Ein eigenes Genre mit türkischem Stil

In der Türkei heißen Fernsehserien “dizi”. Sie bilden ein eigenes Genre, das sich eines typisch türkischen, theatralischen Stils sowie hausgemachter Narrative und Soundtracks bedient. In einer typischen “dizi” gibt es häufig dutzende Protagonisten, wobei zumeist die glitzernden Seiten von Istanbul als Kulisse dienen, mit Bosporusfront, schmucken Autos und modernen Großstadtappartements in angesagten Szenevierteln. Viele der Produktionen sind klassische Seifenopern oder leichtfüßige Comedy-Serien, die das Leben und Lieben der urbanen oberen Mittelschicht porträtieren.

Anders als US-amerikanische Serien jedoch, so wird oft bemerkt, feiern türkische Produktionen nicht Lebensmodelle wie Individualismus und Promiskuität, sondern basieren auf traditionellen Familienentwürfen und islamkonformen sozialen Beziehungen.Türkische TV-Shows sind seit Jahren international erfolgreich, besonders auf dem Balkan und in den Golfstaaten, aber auch in Ländern wie Russland, China und Korea. Selbst in Südamerika gibt es einen großen Absatzmarkt mit Chile an erster Stelle, neben Mexiko und Argentinien.

Während sich die Affinität lateinamerikanischer Zuschauer mit kulturellen Ähnlichkeiten erklären lässt, schlägt sich im Erfolg der  Dizi in arabischen Ländern die Sehnsucht nach einem liberaleren Lebensstil auf Grundlage der islamischen Kultur nieder: Die Schauspieler in modernen türkischen Serien küssen sich öffentlich und trinken Alkohol, respektieren jedoch ihre Eltern und gehen zum Beten in die Moschee.

Der internationale Aufstieg der türkischen Serien begann im Jahr 2006 mit der Produktion “Binbir Gece” (1001 Nacht), die in über siebzig Ländern zum Quotenkiller wurde. Selbst in Israel, das seit Jahren angespannte Beziehungen zur Türkei unterhält, hatte die Serie viele Fans. Doch der bislang unumstrittene Kassenschlager ist das Osmanen-Drama “Muhteşem Yüzyıl” (“Das Glorreiche Jahrhundert”), das sich um die Liebesgeschichte zwischen Sultan Süleyman dem Prächtigen und Hürrem Sultan, einer Konkubine ukrainischer Abstammung, dreht. “Muhteşem Yüzyıl” war wie “Ertuğrul” eine Produktion der Superlative: Allein 25 Personen waren nur mit dem Design von historischen Kostümen beschäftigt.

Arabische Serientouristen in Istanbul

Zwar stellte sich Präsident Erdoğan damals gegen “Muhteşem Yüzyıl”, da die Serie in seinen Augen die osmanische Geschichte verfälschte — in der Folge nahm die staatliche Luftfahrtgesellschaft Turkish Airlines “Muhteşem Yüzyıl” sogar aus ihrem Inflight-Unterhaltungsprogramm. Dennoch wurde das Drama zum Symbol für den Neo-Osmanismus unter der AKP-Regierung. Es wird geschätzt, dass “Muhteşem Yüzyıl” weltweit eine halbe Milliarde Zuschauer hatte.

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Die Serie lohnte sich für die Türkei nicht nur wegen ihrer hohen Einspielergebnisse. Die Zahl arabischer Touristen in Istanbul ging durch das Drama so sehr durch die Decke, dass das türkische Kultur- und Tourismusministerium arabischen Staaten zeitweise die Sendegebühren für die Serie erließ.

In manchen Teilen der arabischen Welt jedoch bildete sich über die Jahre auch politischer und religiöser Widerstand gegen die türkische Serienkultur. Erst im vergangenen Februar warf der “Hohe Fatwarat” (Dar Al-Iftaa) in Ägypten der Türkei vor, dass sie sich mit ihren TV-Produktionen im Mittleren Osten ein “Einflussgebiet” schaffen und im Rahmen einer neu-osmanischen Herrschaft erneut Macht über die arabischen Länder ausüben wolle.

Als Beispiel für die Behauptung wurde “Ertuğrul” angeführt. Im Statement des Fatwarats heißt es in Anspielung auf die Regierung Erdoğan: “Sie exportieren die Vorstellung, sie seien als Anführer des Kalifats dafür verantwortlich, Muslime weltweit vor Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu retten, während sie gleichzeitig das islamische Recht umsetzen wollen. Sie verheimlichen die Tatsache, dass der Hauptantrieb von Erdoğans Kolonialbestrebungen materielle und politische Gewinne sind.”

Bereits 2018 hatte die von Dubai aus operierende saudische Mediengruppe MBC (Middle East Broadcasting Center) die Ausstrahlung türkischer Serien eingestellt. Dem Vormarsch der Dizi dürfte das jedoch keinen Abbruch bereiten. Nach Planungen des türkischen Filmsektors sollen die Umsätze der Dizi-Industrie schon im Jahr 2023 die Marke von einer Milliarde US-Dollar erreichen.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2020

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