Theodor-Heuss-Preis an Mustafa Ceric
Wichtige Integrationsfigur

Der diesjährige Theodor-Heuss-Preis geht an den Großmufti von Bosnien und Herzegowina, Mustafa Efendi Ceric. Ceric gilt als besonnener Vermittler zwischen Ost und West und als Brückenbauer zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Europa. Zoran Arbutina berichtet.

Imam Mustafa Ceric; Foto: AP
Großimam Mustafa Ceric ist der diesjährige Träger des Theodor-Heuss-Preises.

​​Wie kein anderer muslimischer Gelehrter oder islamischer Würdenträger wird Mustafa Efendi Ceric in Europa, insbesondere in Deutschland, geehrt und gelobt. Der Theodor-Heuss-Preis ist der dritte Preis für seine Bemühungen um die Entwicklung des Dialogs in diesem Jahr, den er zusammen mit der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth erhält.

Die Laudatorin Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, lobte Ceric für seine Bemühungen, den Islam in Europa als eine dialogfähige Religion zu zeigen.

Antoinette Cherbuliez, Geschäftsführerin der Theodor-Heuss-Stiftung, erklärt die diesjährige Auszeichnung an den bosnischen Großmufti Mustafa Efendi Ceric mit folgenden Worten: "Herr Doktor Ceric ist deswegen eine außergewöhnliche Persönlichkeit in unseren Augen, weil er besonders geeignet für den Dialog zwischen den Kulturen und den Religionen ist."

In der Begründung des Kuratoriums heißt es weiter, dass er als Europäer die Integration der Muslime in die europäische Gesellschaft sowie den friedlichen Dialog zwischen Muslimen, Juden und Christen fördere.

Geachtete Persönlichkeit im Dialog

Der deutsche Publizist Jörg Lau hält dies für eine große Ehre, aber auch für eine große Verantwortung für das Oberhaupt einer relativ kleinen Gemeinde von etwa zwei Millionen bosnischen Muslimen:

"Der kleine Haken an der Sache ist, dass er als bosnischer Muslim für eine nicht so große europäische Gruppe steht, sondern eben für eine relativ kleine Gemeinschaft. Er hat aber das Format, sowohl intellektuell, als auch durch seine moralische Glaubwürdigkeit, eine geachtete Persönlichkeit in Europa zu werden, die durchaus für eine Mehrheit der Muslime sprechen könnte", so Lau.

Ceric studierte an zahlreichen Universitäten, darunter auch an der renommierten ägyptischen Al-Azhar-Universität und wirkte in Europa und in den USA als Theologe und Philosoph. Er gilt als Kenner nicht nur islamischer Autoritäten, sondern auch westlicher Philosophen, spricht mehrere Sprachen und begreift sich als Kosmopolit. Seine Predigten hält er in der Kaisermoschee in Sarajevo, seine Botschaften sendet er aber weltweit.

Ruf nach einer europäischen Dialog-Kultur

Vor zwei Jahren verfasste Ceric die "Erklärung der europäischen Muslime", in der Europa als "Haus des Gesellschaftsvertrages" beschrieben wird, als ein Haus, in dem verschiedene Wohnungen und Lebensweisen koexistieren.

Lateinerbrücke in Sarajewo; Foto: DW
Ceric fordert eine europäische Kultur des Dialogs; Brücke in Sarajevo.

​​Und nach der Regensburger Rede des Papstes schrieb er zusammen mit 37 anderen hochrangigen islamischen Theologen einen vielbeachteten offenen Brief an das Oberhaupt der Katholischen Kirche. Darin wurden sachliche Argumente ruhig vorgetragen, um der anschwellenden Empörung in den Straßen arabischer Großstädte entgegen zu wirken und den interreligiösen Dialog in friedliche Bahnen zu lenken.

Die Förderung einer Kultur des Dialogs und die Integration der Muslime in die westlichen Gesellschaften – das sind die größten Herausforderungen, vor denen Europa zurzeit steht.

