Differenziertes Meinungsspektrum

In der Kommentierung der türkischen Außenbeziehungen vertritt Burhanettin Duran konsequent das Lager der Regierungstreuen. Doch allen medienpolitischen Gleichschaltungsbemühungen zum Trotz behaupten sich gleichwohl eine Reihe unabhängiger, alternativer Stimmen.

Auch in der Frankreich-Frage, die nicht zuletzt in den sozialen Medien für viel Diskussionsstoff sorgt, ist ein durchaus differenziertes Meinungsspektrum erkennbar.

In einem bemerkenswerten Kommentar des Online-Portals DuvarE argumentiert Sezin Öney, dass Erdogan den Konflikt mit Paris mit einer strategischen Absicht eskaliere: „Erdogan sucht den Kampf mit Macron, weil er Öl ins Feuer gießen will.“  

Im Vergleich dazu sei der Konflikt mit Griechenland ein Spiel, das der Präsident nach Belieben eskalieren und deeskalieren könne, gleichsam als Verhandlungsmasse gegenüber der EU. „Die Spannung mit Frankreich ist echt, denn sie ist ideologisch“, argumentiert Öney.

Die Autorin verweist darauf, dass der türkische Präsident erst kürzlich sein wahres Gesicht gezeigt habe, als er die Türkei in einer Rede „als den aufsteigenden Stern einer neuen Weltordnung“ bezeichnet hat.

 

 

Die aggressive Qualität der türkischen Außenpolitik in der Region ist schwer zu übersehen.   Erdogan, da sind sich die Beobachter – und auch die Regierungen der EU und in vielen Teilen der arabischen Welt - einig, schickt sich an, das durch den Rückzug der Amerikaner entstandene Vakuum zu füllen.

Diese Vorwärtsstrategie kommt in Teilen der türkischen Bevölkerung gut an. Ein häufig bemühtes Argument, das Meinungsforscher bestätigen, lautet, Erdogan betreibe eine offensive Außenpolitik, um von innenpolitischen Schwierigkeiten und sinkenden Umfrageergebnissen abzulenken.

Isolation in der arabischen Welt

Politisch-diplomatisch bezahlt Ankara einen hohen Preis für diese Strategie. Jenseits der Landesgrenzen ist die Türkei heute so isoliert wie lange nicht. In Europa und der EU ist Erdogan weitgehend auf sich allein gestellt. Die Verbalattacken gegen Macron werden hier kaum als Wiedergutmachung empfunden.

Schmerzhaft für den Präsidenten ist auch seine Isolation in der arabischen Welt. Hier hat sich unter der Führung von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ein mächtiger Anti-Erdogan-Block gebildet, der nun seinerseits mit Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei zu Felde ziehen will.

In der „neuen Weltordnung“ sähe sich der fromme Erdogan gerne als Anführer der muslimischen Welt. Diese Vision erklärt die verbale Eskalation mit dem französischen Präsidenten. Die Rechnung ist bisher nicht aufgegangen. Wenig deutet darauf hin, dass sich das bald ändern wird.

„Religion ist die letzte Waffe“, resümiert der Journalist Fehim Tastekin, nachdem er die Probleme der türkischen Wirtschaft und die wachsende Isolation Ankaras angeführt hat. Erdogans Politik habe in Europa vor allem die Stimmung gegen Migranten und Muslime angefacht und dem rechten Spektrum in die Hände gespielt.

Populär sei dies bei den Betroffenen keineswegs. Diese Meinung teilt der frühere EU-Botschafter in Ankara, Marc Pierini: „Selbst die Muslime in Frankreich haben die Nase voll von Erdogan.“

Ronald Meinardus

© Qantara.de 2020

Ronald Meinardus leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Istanbul. Davor war er Leiter des Regionalbüros Südasien der Stiftung.

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