Solche Ängste verstärken den türkischen Nationalismus, der im Land immer schon ein mächtiger Einflussfaktor war. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass mehrere westliche Verbündete der Türkei unter der Führung der Vereinigten Staaten Waffen an die YPG liefern, um die Kurdenbewegung bei ihrem Kampf gegen den "Islamischen Staat" zu unterstützen.

Bei der neuen türkischen Außenpolitik spielen auch politische Erwägungen in Hinsicht auf die nächsten Wahlen eine entscheidende Rolle. Ein großer Teil von Erdoğans Wählerbasis ist nationalistisch eingestellt – eine Tatsache, die dem Präsidenten, der seinen Blick fest auf die Präsidentschaftswahlen von 2019 richtet, natürlich nicht entgangen ist.Wie der ehemalige führende Diplomat Aydin Selcen, der als erster türkischer Generalkonsul in der kurdisch-irakischen Hauptstadt Erbil diente, beobachtet: "Angesichts der näher rückenden Präsidentschaftswahlen legt Präsident Erdoğan großen Wert darauf, dass Ankara durch keinerlei Mitgliedschaft in internationalen Organisationen, kein internationales Recht und keine ausländischen Verbindungen beeinflusst wird." Er glaubt, die Türkei müsse wie schon früher erneut in der Lage sein, völlig unabhängig zu handeln.

"Unter jedem Stein ein englischer Spion"

Die nationalistischen Gefühle im Land werden durch die regierungsfreundlichen türkischen Medien weiter angefacht. Dort finden sich reihenweise Berichte gegen die westlichen Verbündeten der Türkei, bei denen es um Spione und Verschwörungen geht. Über ein Dutzend in der Türkei verhaftete Europäer, die größtenteils aus Deutschland stammen und unter denen sich viele Journalisten befinden, werden von Erdoğan pauschal der Spionage verdächtigt.

Solche Verdächtigungen lösen in der Türkei uralte Ängste aus: Den türkischen Kindern wird noch heute beigebracht, dass am Untergang des Osmanischen Reiches europäische Spione schuld gewesen seien. Und ein immer noch beliebtes Sprichwort lautet: "Unter jedem Stein lauert ein englischer Spion".

Participants wave flags at the 25th International Kurdish Culture Festival, held in September 2017 in Cologne, Germany (photo: Imago/Future image/C. Hardt)
Neue Spannungen im ohnehin schon extrem gereizten deutsch-türkischen Verhältnis: Aus Protest gegen ein kurdisches Kulturfestival in Köln hatte Ankara am 17. September den deutschen Botschafter ins Außenministerium zitiert. Bei der Veranstaltung sei "Terrorpropaganda" betrieben worden, kritisierte das Ministerium.

Will die Türkei ihren Weg wirklich allein gehen? Erdogans aktuelle Annäherungsversuche an die russischen und iranischen Streitkräfte scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Dabei geht das NATO-Mitglied Türkei bei seinen Versuchen, als "starkes und unabhängiges Land" zu gelten, allerdings ein hohes Risiko ein.

Dass Ankara in der Öffentlichkeit Misstrauen gegenüber den westlichen Verbündeten der Türkei schürt, geschieht auch, um von der internationalen Kritik an der Menschenrechtssituation im Land abzulenken. Ebenso soll damit der Versuch gerechtfertigt werden, über die traditionellen Allianzen hinauszugehen.

Erdoğans Entscheidung, gegen starken Widerstand aus Washington hoch entwickelte russische S400-Raketenabwehrsysteme zu kaufen, dient seiner Meinung nach dazu, den Status der Türkei als "starkes und unabhängiges Land" zu sichern.

Aber viele Beobachter sind davon überzeugt, dass Ankara, wenn es hart auf hart kommt, immer noch auf seine westlichen Verbündeten angewiesen ist: "Tatsache ist, dass die Türkei ein Mitglied der NATO ist, und dies bedeutet, dass die Verteidigung des Landes ohne die Unterstützung der NATO undenkbar wäre", warnt der ehemalige türkische Chefdiplomat Selcen.

Erdoğan behauptet, er sei deshalb zu seiner neuen Linie gezwungen, weil die türkischen NATO-Partner nicht gewillt seien, das Land gegen akute Bedrohungen zu schützen. Aber es könnte geschehen, dass die Türkei und die gesamte Region dafür einen hohen Preis zahlen müssen.

"Wenn die es Türkei mit diesem Wandel ihrer Außenpolitik wirklich ernst meint, muss sie mit Ländern wie Iran oder Russland zusammenarbeiten, die keine Verbündete der Türkei sind", warnt der ehemalige Botschafter Cevikoz. "Eine solche Lösung wäre sehr riskant, da das Land in der Region dann irgendwann allein dastehen könnte."

Dorian Jones

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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