen, die mit der Literatur selbst nicht allzu viel zu tun haben.

Die arabische Welt in den Herbstprogrammen

Symptomatisch für die Berührungsängste mit der arabischen Literatur sind die Herbstprogramme der Verlage: Die, die schon immer orientalische Literatur publiziert haben, haben dieses Segment verstärkt. Die anderen, und darunter die Mehrzahl der großen Verlage, lassen vorläufig noch die Finger davon oder konzentrieren sich auf den Sachbuchbereich.

Lenos Verlag außer Konkurrenz

Außer Konkurrenz in Sachen arabischer Literatur ist der Basler Lenos Verlag. Rund fünfzig zeitgenössische arabische Romane und Erzählungssammlungen hält der Verlag derzeit als Hardcover und Taschenbuch lieferbar, darunter viele der ganz großen Autoren der arabischen Literatur.

Als hervorragende Einführung und mit 6,90 Euro denkbar günstiges Buch für alle erscheint bereits im Juli eine repräsentative Anthologie der wichtigsten Lenos-Autoren unter dem Titel "Auf Besuch".

Bereits seit Frühjahr liegt mit Erscheinen von "Sains Hochzeit", dem vierten Buch des Sudanesen Tajjib Salich (geb. 1929), das Gesamtwerk eines der größten, auch auf deutsch ohne Abstriche lesenswerten arabischen Autoren vor.

Unübertroffen und uneingeschränkt zu empfehlen ist Salichs Hauptwerk, "Zeit der Nordwanderung" (auch als TB), das seit seinem Erscheinen im Original 1966 eines der wenigen unumstrittenen Kultbücher der arabischen Literatur ist.

Neuerscheinungen aus Libyen und Syrien

Die Erfolge des aus Libyen stammenden Tuareg-Autors Ibrahim al-Koni ("Die Magier", auch als TB), mit mittlerweile sieben Büchern einer der Schwerpunkt-Autoren des Basler Verlages, sollen im Herbst mit al-Konis Sahara-Erzählungen fortgesetzt werden ("Die steinerne Herrin").

Außerdem besonders empfehlenswert: Die surreal-makaberen, erfrischend tabulosen Kurzgeschichten aus der Feder des 1931 geborenen Syrers Sakarija Tamer. In der Sammlung "Die Hinrichtung des Todes" (erscheint im August) schickt der im Londoner Exil lebende Autor berühmte Persönlichkeiten der arabischen Geschichte immer in die falsche Zeit – eine der wenigen Satiren der heutigen arabischen Literatur.

Machfus ohne Ende

Zwei weitere Schweizer Verlage haben ein ungewöhnlich starkes arabisches Programm, der Ammann-Verlag und der Unionsverlag. Lucien Leitess, der Leiter von Unions, scheint den Ehrgeiz zu haben, sukzessive das Gesamtwerk des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus auf Deutsch herauszubringen.

Das sage und schreibe neunzehnte Machfus-Buch in diesem engagierten Zürcher Verlag kommt im Juli unter dem Titel "Die Reise des Ibn Fattuma" heraus. Nach dem eher enttäuschenden "Der Rausch" vom letzten Herbst ist dies ein Roman, in dem Machfus alle seine Stärken souverän ausspielt. In Gestalt des abenteuerlustigen Ibn Fattuma entführt der Ägypter seine Leser in ferne Länder und fremde Sitten – nie ohne die ein oder andere köstliche Lebensweisheit aus den Abenteuern zu ziehen.

Mitten in die Gegenwart, ins Herz des israelisch-palästinensischen Konflikts, entführt dagegen die bedeutendste palästinensische Autorin, Sahar Khalifa (geb. 1941), mit ihrem mittlerweile sechsten Werk bei Unions ("Die Verheißung").

Khalifa zählt zu den wenigen Autoren, von denen bereits feststeht, dass sie zur Messe kommen werden. Das Goethe-Institut hat sie zum Gespräch mit Jutta Limbach eingeladen. Man darf hoffen, daß die ebenso charmante wie lebhafte Palästinenserin eine Lesereise anschließt. Eine glaubwürdigere Botschafterin können sich ihre Landsleute kaum wünschen.

Dichtung hoch im Kurs

Für die Araber selbst ist die angesehenste Gattung übrigens bis heute nicht der Roman, sondern seit vorislamischer Zeit vor 1500 Jahren die Versdichtung. Wer die arabische Literatur wirklich kennen lernen will, kommt daher um die Lyrik ebenso wenig herum wie derjenige, der ohne Umwege gleich das Feinste lesen will.

Hier hat der Ammann Verlag seine Stärke, die beiden wichtigsten arabischen Dichter, der Syrer Adonis und der Palästinenser Mahmoud Darwish sind bei Ammann in repräsentativen zweisprachigen Ausgaben erschienen.

Im Herbst kommt nun der zweite Band der groß angelegten Adonis-Auswahl. Darin findet sich das berühmte Landgedicht "Ein Grab für New York" aus dem Jahr 1970, das die Ereignisse des 11. September dichterisch vorweggenommen hat.

Adonis ist übrigens auch als erstklassiger Vortragskünstler bekannt. Wer ihn einmal erlebt hat, weiß, warum die arabische Dichtung ungebrochene Verehrung genießt. Auch er wird im Herbst sicher zu einigen Lesungen in Deutschland sein.

Lyrik fast nur in Kleinverlagen

Ansonsten findet man arabische Lyrik in diesem Herbst nur in Kleinverlagen wie dem "Verlag Hans Schiler", der aus der Konkursmasse der Berliner Fachbuchhandlung "Das Arabische Buch" hervorging.

