Totalitäre Feindbilder

Über Islam, Anti-Terrorismus und Faschismus

Einer der Gründe, warum säkulare Repression in der arabischen Welt so chronisch unterbewertet wird, ist der Mangel an Empathie für die Betroffenen. Allein das Wort Muslimbruder ist schon ein "Empathie-Blocker". Doch solche Regime sind, wie bereits vor dem Arabischen Frühling, kalkulierbare Partner des Westens. Von Charlotte Wiedemann

Wer die These aufstellt, der Islam habe eine quasi religions-genetische Nähe zum Faschismus, kann sich der Aufmerksamkeit sicher sein, umso mehr wenn der Urheber selbst muslimischer Herkunft ist. Das echte Leben wirft hingegen in diesen Wochen, zwischen der Präsidentschaftswahl in Algerien und jener in Ägypten, eher folgende Frage auf: Wann überschreitet der Anti-Islamismus, auch Anti-Terrorismus genannt, die Grenze zum Faschismus?

Den Spieß derart herum zu drehen ist keine Provokation um der Provokation willen. Was in Ägypten geschieht, wo die Muslimbrüder zur Vorlage für ein totalitäres Feindbild wurden, verlangt nach Analyse und nach Begriffen. Solange es um religiös verbrämte Untaten geht, schrauben sich hierzulande die Worte leicht hoch. Doch sie werden seltsam kraftlos bei der Bezeichnung säkularer Unterdrückung in muslimischen Ländern.

Wie also soll man Ägyptens neues Anti-Terror-Gesetz nennen? Es arbeitet mit einer beispiellos umfassenden Definition: Jedwede Störung der "öffentlichen Ordnung", schon das Beschmieren eines Denkmals kann ein terroristischer Akt sein. Ein Willkür-Gesetz für einen repressiven Militärstaat – mit bereits 16.000 Verhafteten, mit Journalisten im Anklage-Käfig vor Gericht, mit über 500 Todesurteilen in einem zweistündigen Schauprozess (sowie jüngst mit weiteren 683 zum Tode verurteilten Islamisten). Und mit Entzug des passiven Wahlrechts für die Muslimbrüder.

Die Missachtung des algerischen Traumas

Die Generäle am Nil missachten alle Lehren aus dem algerischen Trauma; es begann vor 22 Jahren, als ein Flügel der Armee den Abbruch von Wahlen erzwang, um den Sieg der Islamisten zu verhindern. Heute wirkt der sieche Bouteflika, Mann des Militärs, Präsidenten-Darsteller ohne Ton, wie das Symbol einer fortgesetzten Tragödie. Das ägyptische Militär kombiniert die politische Macht noch unverhüllter mit seiner ökonomischen, kontrolliert 40 Prozent der nationalen Wirtschaft; sein Budget geheim, ungeprüft, steuerfrei.

Abdel Fattah al-Sisi (v.) am 14. Januar 2014 während der Abstimmung über die neue ägyptische Verfassung in einem Wahllokal in Kairo; Foto: dpa/picture-alliance
"Den Terror säkularer Regime zu verharmlosen, das war im Westen vor Beginn der arabischen Revolten gängige Praxis. Nach dem Sturz von Mubarak und Ben Ali schien sich das zu ändern, doch war die Änderung, wie man heute sieht, von kurzer Dauer", schreibt Wiedemann.

Wie es zu Ägyptens Absturz in die Militär-Autokratie kam, wird von Legenden vernebelt. Die US-amerikanischen Nahost-Experten Shadi Hamdi und Meredith Wheeler untersuchten die Regierungszeit von Mohamed Mursi jüngst anhand von Parametern, die in der Politikwissenschaft üblich sind, um die Entwicklung von Übergangsgesellschaften nach dem Sturz autokratischer Regime zu bewerten. Der Befund: Im globalen Maßstab sei Mursi, trotz Anmaßung und Inkompetenz, eher Durchschnitt gewesen; auf der Skala zwischen Demokratie und Autokratie habe das Mursi-Ägypten keineswegs am unteren Ende rangiert. Der Putsch, sagen die Forscher, sei legitimiert worden "durch einen grundlegende Fehldeutung und Verzerrung dessen, was vorher geschah".

Den Terror säkularer Regime zu verharmlosen, das war im Westen vor Beginn der arabischen Revolten gängige Praxis. Nach dem Sturz von Mubarak und Ben Ali schien sich das zu ändern, doch war die Änderung, wie man heute sieht, von kurzer Dauer.

Assad als kleineres Übel

Der Fall Syrien: Schon gilt Assad, der Schlächter, als kleineres Übel. Und immer noch entzieht sich jeglicher Vorstellung, dass es düstere taktische Allianzen zwischen einem säkularen Staatsapparat und einem religiös verbrämten Terrorismus geben kann. Obwohl die Entstehung von "Al-Qaida im Maghreb" mit Personal aus dem algerischen Geheimdienst dafür bereits ein Beispiel war.

