„Faschistisches Drehbuch“

Als Reaktion forderte Erdogan die türkische Bevölkerung zum Boykott französischer Produkte auf. Auch Europa sei gefordert, so Erdogan: „Europäische Politiker müssen Macron, der den anti-muslimischen Hass anführt, auffordern, seine Politik zu ändern.“  

Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun, der die Aufgabe hat, die Gedanken des Chefs auch einem internationalen Publikum vertraut zu machen, legte nach: „Macrons anti-islamische Rhetorik ist ein weiterer Versuch eines verzweifelten Politikers, Relevanz zu belegen.“

Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit und die Angriffe gegen Erdogan seien Instrumente Macrons, um die Führung in Europa zu übernehmen, so die Analyse des Präsidentensprechers. Damit nicht genug: „Macron bedient sich des alten faschistischen Drehbuches, das auf Juden in Europa abgezielt hat.“

Der Bezug auf das Schicksal der Juden in Europa in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ist in diesem Zusammenhang ein wiederkehrendes Motiv in Berichten und Kommentaren der regierungsnahen türkischen Medien.

„Juden waren vor 100 Jahren das Ziel des Rassismus der extremen Rechten, und nun richtet sich der Rassismus gegen Muslime in Europa“ , schreibt Hilal Kaplan in Daily Sabah unter der Überschrift „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, außer (für) Muslime“. 

 

 

Der türkisch-französische Konflikt geht weit über die offenkundigen Meinungsverschiedenheiten bei der Lage der Muslime in Frankreich hinaus.

Paris und Ankara liegen in zentralen außenpolitischen Fragen über Kreuz: „Der aktuelle Krieg der Worte ist Teil einer größeren Konfrontation zwischen Erdogan und Macron“, schreibt Burhanettin Duran. „Nach Syrien, dem östlichen Mittelmeer, Libyen und Bergkarabach befeuert jetzt das Islam-Thema die Spannungen der beiden Politiker. “

Macron suche nach „Ausreden“, um die Europäische Union auf Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei einzustimmen. Ganz ohne Verweis auf die persönliche Dimension kommt die Argumentation des Kommentators nicht aus: Der französische Präsident – so Durans Analyse – versuche verzweifelt, sich „für die ihm beigebrachten Niederlagen in Nordafrika, dem östlichen Mittelmeer, Syrien und dem Kaukasus an Erdogan zu rächen“.  

Der Kommentator suggeriert, dass Ankara in den besagten Krisen- und Konfliktherden als Sieger vom Platz gegangen sei – und Frankreich Niederlagen zugefügt habe, was in dieser Klarheit keineswegs der Fall ist.

Die Textpassage ist ein gutes Beispiel für den in regierungsnahen türkischen Medien praktizierten Triumphalismus, der an den Tatsachen vorbeigeht, gleichwohl – wie dies gemeinhin bei systematischer Desinformation der Fall ist – nicht ohne Einfluss auf die Perzeption vieler Menschen in der Türkei bleibt.

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