Türkische Kulturpolitik

Der Club der toten Nationaldichter

Der Turkologe und Publizist Klaus Kreiser kritisiert die offizielle Kulturpolitik der Türkei mit scharfen Worten – diese sei rückwärtsgewandt und staatstragend. Eine Moderne fände nicht statt.

Das Fehlen hochrangiger türkischer Vertreter bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Orhan Pamuk im vergangenen Oktober erzwingt die Frage an das offizielle Ankara:

Wie steht es um die auswärtige Kulturpolitik der Türkei?

Türkische Kulturpolitik - ein Rückblick

In den vergangenen 50 Jahren unterzeichnete die Republik Kulturabkommen mit 75 Staaten. Ankara schickte Streichquartette mit klassischer Musik nach Pakistan, restaurierte osmanische Bauten in Libyen und leerte die Schatzkammern des Topkapi-Serails für Ausstellungen in New York, London oder Tokio.

Als die Regierung Menderes etwa im Jahr 1957 mit der Bundesrepublik Deutschland einen Vertrag über kulturellen Austausch abschloss, war sie noch nicht das "nahe Ausland", zu dem sie inzwischen durch Arbeitsmigration und Einwanderung wurde.

Die deutsche Seite knüpfte zunächst mit Studentenaustausch, Sprachunterricht und archäologischen Grabungen an die Vorkriegsjahre an. Die kulturbeflissenen Deutschen erlebten die Türkei als ein Land, in dem die Götter des hethitischen Pantheons und griechische Philosophen mit den Sultanen der osmanischen Dynastie das Feld beherrschen.

Die Türkei Atatürks und Inönüs hatte Rundfunk, Theater, Orchester und Opernhäuser einst ebenso in staatlicher Regie betrieben wie ihre neuen Fabriken und Raffinerien. In den Provinzstädten waren die Filialen des Erziehungsministeriums oft die einzigen Buchhandlungen.

Fast die gesamte Literatur wurde in Istanbul verlegt. Nach ersten Geh-Übungen im Mehrparteiensystem war der Staat noch lange der wichtigste Produzent kultureller Tauschware. Eine türkische Besonderheit war und ist die intensive Kulturarbeit von Banken und Holdings. Neben den staatlichen Klangkörpern entstanden durch die Kulturprogramme potenter Sponsoren Symphonie- und Kammerorchester.

Das Dilemma der staatlichen kulturellen Außenpolitik wird aber mehr als deutlich, wenn man die in Ankaras Ministerien produzierten Kataloge für die letzten Frankfurter Buchmessen durchblättert. Kein Besucher kann angesichts dieser lieblosen Broschüren in brüchigem Deutsch ahnen, wie lebendig und inhaltsreich die vom Buchhändlerverband organisierte Schwestermesse in Istanbul ist.

Trojanische Holzpferde und wirbelnde Derwische

In der Türkei besteht eine informelle Arbeitsteilung zwischen dem staatlichen Sektor auf der einen Seite und den privaten Verlagen und Stiftungen auf der anderen. Der Staat sieht sich - nicht erst seit Ministerpräsident Erdogan - als Verwalter des vorrepublikanischen türkischen und islamischen Erbes, während man die Moderne dem freien Markt überlässt.

Da der Kulturminister seit jeher das Ressort Tourismus mitverwaltet, muss man sich nicht wundern, wenn trojanische Holzpferde und wirbelnde Derwische unterschiedslos für das PR-Geschäft eingesetzt werden.

Es ist verblüffend, wie nachlässig türkische Kulturpolitiker die von Atatürk und seinem Nachfolger geprägte Moderne behandeln. Mit einer Liste von 100 Literaturwerken hat das Ministerium für Nationale Erziehung kürzlich die Karten auf den Tisch gelegt. Diese Leseempfehlungen für Schüler der Mittelstufe bestehen aus 73 türkischen Titeln und 27 aus anderen Sprachen übersetzten Büchern.

