Türkischer Buchmarkt

Hoffen auf einen Modernisierungsschub

Politische, wirtschaftliche und religiöse Fragen bestimmen die Diskussion um den Beitritt der Türkei zur EU. Einblicke in den Buchmarkt des Landes gab der türkische Übersetzer Vedat Çorlu bei einem Besuch im Haus der Frankfurter Buchmesse.

Politische, wirtschaftliche und religiöse Fragen bestimmen die Diskussion um den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Einblicke in den Buchmarkt des Landes gab der türkische Übersetzer Vedat Çorlu bei einem Besuch im Haus der Frankfurter Buchmesse.

Türkische Flagge über dem Bosporus, Foto: dpa
Türkische Flagge über dem Bosporus

​​Die nackten Zahlen sind bemerkenswert: Die Türkei hat knapp 70 Millionen Einwohner, 80 Prozent der Bevölkerung sind schreib- und lesekundig – doch nur vier Prozent lesen gelegentlich ein Buch. Die Statistik des türkischen Bildungsministeriums lässt sich aber auch anders interpretieren: Bücher und die Kultur des Lesens haben in der Türkei noch großes Potenzial.

"Ein Grund für den geringen Stellenwert von Büchern liegt in der mündlichen Erzähltradition unseres Landes", sagt der Übersetzer Vedat Çorlu. Ein funktionierender Buchhandel samt Buchvertrieb ist außerdem nur in Großstädten wie Istanbul, Ankara, Izmir, Bursa und Antalya vorhanden. "Auf dem Land haben die Menschen so gut wie keinen Zugang zu Büchern. Und von staatlicher Seite haben Bücher seit jeher einen geringen Stellenwert."

Der Staat: Konkurrent statt Förderer

Seit der Demokratisierungsprozess läuft, könne von staatlicher Repression oder Zensur zwar keine Rede mehr sein, auf finanzielle Unterstützung brauchen Verlage und Buchhandlungen jedoch auch nicht warten, selbst Bibliotheken erhalten keine Mittel, um systematisch neue Werke anzuschaffen.

Mit Subventionen würde die Regierung die Konkurrenz unterstützen, denn der türkische Staat ist selbst Großverleger. Die Verlage von Ministerium, Behörden und Instituten sind in fast allen Sparten tätig und damit die größten Rivalen der rund 1.400 privaten Verlage, von denen knapp die Hälfte aktiv ist.

Vedat Çorlu beklagt seit Jahren die fehlende Unterstützung für das Lesen und das Publizieren in der Türkei: Er war Verlagsleiter der linksliberalen Verlage Kabalcı und Yapı Kredi, gab eine Literaturzeitschrift heraus und saß dem staats- und religionsunabhängigen Verlegerverband vor.

Seit zwei Jahren arbeitet der 40 Jahre alte Çorlu hauptberuflich als Übersetzer, sein nächstes Projekt ist die Übertragung der Werke von Franz Kafka und Heinrich Mann ins Türkische. "Man kann allerdings nur mehr schlecht als recht davon leben."

Türkische Verlage lassen sich in drei Gruppen einteilen, in religions-, rechts- und links/liberalorientierte Unternehmen. Pro Jahr veröffentlichen sie rund 6.000 Neuerscheinungen, davon 4.000 Originaltitel und 2.000 Übersetzungen. Die Auflagenhöhe beträgt im Schnitt 2.000 Exemplare, der durchschnittliche Preis für ein Taschenbuch 8,50 Euro – viel Geld in einem Land, in dem ein Verlagslektor 600 Euro und ein langjähriger Universitätsprofessor 1.000 Euro im Monat verdient.

Teure Bücher, wenig Sortimente

Die ca. 1.300 Buchhandlungen des Landes sind in der Mehrzahl Verkaufsstellen, nur in den Großstädten finden sich rund 100 echte Sortimente mit einer breiten Titelauswahl. Da in der Türkei keine gesetzliche Preisbindung besteht, werden Bücher mit zum Teil hohen Rabatten verkauft.

Vor allem die Buchmessen in Istanbul und anderen Großstädten sind gute Gelegenheiten für Schnäppchenkäufe. "Bei den Buchmessen in der Türkei handelt es sich ausnahmslos um verkaufsorientierte Messen, an denen der Leser mit bis zu 40 Prozent Preisnachlass Bücher kaufen kann", sagt Vedat Çorlu. "Folglich stellen die Buchmessen auch wichtige Vertriebsinstanzen dar."

Bei der größten Istanbuler Messe, die alljährlich vom Messeveranstalter TÜYAP veranstaltet wird, nahmen in diesem Jahr 400 Aussteller teil. "Auch wenn sich die Messe das Adjektiv ‚international’ trägt, handelt es sich um eine nationale Messe", meint Çorlu.

Neben dem von der Frankfurter Buchmesse organisierten Gemeinschaftsstand deutscher Verlage treten dort lediglich der British Council Istanbul, BIEF Istanbul, Instituto Cervantes Istanbul (spanisches Kulturinstitut) und einige englische Buchhandlungen auf.

Potenzial für den Rechtehandel

Übersetzungen englischer, amerikanischer oder französischer Bestseller stehen bei der Leserschaft viel höher im Kurs als etwa die neuen Bücher von Thomas Brussig, Bodo Kirchhoff oder Judith Herrmann.

Doch immerhin ist das Interesse türkischer Verlage an deutscher Literatur erheblich höher als umgekehrt: "Das Verhältnis liegt etwa bei 100:1", schätzt Çorlu. Im Jahr 2003 haben deutsche Verlage 104 Lizenzen in die Türkei vergeben, rund 80 Titel wurden ins Türkische übersetzt.

Die Frankfurter Buchmesse wird allerdings selten zum Lizenzhandel und zur Kontaktaufnahme genutzt: "Türkische Verleger kaufen hier nur selten Rechte an deutschen Titeln ein." Neben sprachlichen Barrieren liege dies vor allem daran, so Çorlu, dass nur wenige Verlagsleute und Übersetzer aus der Türkei nach Frankfurt kämen: Für viele Verlage sind Reise, Aufenthalt und Messekosten schlicht zu teuer. Tatsächlich sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten der meisten türkischen Verlage arg begrenzt: Nur 20 Verlage beschäftigen mehr als fünf Mitarbeiter.

Aktiv werden vor der politischen Integration

Der türkische Buchmarkt mit einem Jahresumsatz von 300 Millionen Euro ist für viele deutsche Verlage noch Terra incognita, nur wenige Autoren wie Yaşar Kemal, Orhan Pamuk, Ahmet Altan oder Aziz Nesin sind deutschen Lesern geläufig.

Doch auch in der Türkei gibt es Nachholbedarf: Obwohl viele Türken Deutschland und die deutsche Kultur kennen, weil sie lange in Deutschland gelebt und gearbeitet haben, sind zeitgenössische deutsche Autoren in der Türkei nahezu unbekannt. Vielleicht, so hofft Vedat Çorlu, geben die Verhandlungen um einen EU-Beitritt der Türkei auch dem Buchmarkt einen Modernisierungsschub und treiben den Lizenzhandel voran.

Deutsche Verlage brauchen jedoch nicht untätig zu warten, bis eine politische Integration der Türkei näher gerückt ist, appelliert Vedat Çorlu: "Hilfreich wären Veranstaltungen mit deutschen Autoren etwa im Istanbuler Goethe-Institut, die bei der Bevölkerung sicher auf großes Interesse stoßen würden." Bis allerdings vom Leseland Türkei die Rede sein wird, ist es noch ein langer Weg.

Eckart Baier

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Buchmesse

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