Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab"

Alle mal herhören: Das Ende naht!

Thilo Sarrazin hat ein Stück Niedergangsliteratur geschrieben. Er hält sich für einen Rufer in der Wüste, doch seine Vorschläge zur Rettung Deutschlands helfen auch nicht weiter. Eine Rezension von Matthias Drobinski.

​​Manchmal hat einer eine Idee. Diese Idee ist oft gar nicht so dumm und meist zumindest der Diskussion wert. Dann aber passiert etwas geradezu Unheimliches: Die Idee gewinnt Herrschaft über den, der sie geboren hat, sie wird selbständig und immer radikaler; ihr Urheber wird zu ihrem geistigen Sklaven.

Bei Necla Kelek ist das so passiert, der Soziologin, die erst das Elend vieler muslimischer Frauen in Deutschland öffentlich machte und jetzt am liebsten den Islam abschaffen würde.

Bei Thilo Sarrazin ist das auch so passiert, dem einstigen Berliner SPD-Finanzsenator und heutigen Bundesbank- Vorstandsmitglied. Zu Recht hat er mehr Eigenverantwortung und Engagement von Sozialhilfeempfängern und Migranten gefordert. Heute baut er darauf eine Sozialphilosophie auf, in der es um nichts weniger als um den Erhalt des deutschen Vaterlandes geht. Sarrazin, der Gefangene seiner Idee, hat diese Philosophie nun in ein Buch gefasst, das mit großem Tamtam vorgestellt, vorabgedruckt und wohl auch in großer Zahl verkauft wird.

Die Migranten sind schuld

Das Buch ist der Versuch Sarrazins, seriös zu untermauern, was er die vergangenen Jahre als Polemik formuliert hat. Entsprechend wimmelt es in dem Werk mit dem Titel "Deutschland schafft sich ab" von Zahlen, Grafiken, Tabellen, redet er abstrakt von "Erwerbsbeteiligungen" und "Inanspruchnahmen".

Das soll die These vom Niedergang des Landes glaubhaft machen, die grob zusammengefasst so lautet: Deutschland wird immer dümmer; vor allem fehlen die Ingenieure, Chemiker, Tüftler, Erfinder. Das liegt daran, dass die Akademikerinnen zu wenige und die Sozialhilfeempfängerinnen zu viele Kinder kriegen. Schuld daran sind vor allem die Migranten, die sich nicht integrieren wollen und von deutscher Stütze in ihrer Parallelgesellschaft leben, in der neben den Kindern auch der Fundamentalismus und die Gewalt gedeihen.

Und die deutsche Politik, die deutsche Gesellschaft, traut sich nicht, dies zu ändern, getrieben und beherrscht von den "Gutmenschen" (der Begriff zieht sich als Bezeichnung all derer durchs Buch, die Sarrazin irgendwie doof und naiv findet). Das Land will nicht auf Sarrazin hören, den Rufer in der Wüste. Und wird schon sehen, was es davon hat.

Pullover statt Heizkostenzuschuss

Das Buch gehört damit zum Genre der Niedergangsliteratur, die auch deshalb beim Leser solchen Anklang findet, weil der Niedergang in wohlhabenden Gesellschaften zur latenten Angst der Menschen gehört.

Türkische Anwohnerinnen des Berliner Stadtteils Friedrichshain-Kreuzberg; Foto: dpa/DW
Deutschlands Niedergang?: "Sarrazin schreibt nicht als Geschichtsphilosoph, er stilisiert sich als Sozialtechniker, als Klempner des leckenden Gemeinwesens", schreibt Matthias Drobinski.

​​Die Niedergangsliteratur hat ihre Vorbilder: Tacitus zum Beispiel, der römische Geschichtsschreiber, verglich die naturbelassenen Germanen zu deren Vorteil mit den dekadenten Römern. Oswald Spengler beschrieb den Untergang des Abendlandes als unvermeidlichen Vorgang im Werden und Vergehen der Kulturen. Spengler wie Tacitus sahen sich als unverstandene Warner, wie in den 1980er Jahren der Ökologe Herbert Gruhl, wie heute Kelek und Sarrazin.

Bei Spengler und Tacitus macht die Melancholie, in der sie den Niedergang beschreiben, ihre literarische Qualität aus: Es ist etwas verloren und wird nie wieder kommen; alles wird vergehen, so ist der Lauf der Welt. Diese Melancholie fehlt Sarrazin, das macht sein Aggressionspotential aus. Er schreibt nicht als Geschichtsphilosoph, er stilisiert sich als Sozialtechniker, als Klempner des leckenden Gemeinwesens.

Er hat Rezepte anzubieten: Pullover statt Heizkostenzuschuss, Kaloriendisziplin statt Erhöhung der Grundsicherung bei Hartz IV, Strafen, Abschiebungen, Sozialhilfekürzungen. Maßnahmen eben.

Pseudo-Objektivität und Patentrezepte

Das Buch enthält trotz der vielen Statistiken viele Fehler. Das schönste Eingeständnis steht auf den Seiten 359/360, nachdem Sarrazin langatmig erklärt hat, dass die Türken bald die Deutschen in die Minderheit gebären werden: "Es gibt keine wissenschaftlich zuverlässige Methode, Geburtenverhalten und Zuwanderung über mehrere Jahrzehnte verlässlich vorherzusagen." Ja, so ist's, so sagt es jeder Demograph in Europa. Doch genau auf diese Vorhersage hat Sarrazin die 358 vorhergehenden Seiten seines Buches gebaut.

Wolfgang Schäuble beim Besuch einer Vorbereitungsklasse für Migrantenkinder an der Georg-Monsch-Schule in Offenburg; Foto: AP
Sind Migrantenkinder dumm geboren, wie Sarrazin behauptet, oder vielleicht einfach nur benachteiligt?: Wolfgang Schäuble beim Besuch einer Vorbereitungsklasse für Migrantenkinder in Offenburg.

​​Es gibt kein Wort über die schlechten Sprachleistungen vieler Italiener der zweiten und dritten Generation - die sind ja auch keine Muslime. Kein Wort darüber, dass es in Deutschland zur Zeit mehr Aus- als Einwanderer gibt. Die eigene These totrecherchieren, das macht noch nicht einmal Sarrazin gern, der Wahrheitssager des Landes.

Aber das ist gar nicht das Problem, Fehler gibt es in jedem Buch. Auch nicht das Missverhältnis von der Größe der Aufgabe (Rettung Deutschlands) zur Begrenztheit der Rezepte (Sozialhilfekürzung).

Das Problem ist die Grundeinstellung des Autors, die Pseudo-Objektivität, der gnostische Selbsterlösungsglaube: Man muss nur die richtigen Schrauben drehen und Knöpfe drücken, und der Niedergang ist gestoppt.

"Mit den Worten einer untergegangenen Sprache rufe ich der Politik zu: Hic Rhodus, hic salta!" - so endet Sarrazins Buch. Mit einem Heilsversprechen: Mit ein bisschen Härte und ein paar Patentrezepten wird sich die Lage schon zum Guten werden. Das ist Sarrazins Gutmenschentum. Es ist das Gegenteil von gut.

Matthias Drobinski

© Süddeutsche Zeitung 2010

Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen." DVA, München 2010.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Qantara.de

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