Dort findet man in diesem Herbst unter anderem Gedichte des derzeit wohl namhaftesten irakischen Lyrikers, Saadi Yusuf, der seit langem in London lebt. Bisher waren seine Gedichte auf Deutsch nur in Anthologien vertreten ("Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung." C.H. Beck).

Ein Kuriosum bei Hans Schiler, das aber seine Liebhaber finden wird: Die zweisprachige Ausgabe mit Liedern der legendären ägyptischen Sängerin Umm Kulthum.

Keine Angst vor Klassikern

Unter den namhaften deutschen Verlagen hat eindeutig C.H. Beck das stärkste orientalische Programm. Die bibliophil gestaltete, dennoch preisgünstige "Neue Orientalische Bibliothek" ist derzeit die einzige Buchreihe im deutschsprachigen Raum, die den großen klassischen Werken des islamischen Kulturkreises eine Heimat bietet.

Alle anderen publizieren mittlerweile fast ausschließlich moderne Autoren. Mag sein, dass man mit Klassikern keine schnellen Verkaufserfolge erzielen kann.

Aber alle in der "Neuen Orientalischen Bibliothek" erscheinenden Werke zählen unstrittig zur Weltliteratur, und der Erfolg mit der Neuübersetzung von "1001 Nacht" in diesem Frühjahr beweist, dass man diese Literatur auch verkaufen kann, wenn das Marketing stimmt und die Buchhändler mitziehen. Die neue Ausgabe von "1001 Nacht" wird auch auf der Messe noch den Schwerpunkt des arabischen Programms bei C.H. Beck bilden.

Wenige Titel bei anderen Verlagen

Der international hoch gehandelte, doch in Deutschland bislang erfolglose libanesische Romancier Elias Khoury setzt seine deutsche Verlagsodyssee fort. Von "Das arabische Buch" ist er zu C.H. Beck gewechselt, aber sein neustes Buch, "Das Sonnentor" erscheint überraschenderweise bei Klett-Cotta.

Es ist ein Epos über den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 und die sich anschließenden Flüchtlingsschicksale. Das 400-Seiten Werk gilt in der arabischen Welt als sein Opus-Magnum. Khoury, der wie Sahar Khalifa als literarischer Anwalt der Palästinenser gilt, wäre ein Erfolg vergönnt.

Bei Hanser hingegen wurde das arabische Segment bislang hauptsächlich durch den populären, auf Deutsch schreibenden Syrer Rafik Schami vertreten.

Im Herbst tritt der Iraker Najm Wali mit seinem Roman "Ein Berg aus Fleisch" hinzu, der von den Irrungen und Wirrungen arabischer Intellektueller der nach-68-er Generation berichtet.

Najm Wali, der in der Bundesrepublik als Korrespondent für arabische Zeitungen lebt und sehr gut Deutsch spricht, dürfte ebenfalls auf Lesereise gehen.

Suhrkamp bringt die lang erwartete Neuausgabe des Romans "Sitt Marie-Rose", eine der berühmtesten Darstellungen des libanesischen Bürgerkriegs. Ferner findet man von der in Kalifornien und Paris lebenden, auf Englisch und Französisch schreibenden Libanesin einen Band mit scharfsinnigen, tagebuchähnlichen Aufzeichnungen.

Nagib Machfus schließlich wird durch die Aufnahme in die Bibliothek Suhrkamp geadelt. Hier erscheint eine Neuauflage seines lange vergriffenen Klassikers "Das Hausboot am Nil."

Neugier gefragt

Das ist zweifellos Lesestoff genug für eine vermeintlich randständige Literatur, genug auch für einen zünftigen Messeschwerpunkt.

Tatsächlich liegt das Problem der arabischen Literatur im deutschsprachigen Raum aber nicht darin, dass es keine Übersetzungen gäbe. Das Problem ist vielmehr, dass die Vermittler fehlen.

Zu wenige Rezensionen in deutschen Tageszeitungen

Es gibt kaum einen auf die orientalische Literatur spezialisierten Kritiker. NZZ und FAZ sind die einzigen großen Blätter, die in zuverlässiger Regelmäßigkeit arabische Literatur besprechen lassen. Somit besteht die Gefahr, dass wir im kommenden Herbst zwar genügend arabische Bücher haben werden, aber nur wenige, die diese Bücher bekannt machen und die Spreu vom Weizen trennen.

Zudem gibt es keine Überblicksdarstellungen, mit deren Hilfe sich der interessierte Buchhändler, Kritiker oder Leser über das Vorhandene informieren könnte.

Als Geheimtipp kann immerhin auf ein Werk bei der Wiener Edition Selene hingewiesen werden, die die Marktlücke erkannt haben. Dort erscheint im September: "Erlesener Orient. Ein Führer durch die Literatur der islamischen Welt."

Fazit: Was das Gastland arabische Welt betrifft, sind Neugier, Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude von allen Beteiligten gefragt: Buchhändlern, Kritikern, Literaturveranstaltern, Verlagen und nicht zuletzt Lesern.

Der Lohn dafür ist die Entdeckung eines neuen literarischen Kontinents, der einen lange nicht loslassen wird und in Zukunft noch viele Überraschungen bereithalten könnte.

© Stefan Weidner 2004

Stefan Weidner ist Autor und Übersetzer aus dem Arabischen. Im August erscheint von ihm im Ammann Verlag: "Mohammedanische Versuchungen. Ein erzählter Essay über Gott, die Welt, Deutsche und Araber."

Dieser Artikel ist erstmalig im "Börsenblatt" 22-2004 erschienen

Lenos Verlag
Unionsverlag
C.H. Beck
Verlag Hans Schiler
Edition Selene
Suhrkamp Verlag
Verlag Klett-Cotta

Weitere Verlage, die Literatur arabischer Autoren verlegen, sind der Verlag Donata Kinzelbachund der A1-Verlag

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