Theologe Klaus von Stosch: Christen können aus dem Koran etwas über Jesus lernen

Der katholische Theologe Klaus von Stosch untersucht mit einem Team christlicher und islamischer Wissenschaftler die über hundert Koranverse, in denen Jesus vorkommt. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Vorhaben kann laut von Stosch auch dem gesellschaftlichen Frieden dienen.

Manchen mag es erstaunen: In über 100 Koranversen kommt Jesus vor. Der katholische Theologe Klaus von Stosch untersucht jetzt erstmals in einem wissenschaftlichen Projekt systematisch, was dies für Christen wie auch für Muslime bedeutet. Im Juni wird der Leiter des Instituts für Katholische Theologie der Universität Paderborn erste Zwischenergebnisse präsentieren. Mit ihm sprach Sabine Kleyboldt.

Herr Professor von Stosch, wie kam es zum Forschungsprojekt «Jesus im Koran»?

Klaus von Stosch: Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide und ich entwickelten die Idee, als wir 2011 an der Al-Azhar-Universität in Kairo waren. Da haben wir festgestellt, wie brennend das Thema Jesus ist und wie viel noch zu entdecken ist. 2018, am Ende des Projekts, wird ein Buch stehen, das Khorchide und ich zusammen schreiben. Das wird hoffentlich im positiven Sinne Furore machen. Einige Kapitel stehen schon, aber jeder Abschnitt ist natürlich ein hartes Ringen.

Worum geht es Ihnen konkret?

Stosch: Aus christlicher Sicht will ich herausfinden, ob die über 100 Koranverse, in denen Jesus vorkommt, als Wort Gottes oder Fremdprophetie zu begreifen sind oder ob sie Angriffe auf das Christentum darstellen. So hat man es lange Zeit gesehen, weshalb die Meinung bestand, man müsse solche Koranverse als Kritik an der Christologie abwehren. Da der Koran aus Sicht der Muslime direkt von Gott kommt, ist das eine wichtige Vorentscheidung für das muslimisch-christliche Gespräch. Das alles nüchtern und sachlich zu analysieren, ist natürlich in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation keine leichte Aufgabe.

Und was bringen Ihre Forschungen für Muslime?

Stosch: Ich würde mir wünschen, dass sie etwas über die Person Jesus lernen können. Das Besondere an Jesus scheint gewesen zu sein, dass er in seinem Umgang mit den Menschen etwas von Gottes Menschenfreundlichkeit erfahrbar werden ließ. Dass Gott mir nahe kommt in Jesus, ist etwas, was Muslime nach meiner Einschätzung herausfordern und bewegen kann. Das heißt nicht, dass das in Jesus geschehen muss, denn dann müssten sie ja Christen werden. Aber es gibt eine Menge Hinweise im Koran, die man entdecken kann, wenn man ihn mit einer christlichen Brille liest.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Stosch: In Sure 5, Vers 110 bis 115, bitten die Jünger Jesus, vom Himmel einen Tisch zu schicken, damit sie wieder Vertrauen und Mut fassen. Vorher werden die größten Wundertaten Jesu geschildert, bis hin zur Totenerweckung. Aber das reichte den Jüngern offenbar nicht, sie wollten einen Tisch haben. Meine muslimischen Kollegen waren bei der Passage einfach nur verwirrt. Sie dachten zwar an die Speisung der Fünftausend, aber fragten sich, warum ein Speisungswunder toller ist als eine Totenerweckung. Als christlicher Theologe sehe ich an der liturgischen Sprache sofort, dass es um die Einsetzung der Eucharistie geht. Man kann sehr schön an den älteren muslimischen Kommentaren sehen, dass das die Muslime früher auch noch wussten.

Welches Feedback bekommen Sie auf Ihre Studien?

