Theaterlandschaften Seidenstraße

Im Rahmen des Seidenstraßenprojekts wurden vier Regisseure aus dem Maghreb vom Theater an der Ruhr eingeladen. Sie diskutierten auch über das Verhältnis von Orient und Okzident in ihrer Arbeit. Eva Schmidt saß im Publikum.

Im Rahmen des Seidenstraßenprojekts wurden vier Regisseure aus dem Maghreb vom Theater an der Ruhr eingeladen. Bei einer Gesprächsrunde diskutierten sie das Verhältnis von Orient und Okzident in ihrer Arbeit. Eva Schmidt war dabei.

Viele Jahrhunderte war sie die wichtigste Verbindung zwischen Orient und Okzident: Die alte Seidenstraße. Gehandelt wurde aber nicht nur mit Seide, Silber oder Gold, sondern auch – wie immer, wenn Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammentreffen – mit Ideen und Weltanschauungen.

Beim dem Festival „Theaterlandschaften Seidenstraße“ treffen sich seit Mitte der neunziger Jahre Theatermenschen aus inzwischen über 15 Ländern entlang der alten Handelsrouten im Theater an der Ruhr in Mülheim. Ebenso bereisten Roberto Ciulli und sein Ensemble mit ihren Inszenierungen u.a. den Iran, die Türkei, Usbekistan und den Irak.

Ästhetische Nähe bei kritischer Distanz

Beim diesjährigen Seidenstraßen-Festival in Mülheim lag der Fokus, neben zwei Beiträgen aus dem Iran, auf der Theaterkunst aus dem Maghreb. In den Inszenierungen aus Algerien, Marokko und Tunesien ist trotz der ästhetischen Nähe zum europäischen Theater auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der Kolonialzeit zu spüren.

Ausgerechnet ein Stück aus dem französischen Literaturkanon wählte sich Ahmed Khoudi aus Algerien: „König Ubu“ von Alfred Jarry. Doch die Groteske um einen gewalttätigen Herrscher, der ein grausames Terror-Regime errichtet, ist für Abderahmane Zaboubi vom Algerischen Nationaltheater ein Spiegel der eigenen Gesellschaft: „Wir wollen zeigen, wie viele König Ubus in unserem Land existieren“, sagte er bei der abschließenden Podiumsdiskussion der Theatermacher. Auf Deutsch, Farsi und Arabisch dreisprachig geführt, war die Gesprächsrunde der Regisseure zugleich auch eine Art sinnliches Hör-Erlebnis.

Herausragend war Sabah Bouzouitas Bearbeitung von August Strindbergs „Totentanz“. Mit ihrer Inszenierung ließ die tunesische Regisseurin die Folklore des arabischen Theaters weit hinter sich. Für ihre Schauspielkunst erhielt sie 2003 den Theaterpreis des Theaters an der Ruhr.

Nicht zuletzt liegt die Faszination dieses Festivals in der Vielheit seiner Sprachen und schauspielerischen Ausdrucksformen, die ungeachtet ihres ästhetischen Eigensinns das Flair der unterschiedlichsten kulturellen Identitäten atmen.

Der Westen exportiert nicht nur Freiheit und Demokratie

„Die dritte Generation nach der Revolution von 1979 versucht gerade, sich selbst zu finden“, beschreibt die iranische Regisseurin Shabnam Toluie die gesellschaftliche Situation der Jugendlichen in Teheran. Ihre Inszenierung „Bitterer Kaffee“ zeigt die jungen Leute in einem westlich anmutenden Café. Vorne auf der Bühne steht ein Klo. Die Protagonisten hören dieselbe Musik im Radio wie hierzulande, sind in Jeans und Shirts gekleidet und leiden unter Drogen-, Beziehungsproblemen und Einsamkeit. Shabnam will die Zuschauer darauf aufmerksam machen, dass der Westen also nicht nur die Freiheit und Demokratie exportiert, sondern auch all die Malaisen der Individualisierung.

Kritik von Außen kostet nichts

Bei der Gesprächsrunde kommt aus dem Publikum die obligatorische Frage nach dem Zwang zum Kopftuch, das die weiblichen Darstellerinnen mit einer gewissen Lässigkeit tragen. „Dürfen Frauen in Teheran überhaupt alleine ins Café gehen?“, möchte eine Zuschauerin wissen. Roberto Ciulli nutzt die Gelegenheit zur Aufklärung über ein Land, das die meisten eben nicht aus dem Urlaub kennen. Indem trotz Kopftuch Haar zu sehen ist, indem Männer und Frauen auf der Bühne Berührungen andeuten, „geht die Inszenierung über die Grenzen“ und verschiebt sie. „Versuchen wir nicht mutiger von außen zu sein als der Mutigste im Iran“, mahnt Roberto Ciulli.

„Menschen, die unterdrückt sind, aber Widerstand leisten“, darin liegt für Najib Cherradi vom „El Teatro“ in Tunesien die existentielle Schärfe des Stückes „Die Palästinenser“ nach Jean Genet. Die Inszenierung (Regie: Taoufik Jebali) findet verstörende Bilder für Genets Versuch, das Massaker an Palästinensern im libanesischen Lager Schatila in Worte zu fassen.

Theater im Maghreb und Europa vor ähnlichen Problemen

Die Probleme der marokkanischen Theatermacher ähneln verblüffend denen der unsrigen: In den letzten zehn Jahren gingen die Leute immer weniger ins Theater. Hassan Hammouche von der Gruppe „Tensift“ will sie zurückholen, indem er eine neue „Harmonie herstellt zwischen Volkskultur, Theater, den Intellektuellen und dem Publikum.“

Inspiriert von ihrem Treffen in Mülheim möchten die Regisseure aus dem Maghreb nun ein gemeinsames Festival in ihren Ländern auf die Beine stellen. So wurde das Netzwerk der „Theaterlandschaften Seidenstraße“ wieder um einige Maschen weiter gewebt. Es herrscht das Tauschprinzip. Doch getauscht werden Blicke, Lachen, Wut und manchmal Schmerz – statt Gold und Silber, wie auf der alten Seidenstraße.

Eva Schmidt

© Qantara.de 2003

Theater an der Ruhr

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