Türkische Kunstszene
"Abseits, aber Tor!"

Zeitgenössische türkische Kunst wird sowohl in der Türkei, als auch in Europa kaum wahrgenommen. Ein neu erschienenes Buch zweier türkischer Autoren zeigt auf, wie die Kunstszene am Bosporus heute um mehr internationale Anerkennung ringt. Von Necmi Sönmez

Die zeitgenössische türkische Kunst ist in Deutschland nur wenigen bekannt. Zwar finden seit einigen Jahren verschiedentlich Trendausstellungen türkischer Gegenwartskunst statt (in Bonn, Baden Baden, Karlsruhe, Berlin), aber einen Überblick über das heutige künstlerische Schaffen in der Türkei hat es bis jetzt nicht gegeben.

Eigenwilliger Querschnitt türkischer Kunst

Vor diesem Hintergrund gibt das im Auftrag des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft herausgegebene Buch mit dem Titel "Szene Türkei: Abseits, aber Tor!" von den türkischen Autoren Vasif Kortun und Erden Kosova dem deutschen Publikum einen sehr eigenwilligen, aber keineswegs repräsentativen Querschnitt zeitgenössischer türkischer Kunst.

Die in Istanbul institutionsgebunden als Kuratoren und Kritiker arbeitenden Verfasser diskutieren in interviewähnlicher Form in sechs Kapiteln über die türkische Kunstszene der 90er Jahre.

Diesen, oft wie Seminardebatten klingenden Gesprächen ist leider eine gewisse Selbstinszenierung anzumerken, wobei wichtigen Aspekte der türkischen Kunstszene übergangen oder ausgedünnt werden.

Nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 zeichnete sich eine neue Situation der türkischen Kunst und Kultur ab. Die jungen Künstler nutzten das neue, schwierige politische, soziale und wirtschaftliche Klima anders als die älteren Generationen, indem sie auf die Veränderungen reagierten, welche die internationale Kunstszene inzwischen erfahren hatte.

Biennale und Wandel der Kunstszene

Auf dieser Linie entwickelte 1987 die "Istanbul Foundation for Art and Culture" die Initiative einer internationalen Biennale der zeitgenössischen Kunst. Die Gründung und die Fortsetzung der Biennale wurden von einem großen Wandel der Kunstszene in Istanbul begleitet.

Bis 1995 wurde die Biennale von türkischen Kuratoren verantwortet. Es war Vasif Kortun selbst, der die 3. Biennale noch nach dem alten Muster von Länderpräsentationen organisiert hatte.

Die wichtigsten Impulse einer Internationalisierung löste erst die 4. Biennale unter der Federführung des deutschen Kurators René Block aus. Die Autoren schweigen über diesen Paradigmenwechsel. Die komplette Ausschaltung der 70er und 80er Jahre führt dieses Buch auf eine schwache Leitlinie.

Die vorgestellten Künstler, die von den Autoren als Beispiele ihrer, einem internationalen Kunstjargon angepassten Thesen herangezogen werden, verleihen der Veröffentlichung den Charakter eines Gruppenausstellungskataloges, dessen programmatischer Anspruch nicht einleuchtet.

Künstler der 70er und 80er Jahre wie der Maler Altan Gürman, der Performance Künstler Ismail Saray, die Malerin Ipek Duben, die Videokünstlerin Nil Yalter, die den experimnentierfreudigen Boden bereitet haben, auf dem die heutige türkische Kunst gedeiht, finden in diesem Buch keine Erwähnung, oder wichtige Installationskünstlerinnen wie Fusün Onur und Ayse Erkmen werden viel zu kurz dargestellt.

Die Autoren konzentrieren sich auf die Positionen von Künstlern wie Gülsün Karamustafa, Halil Altindere, Hale Tenger, die aus pseudo-politischer Haltung plakativ erzählerische Arbeiten realisiert haben. Der Maler Vahap Avsar, der mehr als zehn Jahren nicht mehr als Künstler tätig ist, wird merkwürdigerweise als ein wichtiger Protagonist behandelt.

Gesellschaftliche Gegensätze als Impulse

Foto: &copy 'Abseits, aber Tor!'
Thema Kopftuch und Verwestlichung bei Memed Erdener's 'Der Wald des Friedens'

​​Die wichtigsten Impulse der türkischen Gegenwartskunst kommen aus extremen Gegensätzen der türkischen Gesellschaft zwischen Dorf und Stadt, Tradition und Moderne, Politik zwischen rechts und links existieren sehr unterschiedliche Weltanschauungen, die jeweils eine Seite der türkischen Wirklichkeit darstellen. Das Buch erhellt leider kaum diese fundamentalen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Autoren haben jene Künstler bevorzugt, die ihre politische Unterdrückung und Benachteiligung seit Jahren ins Bild zu setzen wissen und die in den letzten Jahren als "türkische Künstler" zu mehreren Ausstellungen in Europa eingeladen wurden.

Im letzten Kapitel des Buches, in dem die Arbeiten der von den Verfassern als "böse Buben und fragile Töchter" bezeichneten Künstler vorgestellt werden, wird besonders deutlich, dass die Autoren lediglich unterschiedlichste künstlerische Haltungen miteinander zu verbinden suchten.

So ist ein schönes Bilderbuch entstanden, das von vielen etwas zeigt, aber ohne fundierte Auseinandersetzung mit den neuen Positionen der Istanbuler Kunstszene, wozu die fehlende Kunstkritiker, die Gründung international arbeitender Galerien, die Umorientierung der Sammler und die leider missratene Gründung von zwei neuen Museen gehört.

Necmi Sönmez

© Qantara.de 2005

Der Autor ist Kurator für internationale Wechselausstellungen des Forum d'Art Franco-Allemand, Château de Vaudrémont in Frankreich. Er ist Mitarbeiter deutscher und türkischer Kunstzeitschriften.

"Böse Buben und Fragile Töchter", Szene Türkei: Abseits, aber Tor! Vasif Kortun und Erden Kosova, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2005

Qantara.de

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