"Toshka"-Bewässerungsprojekt

Wie Ägypten die Wüste fruchtbar machen will

Mit ihrem ambitionierten Projekt "Toshka" will Ägyptens Regierung durch Wasser des Nils die Wüste bezwingen und sie fruchtbar machen – aber zu welchem Preis? Hassan Znined berichtet

Häuser am Nil, Foto: AP
Zehn Staaten wollen bei der Aufteilung des Nilwassers beteiligt werden. Ägyptens Abhängigkeit vom Nil ist dabei besonders groß

​​Unkontrolliertes Bevölkerungswachstum kombiniert mit begrenzten Wasserreserven ist eine explosive Mischung in den Regionen der Erde, die unter den Auswirkungen der Wüstenbildung leiden. Davon ist auch Ägypten betroffen. Allerdings hat es das Glück, dass der längste Fluss der Erde, der Nil, das Land durchfließt.

Aufgrund des explodierenden Bevölkerungswachstums geht das fruchtbare Land, das nur fünf Prozent der Fläche Ägyptens ausmacht, kontinuierlich und in erschreckendem Tempo zurück. Nach pessimistischen Schätzungen werden stündlich 1.000 Quadratmeter Ackerland im Nildelta und im Niltal zugebaut - eine gewaltige Herausforderung für die ägyptische Regierung, die versucht, dies durch Landerschließungsmaßnahmen zu kompensieren.

Verkehrsalptraum Kairo

In Ägypten ist die Wüste eine Jahrtausende alte geographische Realität. Durch das rasante Anwachsen der Bevölkerung aber ist Wohn- und Siedlungsraum knapp geworden. Städte und Siedlungen wachsen ungezügelt und vernichten das knapp gewordene fruchtbare Ackerland. Allein in Kairo, das oft mit einem umgekippten Aschenbecher verglichen wird, leben geschätzte 16 Millionen Menschen, tagsüber steigt ihre Zahl auf über 20 Millionen.

In Kairos Straßen stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Die Stadt lebt einen täglichen Verkehrsalptraum. Unaufhaltsam wächst die Metropole weiter, genauso wie die anderen Ballungsgebiete im Niltal und im Delta.

Menschenmassen drängen sich auf den von Abgasqualm eingehüllten Bürgersteigen, zwischen verstaubten Hochhausfassaden. Und man fragt sich unweigerlich, wie man diesen Lärm, die extreme Luftverschmutzung und die bedrückende Enge überhaupt aushalten kann.

Grünflächen auf dem Rückzug

Ohne Unterlass dehnt sich die Stadt auf Kosten fruchtbaren Landes aus. Dies bezeugt auch der 67jährige Imam Ali, Vater von fünf Kindern: "Zu Beginn meines Arbeitslebens war ich Bauer, aber als ich gesehen habe, wie immer mehr fruchtbares Land zugebaut wurde, habe ich nach meinem Militärdienst den Führerschein gemacht und arbeite seither als Taxifahrer. Das fruchtbare Land hat sich in Gebäude verwandelt - wegen der vielen Einwohner."

Der Lebenslauf von Imam Ali illustriert die Erfahrung von Millionen von Ägyptern, die mit ansehen mussten, wie das Grün der landwirtschaftlich genutzten Flächen immer weiter zurückgedrängt wurde vom Rot der neu erbauten Backstein-Häuser. Am Stadtrand von Kairo ist dieser Kontrast ganz besonders spektakulär.

2002 sorgte der ägyptische Geologe und Astronom Faruk Al-Baz, Professor an der Universität Boston, für Schlagzeilen, als er prophezeite, dass das fruchtbare Land im Delta und im Niltal binnen 60 Jahren komplett verschwinden könnte, wenn die Entwicklung so weitergeht. Längst ist nicht nur der Regierung Ägyptens, sondern auch einem großen Teil der dort lebenden Menschen klar, dass schnell reagiert werden muss, um den unheilvollen Trend aufzuhalten – aber wie?

Der Nil als Allheilmittel?