Jüngst eine Meldung aus Nigeria: Gegenüber dem Radiosender "Voice of America", dem die Verharmlosung von Islamismus nicht nachgesagt werden kann, berichtete ein nigerianischer Soldat von Armee-Kommandeuren auf Seiten der Terroristen-Sekte Boko Haram. Er hatte unter deren Kämpfern bei einem Einsatz seine früheren militärischen Ausbilder erkannt.

Wohlbemerkt: Die genuinen Verbrechen von Boko Haram und anderen werden durch solche Informationen nicht weniger schlimm. Aber wie zutreffend ist das Bild, das uns übermittelt wird? Und bergen die fehlenden Teile des Bilds womöglich Gründe, warum die Bekämpfung von Boko Haram so wirkungslos ist?

Charlotte Wiedemann; Foto: Charlotte Wiedemann
Die politische Journalistin und Buchautorin Charlotte Wiedemann lebte für einige Jahre in Malaysia und bereiste zahlreiche islamische Länder Asiens und Afrikas. In ihren Werken untersuchte sie u.a. die jüngsten gesellschaftlichen Umbrüche in Tunesien, Ägypten und im Jemen. 2012 erschien ihr Buch "Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam". Ihr jüngstes Buch "Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben" ist im Verlag PapyRossa erschienen.

Je nachdem ob ein Übeltäter als muslimisch-religiös oder säkular etikettiert ist, kennt die Ökonomie der öffentlichen Erregung verschiedene Maßeinheiten. Wenn Erdogan Twitter verbietet, ist der Aufschrei lauter, als wenn Assad Kinder foltert. Das Argument, die Türkei stehe uns eben näher und wolle zudem in die Europäische Union, kann den Erregungs-Unterschied nicht überzeugend erklären.

Auch im Fall Iran, uns nicht so nahe, genießen die Opfer stets Vertrauensvorschuss, weil sie die Opfer eines islamischen Regimes sind, selbst wenn der Hingerichtete ein Drogenhändler war.

Empathie-Blocker Muslimbruderschaft

Der Mangel an Empathie für die Betroffenen ist einer der Gründe, warum säkulare Repression so chronisch unterbewertet wird. Allein das Wort Muslimbruder ist schon ein Empathie-Blocker. Und solche Regime sind, wie vor dem Arabischen Frühling, kalkulierbare Partner des Westens. Gerade erst weilte US-Außenminister Kerry wohlwollend lange in Algerien, dem bevorzugten Gehilfen für den Anti-Terrorismus in der Region.

Neu ist indes etwas anderes: Die Auffassung, der Islamismus sei heute der Hauptfeind, frisst sich in die westliche wie in die arabische Linke hinein. Das lähmt die Solidarität mit der syrischen Revolution, nährt eine falsche Lesart der ägyptischen Ereignisse, polarisiert in Tunesien. Vielleicht handelt es sich um eine Art fehlgeleiteten Internationalismus.

Aber schon allein Ägypten und Tunesien, die beiden postrevolutionären Gesellschaften, trennt mehr als sie verbindet. Das gilt für den Grad der Religiosität wie für den Charakter der islamistischen Akteure. Das Desaster der Muslimbrüder vor Augen, hat die tunesische Ennahda die Macht abgegeben. Immerhin.

In Algerien haben die drei wichtigsten islamistischen Parteien zusammen mit säkularen Oppositionellen die Wahl boykottiert. Weltweit, von Indonesien bis zur Krim, geht der politische Islam je nach Land heute ganz unterschiedliche Wege. Deshalb haben sich alle modischen Thesen über seinen Aufstieg oder Abstieg irgendwann blamiert.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Über Islam, Anti-Terrorismus und Faschismus

Das Erschreckende: gerade in den Ländern an der Süd- und Ostküste des Mittelmeeres hat es früher eine jahrhundertelange Kultur der Koexistenz und Toleranz in den Städten gegeben, die man an der Ostküste des Mittelmeeres von Alexandria bis Thessaloniki zum Teil diffamierend als "Levantinismus" bezeichnete. Bekannte intellektuelle und kulturelle Vertreter dieser Kultur waren die israelische Schriftstellerin Jaqueline Kahanoff oder der in Alexandria aufgewachsene ägyptische Filmregisseur Youssef Chahine. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde diese levantinische Kultur, die seit Jahrhunderten das Französische als Nachfolger der "Lingua Franca" als kulturelle und kommunikative Grundlage pflegte, von Nationalisten aller Couleur von Atatürk über Nasser bis Ben Gurion als "dekadent", "unpatriotisch" und "kolonialistisch" diffamiert und bekämpft. Den liberalen Traditionen der Region den endgültigen Todesstoss versetzte dann die totale Auslöschung der jüdischen Kultur in den arabischen Staaten des Ostens nach der Staatsgründung Israels, der brutale libanesische Bürgerkrieg 1975 - 1990 und nicht zuletzt die wirtschaftlich bedingte immer stärker werdene kulturelle Dominanz der konservativen Ölstaaten Arabiens und zum Teil (Libanon) auch des Irans an der Mittelmeerküste. Liberale Traditionen wurden zunächst von Nationalisten und linken Extremisten und dann von der religiösen Rechten systematisch zurückgedrängt und verfolgt, konnten auch im "arabischen Frühling" nicht wieder regeneriert werden, und spielen heute praktisch keine Rolle mehr.

