Türkisches Engagement in Afghanistan

"Soft-Power" für ein gutes Image

Obwohl die türkische Regierungspartei AKP den NATO-Einsatz in Afghanistan kritisch sieht, blieb die Türkei auch nach dem Regierungswechsel 2002 daran beteiligt. Die Türkei will vor allem die Sicherheit im Land herstellen und beim Wiederaufbau helfen. Einzelheiten von Cem Sey.

Türkische Soldaten hissen die türkische Fahne; Foto: dpa
Mehr als nur ein militärischer Einsatz: Ankara geht es in Afghanistan nach der Bekämpfung der Al Qaida primär um zivilen Wiederaufbau.

​​ Von Anfang an war Ankara an der NATO-Operation in Afghanistan beteiligt. Den Beschluß dazu hatte noch die Mitte-links Regierung unter Bülent Ecevit nach den Anschlägen in New York vom 11. September 2001 getroffen. Im folgenden Jahr übernahm zwar die pro-islamische AKP die Regierungsverantwortung, aber auch sie blieb bei ihrem Engagement, obwohl sie dem NATO Einsatz deutlich kritischer gegenüberstand. Zwei Mal übernahm die Türkei in dieser Zeit sogar die Führung der ISAF (International Security Assistance Force).

Allerdings legte Ankara ab 2002 besonderen Wert darauf, dass die eigenen Soldaten nicht in Kriegshandlungen verstrickt wurden. Grund dafür waren nicht etwa Verluste der türkischen Armee, denn es hat fast keine Überfälle auf türkische Soldaten gegebenen. Vielmehr versuchte die Türkei ihr Engagement in Afghanistan in einen historischen Kontext einzubetten und Gemeinsamkeiten mit der afghanischen Geschichte zu betonen.

Diese beginnen kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Damals kamen die Afghanen den Türken zu Hilfe: Als die Entente, das Militärbündnis zwischen dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Russland, nach dem Ersten Weltkrieg die türkisch besiedelten Teile des Osmanischen Reiches in Interessensphären aufteilen wollte, protestierte König Amanullah Khan, Gründer des heutigen Afghanistan. Er solidarisierte sich mit dem aufkeimenden türkischen Widerstand in Anatolien unter Mustafa Kemal Atatürk, aus dem die Türkische Republik hervorging. Eine Geste, die dort bis heute nicht vergessen ist.

In den darauffolgenden Jahrzehnten wirkten türkische Ärzte, Offiziere, Professoren und Lehrer am Hindukusch. Die Türkei leistete Hilfe bei der Gründung der Universität Kabul, der afghanischen Militärakademie und des Konservatoriums.

Entwicklungshelfer statt Militärs

Heute sind 800 türkische Soldaten in der Hauptstadt Kabul und in der Provinz Wardak stationiert. Doch Politiker der Regierungspartei meinen, die Zeit der militärischen Aktionen sei abgelaufen. "Wir wünschen, dass die NATO dort die Sicherheit herstellt und sich etappenweise zurückzieht", sagt Suat Kiniklioglu, Mitglied des Außenpolitischen Ausschusses des türkischen Parlaments und außenpolitischer Sprecher der in Ankara regierenden AKP. "Doch unsere besonderen Beziehungen zu Afghanistan könnten uns dazu bringen, dass wir eine andere Herangehensweise entwickeln, egal, was der Westen künftig tun wird."

Karte des Mittleren Ostens; Foto: DW
Der NATO-Stützpunkt Incirlik im Süden der Türkei: Umschlagplatz für Nachschub der ISAF nach Afghanistan.

​​ Wenn türkische Politiker und Experten von einer "anderen Herangehensweise" sprechen, fällt meist kurz danach auch das Zauberwort "Soft-Power". Gemeint ist damit, dass die Türken beispielsweise mehr Schulen und Krankenhäuser bauen wollen. Die Afghanen sollen besser ausgebildet und versorgt werden. Gewünscht ist, dass private türkische Firmen in die afghanische Infrastruktur investieren.

Diese direkte Hilfe werde der Bevölkerung unmittelbar zugute kommen und Türkei-Sympathien unter den Afghanen verstärken, meint Kamer Kasim von der türkischen Denkfabrik USAK. "Die Schulen, die von Türken gegründet werden, die Aktivitäten türkischer Firmen, das alles kann selbstverständlich als 'Soft-Power' der Türkei verstanden werden. Wenn diese Akteure dort zu Bildung und Gesundheit beitragen, dann verstärkt das das gute Image der Türkei in Afghanistan."

Erfolge sind sichtbar

Täglich suchen rund 900 Afghanen in den von der Türkei gebauten Krankenhäusern Hilfe. Jede Behandlung ist kostenlos. In den letzten acht Jahren konnte so rund 800.000 Afghanen medizinisch geholfen werden. Und in 34 türkischen Schulen lernen über 50.000 afghanische Kinder Lesen und Schreiben. Viele von ihnen lernen Türkisch.

Wiederaufbau in Herat; Foto: DW
Wiederaufbau in Herat: Täglich werden rund 900 Afghanen in den von der Türkei gebauten Krankenhäusern behandelt. In den letzten acht Jahren konnte so rund 800.000 Afghanen medizinisch geholfen werden.

​​ Doch das soll nicht alles sein. Die Türkei will noch 35 weitere Kliniken und Schulen bauen lassen. Es geht darum, die ethnischen Minderheiten, von denen viele Turkvölker sind, und damit auch Afghanistan für eine Türkei-orienierte Politik in Zentralasien zu gewinnen.

Doch sein Land verfolge auch wirtschaftliche Interessen in Afghanistan, betont der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu. In seinem Buch "Strategische Tiefe" misst er Zentralasien und Afghanistan große Bedeutung zu. Es gebe dort nicht nur enorme Bodenschätze. Diese Region sei aus türkischer Sicht auch als Handels- und Energietransportweg nach Asien extrem wichtig.

Dass die Türkei ihre Wirtschaftsinteressen konsequent verfolgt, zeigt auch das neueste Infrastrukturprojekt: Geplant ist eine Eisenbahnlinie von Pakistan über Afghanistan und Iran bis in die Türkei.

Die Türkei als politischer Wegweiser

Politisches Ziel der Türkei sei die Stabilität Afghanistans und die Beseitigung der nicht-afghanischen Kämpfer, also der Al Qaida, sagt der Politikprofessor Kasim. Ankara sieht sich als Vordenker der aktuellen NATO-Strategie in Afghanistan. Diese sei in Istanbul entworfen und später in der Londoner Afghanistan-Konferenz vberabschiedet worden, betont Kasim.

Regelmäßige Beratungen zwischen der Türkei, Pakistan und Afghanistan gehen ebenfalls auf eine türkische Initiative zurück, betont Ankaras Außenminister. In diesem Rahmen treffen sowohl Staatspräsidenten und Parlamentarier als auch Militärs und Geheimdienstchefs der drei Länder zusammen.

"Der Türkei vertrauen sowohl Afghanistan als auch Pakistan. Keiner von beiden misstraut unserem guten Willen", sagt Außenpolitik-Experte Kiniklioglu. Und das liege vor allem daran, dass die Türkei keine koloniale Vergangenheit in Afghanistan habe. Deshalb schätze man die türkische Dialoginitiative so sehr.

Cem Sey

© Deutsche Welle 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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