An die Spitze wurde reflexartig Atatürks detailbesessene Mammutrede über den anatolischen Befreiungskrieg gesetzt. Es folgen osmanische und frührepublikanische Literaturwerke. Wie hirnlos die Auswahl ist, zeigt auch die Aufnahme von Goethes Faust als einzigem deutschen Lesevorschlag (in türkischer Übersetzung) für Schüler der 7. bis 9. Klasse.

Angesichts der hässlichen Angriffe auf Orhan Pamuk verwundert das Erscheinen von linken Schriftstellern in der Liste der 100 Titel. Man reibt sich die Augen und findet die Namen des Erzählers Sabahattin Ali, der 1948 bei dem Versuch, nach Bulgarien zu fliehen, erschossen wurde, des gläubigen Kommunisten Nazim Hikmet, der 1963 im sowjetischen Exil starb, und von Aziz Nesin (gestorben 1995), der sich als erfolgreichster Satiriker der türkischen Moderne atemberaubende Schmähungen der eigenen Nation und ihrer Führung erlaubte.

Wurden die Namen dieser wichtigen Autoren aufgenommen, um die einer großen Zahl nationalreligiöser Schriftsteller zu verpacken - oder will das Ministerium das Ende der Polarisation zwischen Links und Rechts verkünden? Es bleibt der Eindruck, dass nur tote Dichter in diesem virtuellen Pantheon gute Dichter sind.

Kein türkisches Kulturinstitut in Deutschland

Nach wie vor aber unterhält die Türkei kein Kulturinstitut in Deutschland. Die bei einigen Generalkonsulaten untergebrachten "Kulturzentren" wenden sich an die türkische Bevölkerung in Deutschland und zeigen wenig Profil.

Klavierkonzerte türkischer Künstlerinnen hier, eine kleine Ausstellung zeitgenössischer Maler dort - solche "Good-will"-Aktionen können die Tatsache nicht verdecken, dass die Türkei in Deutschland keine Plattform für die Diskussion wichtiger Themen aus Kultur und Geschichte bietet.

Dazu gehörte etwa die Frage der Deportation der armenischen Bevölkerung. Undenkbar ist noch, dass der Leiter oder die Leiterin eines - nennen wir es einmal " Berliner Atatürk- Instituts" - zu einer Podiumsdiskussion über das Thema "Flucht und Vertreibung" einlüde.

Unberührt davon erobern die Tarkans (Rock), Fatih Akins (Film) und Feridun Zaimoglus (Literatur) den europäischen Markt. Die Homepage des türkischen Außenministeriums setzt ihre Namen mit Genugtuung auf die Seite "Erfolge und Preise, die im Ausland erzielt wurden".

Zugegeben, die Türkei muss mit ihrer Kulturpolitik eine sehr disparate Klientel bedienen: die unpolitischen Bildungs- und Badereisenden, die Brüsseler Eurokraten, Auslandstürken in mehreren EU-Staaten vom Hauptschüler bis zum Akademiker, die weite Turkophonie von den muslimischen Kirgisen am Altai bis zu den christlichen Gagausen in Moldavien.

Dabei sind die mit dem kulturellen Verkehr befassten türkischen Einrichtungen von sehr unterschiedlichen Sachwaltern besetzt: von gebildeten Liberalen, die entspannt von Multikulti und Subidentität sprechen, wenn sie Kurden oder Armenier meinen, und Stahlhelm-Kemalisten bis hin zu Turanisten, die nicht über den Tellerrand türkischer Themen blicken.

Eine konsistente Kulturpolitik ist von Ankara nicht zu erwarten. Deutschland als Gastland mit mehr als zwei Millionen Türken hat jedoch neben der Fülle von nicht- offiziellen kulturellen Kontakten Anspruch auf ein Kulturinstitut, in dem sich die Türkei umfassender darstellt als in den Tourismuszentralen und Generalkonsulaten.

Prof. Dr. Klaus Kreiser

© Süddeutsche Zeitung 2006

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