Stosch: Bisher sind wir nicht im Visier der Fundamentalisten, die scheinen das nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das finde ich sehr beruhigend. Und konservative Theologen diskutieren das mit uns in einer sehr schönen Weise. Ich habe mehrfach die zentralen Thesen unseres Projektes vor einer Vielzahl muslimischer Theologen vorgetragen, unter anderem in Qom und in Ankara. Manche fanden ganz falsch, was ich sage, aber sie hatten dann Gegenargumente, und manche waren auch meiner Meinung. Viele akzeptieren zwar, dass wir für unsere Arbeit eine historische Sortierung der Suren vornehmen, würden dann aber vielleicht einzelne Verse anders einordnen. Über all das kann man natürlich wissenschaftlich streiten.

Und wie reagieren Christen?

Stosch: Gelegentlich kriege ich Briefe von christlichen Fundamentalisten, die mich darauf aufmerksam machen, dass ich den Islam verharmlose, der aber sehr gefährlich sei, die große Plage unserer Zeit. Aber das ist sehr selten, und ich versuche in meiner Antwort stets deutlich zu machen, dass es hier wirklich nicht um Verharmlosung geht.

Ich weiß sehr genau, dass es auch gefährliche Tendenzen innerhalb des Islam gibt. Aber ich hielte es politisch für eine ganz verheerende Strategie, wenn wir jetzt wegen einiger muslimischer Fundamentalisten eine Weltreligion zum Gegner erklärten. Damit machten wir die Fundamentalisten umso stärker, die ja die Polarisierung und den Kampf der Kulturen wollen. Wir müssen sachlich prüfen, was im Koran steht. Und all das, was die sogenannten Islamkritiker behaupten, kann man Punkt für Punkt widerlegen.

Also etwa die Tötung von Ungläubigen ist gar nicht vom Koran gedeckt?

Stosch: Sie spielen auf den «Schwertvers» - Sure 9, Vers 30 - an. Dieser wird ebenso von Islamkritikern wie auch vom IS verwendet, wenn er wieder mal Christen umbringt. Im «Schwertvers» heißt es sinngemäß, dass man alle Ungläubigen umbringen soll. Liest man aber den Kontext, erkennt man, dass mit «Ungläubigen» die Mekkaner gemeint sind, die einen Friedensvertrag mit Mohammed gebrochen haben. Durch diese Erwähnung können wir das datieren, weil es nur den Friedensvertrag von Hudaibiya aus dem Jahr 628 gibt. Den Mekkanern wird vorgeworfen, dass sie das Heiligtum schlecht verwalten, die friedlichen Pilger nicht akzeptieren, sondern vertreiben und drangsalieren. Daher bezieht sich die Drohung eindeutig auf die Mekkaner, und nicht etwa auf Christen und andere «Ungläubige».

Was bringen Ihre Erkenntnisse für den interreligiösen Dialog und den Frieden in der Gesellschaft?

Stosch: Die Ideologie von muslimischen Fundamentalisten wie etwa des IS beruht auf genau den Versen über Jesus, die wir für das Projekt untersuchen. Dieser Ideologie entziehen wir mit sehr guten rationalen Argumenten den Boden. Es wird die Fundamentalisten zwar nicht überzeugen, aber es liefert muslimischen Religionslehrern Argumente gegenüber gefährdeten Jugendlichen. Mich beunruhigt, dass wir junge Leute, die durch unser Bildungssystem gehen, an den IS verlieren.

Wie kommt das?

Stosch: Das liegt auch daran, dass wir bisher keinen intellektuell anspruchsvollen muslimischen Religionsunterricht haben. Wir brauchen hier aber Niveau, um dem Fundamentalismus entgegenzutreten. Umgekehrt könnten unsere Erkenntnisse auch Menschen die Angst vor dem Islam nehmen. Tatsächlich gibt es Dinge im Islam, die Angst machen können, aber nicht in der Religion, sondern in Gestalt von Terroristen, die sich auf den Koran berufen. Umso wichtiger ist es, ihre Deutungen als fehlerhaft zu entlarven. (KNA)

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