Die Entfernung vom Westen und Annäherung an Russland geschah nicht ohne Grund. Der Protest der Vereinigten Staaten und der EU gegen Erdoğans zunehmend autoritäre Haltung spielte eine Rolle dabei, aber auch, dass die EU ihr Wort nicht hielt.

Statt sich Kritik aus dem Club anzuhören, der ihn seiner Meinung nach gar nicht wollte, wandte Erdoğan sich Russland zu. Dass er nach dem Putschversuch vom 15. Juli keine Unterstützung vom Westen erhielt, erhöhte die Spannungen. Dann verweigerten die Vereinigten Staaten und europäische Länder die Auslieferung von Gülenisten, die mutmaßlich hinter dem Coup steckten, Erdoğan verschärfte den antiwestlichen Diskurs. Die Unterstützung Amerikas für die mit der Terrororganisation PKK verbundene PYD führte zum Bruch.

Dennoch hat kein Ereignis der letzten fünfzehn Jahre die anti-amerikanische Stimmung in der AKP derart angeheizt wie die Verhaftung des Geschäftsmanns Reza Zarrab. Der Doppelstaatler mit türkischem und iranischem Pass war im vergangenen Jahr im Urlaub in Miami verhaftet worden. Die Amerikaner werfen ihm vor, "mit Wissen der türkischen Regierung" das Iran-Embargo verletzt zu haben.

Der Hintergrund ist kompliziert: Ende 2013 hatten gülenistische Polizisten und Staatsanwälte eine größere Anti-Korruptionsoperation durchgeführt, von der vier Minister Erdoğans betroffen waren. Es drangen Telefonate von Erdoğan und Familienangehörigen an die Öffentlichkeit, Erdoğan reagierte heftig. Die Söhne der Minister und der Geschäftsmann Zarrab, die in diesem Zusammenhang festgenommen worden waren, wurden unverzüglich aus der Haft geholt, die für die Operation verantwortlichen gülenistischen Kader abgesetzt, einige von ihnen wegen "Zivilputschs gegen die Regierung" ihrerseits hinter Gitter gebracht.

Erdoğan weiß, was ihm innenpolitisch nützt

Diese Anti-Korruptionsoperation, die erste offene Auseinandersetzung zwischen Erdoğan und seinem früheren Partner Gülen, ist nun wieder auf der Agenda. Nach Zarrab wurde der Vize-Chef einer staatlichen Bank, der zu einer Sitzung nach Amerika reiste, dort verhaftet.

Festgenommener Reza Zarrab am 17. Dezember 2013 in Istanbul; Foto: picture-alliance/AA/S. Coskun
Gerichtsverfahren mit politischer Sprengkraft: Dem Milliardär und Geschäftsmann Reza Zarrab wird unter anderem die Umgehung von US-Sanktionen gegen den Iran und Geldwäsche vorgeworfen. Ihm wird der Prozess in den USA gemach. Neben Zarrab sind der türkische Bankier Mehmet Hakan Atilla und in Abwesenheit der ehemalige türkische Wirtschaftsminister Zafer Caglayan angeklagt. Gegen den Sohn Caglayans und gegen zwei weitere türkische Ministersöhne war im Zuge einer Korruptionsaffäre 2013 ermittelt worden. Auch der damalige Ministerpräsident und heutige Staatschef Erdoğan musste sich gegen Korruptionsvorwürfe verteidigen.

Auch gegen einen ehemaligen Minister aus Erdoğans Kabinett, der in die Operation von 2013 verwickelt war, wurde in Amerika Haftbefehl erlassen. Der Prozess beginnt Anfang Dezember. Amerikanische Medien berichten, Zarrab werde auspacken und die "Kollaborateure in Ankara" benennen.

Die Verhandlung rückt näher, Regierung und loyale Medien ergehen sich in Anti-Amerikanismus. Die These lautet, Amerika plane eine "neue Intrige". Die Staatsanwälte könnten sich der Beweise und Abhörmitschnitte bedienen, die von gülenistischen Polizisten bei der Operation von 2013 vorgelegt wurden. Ankara schnaubt vor Wut.

Als Zarrab im März 2016 in Miami festgenommen wurde, war Erdoğans erste Reaktion: "Das interessiert uns nicht, die Sache hat nichts mit unserem Land zu tun." Doch nun sickerte durch, dass Zarrab, für den 95 Jahre Haft gefordert werden, bereit sein soll, mit den Staatsanwälten zu kooperieren, und Erdoğan wütet: "Sie wollen unseren Bürger zum Kronzeugen machen, wir wissen, wie wir die Welt dann zum Aufstand bringen. Wir legen alles offen."

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Leserkommentare zum Artikel: Erdoğans Kampf gegen Amerika

hehe...Die US-Militärbasen an der türkischen Grenze und die Bewaffnung der Terroristen mit über 4000 LKWs voller Waffen it wohl eher der Grund....

Khan...29.11.2017 | 10:30 Uhr