Der Verlust der beiden Metropolen ist für Erdoğan und seine Partei eine wichtige symbolische Niederlage. Ankara ist als Hauptstadt das politische Zentrum der Türkei, die 15-Millionen-Metropole Istanbul ist ihr kulturelles und wirtschaftliches Herz. Hier wuchs Erdoğan auf, und hier feierte er 1994 mit der Wahl zum Oberbürgermeister erste Erfolge. Der AKP-Wahlkampfslogan "Istanbul ist für uns eine Liebesgeschichte" war nicht nur eine leere Phrase.

Zugleich bedeutet die Niederlage in Istanbul und Ankara, dass die AKP die Kontrolle über wichtige Posten und Ressourcen verliert. Für die Partei sind die Städte die Basis ihrer Macht. Die Kontrolle der Rathäuser verschafft ihr wichtige Vorteile im Wahlkampf und erlaubt ihr, ihre Anhänger mit Ämtern und Aufträgen zu versorgen. Eine ganze Klasse von Bauunternehmern ist dank lukrativer Aufträge bei Infrastrukturprojekten der AKP zu Reichtum gelangt.

Türkische Lira-Scheine; Foto: AFP/Getty Images
Schleichender ökonomischer Niedergang: Die Türkei steckt seit einiger Zeit in der Rezession. Die Lira hat massiv an Wert verloren, die Zahl der Arbeitslosen stieg innerhalb eines Jahres um rund eine Million und die Teuerungsrate um rund 20 Prozent. Lebensmittel wurden besonders teuer. Hier vermuten Experten den Hauptgrund für die Verluste der AKP.

Der Verlust von Istanbul und Ankara zeigt, dass sich viele Türken angesichts der Wirtschaftskrise nicht länger von Erdoğans Gerede vom Kampf ums „nationale Überleben“ blenden lassen. Auch die Erinnerung an vergangene Erfolge der AKP reicht nicht mehr. In einer Zeit, da die Türkei in die Rezession gerutscht ist, die Lira Kapriolen schlägt und selbst die Preise für Zwiebeln und Tomaten durch die Decke gehen, wollen die Wähler konkrete Lösungen.

Der entzauberte Präsident

Zwar hat Erdoğan mit seinen Auftritten gezeigt, dass er noch immer der unbestrittene Meister des Wahlkampfs ist, doch sein Zauber lässt nach. Bei seinen Auftritten ist regelmäßig zu beobachten, wie die ersten Zuschauer schon nach wenigen Minuten den Platz verlassen. Seine Reden gleichen sich in Inhalt und Inszenierung, dennoch werden sie alle in Gänze im Fernsehen übertragen – bis zu acht Mal am Tag. Da kann schon mal Ermüdung aufkommen.

Auch seine Strategie, das Thema Wirtschaft auszuklammern, hat sich nicht bewährt. Umfragen zeigten, dass die steigende Arbeitslosigkeit, die hohen Lebenshaltungskosten und der Verfall der Lira die größten Sorgen der Türken sind. Doch als die Opposition diese Themen ansprach, hielt Erdoğan ihr vor, Wirtschaftspolitik sei nicht Sache der Kommunen. Die Ergebnisse haben nun gezeigt, dass die Wähler auch bei Kommunalwahlen Lösungen für die Wirtschaft erwarten.

In der Wahlnacht hat Erdoğan denn auch versprochen, die vier Jahre bis zu den nächsten Wahlen 2023 für wirtschaftliche Reformen zu nutzen. Dass er sich nun wirklich auf Sachpolitik konzentriert und zum Reformkurs früherer Jahre zurückkehrt, ist aber zweifelhaft. Zu sehr braucht er die Polarisierung und das Gefühl der Bedrohung, um die Reihen geschlossen zu halten – und zu sehr liebt er womöglich auch den Thrill des Wahlkampfs und den Auftritt auf der Bühne.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2019

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