Wenn es um die Lösung großer Probleme in Ägypten ging, stand schon immer der Nil als Allheilmittel im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Bau des Assuan-Staudamms ermöglichte es zwar, neues Land zu gewinnen und die Stromversorgung Ägyptens zu gewährleisten, doch das Bevölkerungswachstum machte bislang alle Anstrengungen zunichte, die Vernichtung von Agrarland zu stoppen.

Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde des Großprojekts Toshka, 1997 initiiert von der Regierung Mubarak. 1.300 km südwestlich von Kairo, in der Nähe des Nassersees, soll ein Traum verwirklicht werden, der auf einen Schlag alle Probleme lösen soll: die Wüste soll urbar gemacht und besiedelt werden. Das ambitionierte Projekt bei Abu Simbel ist eine Megabaustelle von wahrhaft pharaonischen Ausmaßen. Die offizielle Presse, die das Projekt in den höchsten Tönen lobt, nennt es gar "Ahramat Mubarak" - die Pyramiden Mubaraks. Herz des Projekts ist die Pumpstation, die größte ihrer Art weltweit.

Die sogenannte "Mubarak-Pumpstation" befindet sich 70 km nördlich von Abu Simbel und pumpt Wasser aus dem Nassersee nach Toshka. Geschützt durch strengste Sicherheitsvorkehrungen, ist selbst mit einer speziellen Genehmigung nur eine Außenbesichtigung möglich. Die Pumpstation besteht aus 24 riesigen Pumpen, von denen 18 permanent in Betrieb sind. 25 Millionen Kubikmeter Wasser werden jeden Tag aus dem Nassersee gepumpt und in den 50 km langen Hauptkanal geleitet.

Die Pyramiden Mubaraks als drohendes Fiasko

Trotz der hohen Außentemperaturen, die im Sommer bis zu 50 Grad im Schatten erreichen können, wird das kostbare Nass offen und ungeschützt gegen Verdampfung nach Toshka geführt. Aus dem Hauptkanal zweigen vier Nebenkanäle ab, von denen jeder bis zu 80.000 Hektar Land bewässern kann. 18 Dörfer und Städte sollen so in den kommenden zehn Jahren entstehen – mitten in der Wüste. Insgesamt sollen bis zu fünf Millionen Menschen umgesiedelt werden.

Und in der Tat ist es ein beeindruckendes Bild, mitten im Niemandsland asphaltierte und hell erleuchtete Straßen vorzufinden. Doch ist Toshka bei weitem noch kein grünes Paradies für Millionen von Ägyptern – wie es die staatlichen Verlautbarungen schildern. Es könnte gar zu einem Fiasko werden.

Aber das Projekt lässt sich nicht mehr rückgängig machen, sagt auch Dr. Mohamed Hassan Abdel Aal, Vize-Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Kairo und Spezialist für Umweltfragen: "Es nützt nichts, sich zu grämen, dass die Investitionen in dieses Projekt besser in die landwirtschaftliche Entwicklung oder Landerschließungsmaßnahmen im Delta und im Niltal gesteckt worden wären oder in die Verbesserung von Bewässerungsmethoden", so Abdel Aal.

Deutschland, das seit langem mit Ägypten im Agrarbereich zusammenarbeitet, ist am Toshka-Projekt nicht beteiligt. Paul Weber, Bewässerungsfachmann von der GTZ in Kairo, meint, dass sich Deutschland ganz bewusst nicht beteiligt habe. Denn es bestünden doch erhebliche Zweifel, ob es gelingen würde, genügend bäuerliche Arbeitskraft zu mobilisieren, um eine Produktion unter diesen klimatisch doch sehr widrigen Bedingungen durchzuführen.

Die offizielle Presse, die das Projekt am Anfang als "die größte Leistung der Ära Mubarak" gepriesen hatte, berichtet zumindest immer weniger von dem Prestigeprojekt. Und auch die Zigarettenmarke "Toshka", die anlässlich des Projektstarts lanciert worden war, ist klammheimlich vom Markt verschwunden.

Hassan Znined

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2006

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