K Bernhard28.04.2014 | 14:26 Uhr

Herausragendes Essay von Charlotte Wiedemann. Der Mangel an Empathie für Menschenrechte der Muslimbrüder ist rassistisch.

Laura Kamel 28.04.2014 | 17:08 Uhr

"Vielleicht handelt es sich um eine Art fehlgeleiteten Internationalismus."
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Kann es sich nicht auch um absichtliche psychologische Kriegsführung handeln? "Der" Islamismus wird vom Westen als sein persönlicher Feind begriffen, ER ist es doch, der ein Interesse daran haben muss ihn zu verteufeln. Die Macht über die Medien und die Beherrschung der Kunst zu manipulieren genügen, um die gewünschten Gräben aufzureißen und das Gemetzel dann den Einheimischen zu überlassen.

Hanya Dikaton03.05.2014 | 11:52 Uhr

Liebe Frau Wiedemann, warum überlassen Sie es nicht Ihren durchaus meist mündigen Mitmenschen für wen sie Empathie empfinden und fuer wen nicht. Die Menschen werden alle ihre ureigensten Gründe haben... Auch wenn sich diese Gründe Ihnen nicht erschließen. Mit einer quasi Ihrerseits verordneten political correctness ( den habe ich zu bemitleiden und den nicht) geraten Sie selbst irgendwann in ein sehr merkwürdiges Fahrwasser, das Sie doch gerade vehement unter Beschuss nehmen.

Ingrid Wecker04.05.2014 | 17:00 Uhr

Egal, um was es im Besonderen geht: sobald "der Islam" behandelt wird, ist sie wieder da mit ihren Hasstiraden: Frau Ingrid Wecker. Es reicht. Wenn Sie keine Araber und keine Muslime sehen wollen, fragen Sie mich doch einfach: ich kenne ein paar Orte in Ostdeutschland, da werden Sie nie einen sehen. Einfach anfragen!
Wenn Sie einfach nur Ihren Hass loswerden wollen, dann gehen Sie doch bitte auf die Website von "Political Incorrect". "Qantara" ist, wie der Name schon sagt, arabophil....

Habibes05.05.2014 | 16:21 Uhr

Kennen Sie den Pawlowschen Reflex, Habibes? Kommt mir gerade so in den Sinn....

Ingrid Wecker05.05.2014 | 20:57 Uhr

Darf ich hier eine Buchempfehlung machen? Vielleicht sollte sich etwas mit dem lesen beschäftigen statt immer nur auszuteilen. Jürgen Todenhöfers "Feindbild Islam" ist ein sehr schönes Buch über die verzerrte Sichtweise, die viele auf den Islam haben. Und wenn man Ein Islamkritisches Buch gelesen hat und verteidigt sollte man sich fairerweise auch die andere Seite zu Gemüte führen. Das Buch ist mit traurigen Fakten zum Beispiel aus dem algerischen Bürgerkrieg untermauert, leider sind diese Dinge vielen nicht bekannt oder werden bewusst verdrängt. Ansonsten sollte die Kommentarfunktion bei Qantara.de nicht auf Facebook-Niveau genutzt werden (meine Meinung), da die meisten Beiträge bisher immer lesenswert waren. lieben Gruß.

Anna06.05.2014 | 05:38 Uhr

Liebe Anna! Danke fuer Ihren Tipp! Ich kenne das Buch, habe es kurz nach Erscheinen gelesen wie alles von Todenhoefer. Ich sage es auch Ihnen: Ich lebe seit ueber einer Dekade in einem islamischen Land, und zwar mitten unter den normalen Leuten und nicht in einem Europaerghetto.Ich waege ab aus Erfahrung der letzten Jahre. Ich lasse mich deshalb nicht pausenlos als islamophob oder arabophob oder was auch immer beleidigen von anderen Kommentatoren, denen meine Meinung nicht gefaellt. Ich beleidige auch niemanden hier mit Hasstiraden, das Gegenteil muesste mir bewiesen werden mit Fakten. Ich hasse nicht "den Islam", den "den Islam" gibt es gar nicht, sondern es gibt viele Facetten dieser Religion, einige davon schoen, einige weniger schoen, wie mit allem!. Das Facebook-Niveau kenne ich nicht, denn ich bin nicht taetig und nicht praesent in diesen sogenannten sozialen Netzwerken... Sollte allerdings dieses Dreckgeschmeisse nicht aufhoeren, werde ich diese Seiten gar nicht mehr oeffnen, denn das ist es mir nicht wert!

Ingrid Wecker06.05.2014 | 12:23 Uhr

Perlen vor die Säue

Shabnam07.05.2014 | 00:37 Uhr

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Redaktion Qanta...07.05.2014 | 20:58 Uhr