Türkpop

Sezen Aksu und ihre Kinder

Der Erfolg des musikalischen Programms des am vergangenen Sonntag beendeten "Şimdi Now"-Festival war vor allem einer Frau zu verdanken: Sezen Aksu steht hinter fast allen, die Türkpop groß gemacht hat.

Der Erfolg des musikalischen Programms des am vergangenen Sonntag beendeten " Şimdi Now "-Festival war vor allem einer Frau zu verdanken: Sezen Aksu steht hinter fast allen, die Türkpop groß gemacht hat.

Sezen Aksu, Foto: Pressefoto
Sezen Aksu

​​Sie erscheint mit einem gelassenen Lächeln, unaufgeregt, in der Gewissheit, dass ein Großteil der Arbeit längst getan ist, noch bevor sie die Bühne betritt: Sezen Aksus Konzert im Berliner Tempodrom am vergangenen Donnerstag hatte viel von einer Familienfeier.

Alle durften mitmachen, selbst die Backgroundsänger bekamen Gelegenheit dazu, eigene Lieder vorzutragen, und wenn alle höflich beklatscht wurden, so blieb der frenetische Jubel Sezen Aksu vorbehalten. Dass das Publikum die Texte auswendig kann und inbrünstig mitsingt, ist Ehrensache: "Sie ist einfach die Größte" lautet das knappe, einstimmige Urteil der Gäste.

Die Mutter aller Türk-Popstars

Von den übrigen beiden musikalischen Schwergewichten des Festivals hat Sezen Aksu keine Konkurrenz zu fürchten: Tarkan schrieb sie seinen bisher einzigen Welthit "Sımarık" auf den Leib, und auch Sertab Erener, der dritte Popstar des Festivals, ist Sezen Aksus Entdeckung. In der türkischen Popmusik kommt an ihr einfach niemand vorbei.

Dass beide inzwischen international bekannter sind als sie, ist nicht zuletzt auf ihre Vorarbeit zurückzuführen, als sie in den neunziger Jahren zahlreiche europäische und internationale Einflüsse in ihren Aufnahmen verarbeitete und so die türkische Musik für die Welt öffnete – und umgekehrt.

Ein ungezogener Junge

Natürlich bleiben auch in den besten Familien Streitigkeiten nicht aus, und Tarkan hat es seinen Fans nie leichtgemacht. In Deutschland aufgewachsen, musste er im Alter von 15 Jahren in die Türkei, wo er ein Musikstudium begann. Umstritten war seine Entscheidung, 1994 nach New York zu ziehen, um seinen Fans zu entgehen, ebenso wie die Tatsache, dass er seinen Militärdienst auf einen Monat verkürzte.

2001 schließlich outete sich der Sänger nach einem Erpressungsskandal als homosexuell. Vielleicht erklärt aber auch gerade diese zerrissene Biografie zum Teil seine Beliebtheit bei Jüngeren, die sich mit den traditionellen Rollenbildern ihrer Eltern nicht mehr identifizieren können, und für die Tarkan diese Konflikte mit auslebt.

Nie wieder Jungstar

Von schwindender Beliebtheit war jedenfalls am Samstag in der fast vollen Arena nichts zu spüren, eher ist es Tarkan selbst, der ein wenig auf Distanz zu seinen Fans bleibt. Mit einer professionellen Bühnenshow und satten Pop-Balladen zeigt er seine Eigenständigkeit und seine Entwicklung weg vom Jungstar zu einem eigenständigen Profil, eines, das auch international ankommt.

Über ein Viertel der Fans sind an diesem Abend deutschstämmig, viele sind hier, weil sie Tarkan schon lange kennen und die Fusion von orientalischen und europäischen Klängen schätzen. "Wir lieben die Türkei, sind jeden Sommer da, und natürlich gefällt uns auch die Musik" gibt Melanie, eine Konzertbesucherin, Auskunft. "Er tanzt einfach so sexy und ist nicht so kalt wie die englischen Stars".

Das Wunschkind

Eher brav, aber nicht minder erfolgreich, nimmt sich dagegen Sertab Erener aus, der dritte Star des Festivals. Ihr Erfolg beim Eurovision Sound Contest 2003 machte sie europaweit bekannt, und auch Sertab verlegte sich in Folge auf eine internationale Karriere.

Melodiöser, handwerklich solider Pop kennzeichnen ihre Alben aus, und mit spektakulären Bühnenshows hat sie sich eine treue Fangemeinde erarbeitet, mit ihrer Weigerung, Interviews zu geben, pflegt sie zugleich den Ruf einer Diva.

Teşeküler - Dankeschön

Solche Ideen wären Sezen Aksu fremd. Sie geht ganz auf ihr Publikum ein, scherzt, kommentiert Einwürfe, lässt die Zuschauer dann ein Lied wünschen, und tritt erst nach mehreren Zugaben unter standing ovations ab, nicht ohne sich ausführlich für den großartigen Empfang zu bedanken, der ihr bereitet wurde.

Musikalisch ist die Türkei mit Sertab Ener und Tarkan schon lange in Europa angekommen, und auch wenn Sezen Aksu hierzulande noch weniger bekannt ist als ihre Ziehkinder, so ist das doch zu einem Grossteil ihr Verdienst. Auch dafür: Teşeküler.

Wolf Broszies

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2004

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