"Der Dialog, besser gesagt, eine Kultur des Dialogs, ist heute für Europa das Wichtigste. Europa braucht ein Programm, eine langfristige Strategie der Förderung und der Pflege der Kultur des Dialogs zwischen den verschiedenen Religionen, Kulturen und Völkern", so Ceric.

Kritik aus Bosnien

Nicht alle aber heißen dieses Engagement von Mustafa Ceric gut. In seiner Heimat Bosnien-Herzegowina wird er mitunter heftig kritisiert. Einerseits wird bemängelt, dass er nicht streng genug gegen die Wahhabiten, die "orthodoxen" Muslime vorgehe, die nach dem Krieg über islamische Hilfsorganisationen ins Land kamen.

Andererseits wirft man ihm vor, dass er sich als religiöses Oberhaupt der bosnischen Muslime politisch engagiert.

Dies untergrabe den säkularen Charakter des Staates, sagt Vildana Selimbegovic, Chefredakteurin des angesehenen Wochenmagazins "Dani" aus Sarajevo:

"Das Problem liegt in der Tatsache, dass Imam Ceric sich immer öfter in weltliche, also politische Angelegenheiten einmischt. Er übernimmt die Rolle des politischen Vertreters der muslimischen Bosniaken in Bosnien-Herzegowina. Für sie ist das überhaupt nicht gut, weil Bosnien-Herzegowina ein säkularer Staat ist. Das Land möchte der EU beitreten, und es ist verfehlt, wenn ein Volk von einem Religionsführer repräsentiert wird."

"Politik ist unser Schicksal"

Diese Kritik weist Mustafa Ceric jedoch zurück: "Ich beschäftige mich mit dem Leben, und da die Politik auch ein Teil des Lebens ist, ist es nicht möglich, sich von der Politik zu isolieren. Ich bin kein Politiker, das ist nicht mein Beruf, aber ich versuche zu verstehen, was Politik ist. Wer die Politik nicht versteht, wird Fehler machen, und das heißt dann, wieder Politik betreiben. Politik ist unser Schicksal."

Innerhalb der islamischen Welt bekleidet Mustafa Ceric das einmalige Amt des Reis ul-Ulema der bosnischen Muslime, des "Führers der Gelehrten". Das Amt wurde 1878 vom österreichischen Kaiser Franz Joseph I. nach der Annexion Bosnien-Herzegowinas gegründet, um einen starken und zuverlässigen Ansprechpartner in der größten Bevölkerungsgruppe des Landes zu haben.

Von Anfang an hatte der Reis ul-Ulema eine Doppelfunktion: Er war der höchste religiöse Führer, gleichzeitig aber auch politischer Repräsentant der Muslime von Bosnien-Herzegowina für den Kaiser und den König.

Stolperstein für den EU-Beitritt?

Der Widerspruch, in dem sich Europa und Bosnien-Herzegowina befinden, ist nicht zufällig – er entsteht zwangsläufig. Der Westen glaubt, in der Person von Mustafa Ceric die Verkörperung eines gemäßigten und europäischen Islam gefunden zu haben, nach dem man so dringend sucht.

Gleichzeitig ist gerade dieses politische Engagement des geistigen Oberhauptes der bosnischen Muslime ein Stolperstein für die Bemühungen von Bosnien-Herzegowina, die politischen Reformen auf dem Weg nach Europa durchzuführen, was unter anderem auch die strikte Trennung von Religion und Staat beinhaltet.

Für Mustafa Ceric ist aber auch dieser Widerspruch nicht überraschend: "Die Kultur des Dialogs in Bosnien-Herzegowina ist gleichzeitig auch die Kultur des Dialogs in Europa. Was in Bosnien-Herzegowina geschieht, ist nicht etwas spezifisch Bosnisches, wir sind nur das Abbild des heutigen Europa und der heutigen Welt."

Zoran Arbutina

© Deutsche Welle 2007

Qantara.de

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