"The Dosti Music Project"

Zurück zu den Wurzeln

Zwei Jahre lang, von 2015 bis 2016, kamen im "Dosti Music Project" Musiker aus Indien, Pakistan und den USA zusammen, um die Ähnlichkeiten und Unterschiede ihrer jeweiligen Musikstile zu erforschen. Als Ergebnis ihrer erstaunlichen kreativen Energie ist eine Sammlung äußerst hörenswerter Songs entstanden. Von Richard Marcus

Wer nicht völlig ahnungslos ist, dem sollte klar sein, dass Musiker aus Pakistan und Indien wahrscheinlich vieles gemeinsam haben. Obwohl die Briten einst ernsthaft versuchten, die beiden großen Religionen des Subkontinents – den Hinduismus und den Islam – strikt voneinander zu trennen, sind die kulturellen Gemeinsamkeiten der beiden Länder tief verwurzelt.

Leichter zu verzeihen ist es hingegen, wenn man die Gemeinsamkeiten der südostasiatischen Musik mit amerikanischer Country- und Folkmusik nicht auf Anhieb erkennt, ganz zu schweigen die dort verbreitete Popmusik. Genau diese Gemeinsamkeiten aber finden sich nun auf dem neuen Album "Travelers", das am 26. Mai 2017 vom US-amerikanischen Kollektiv Found Sound Nation unter dem Bandnamen The Dosti Music Project veröffentlicht wurde.

Will man sich auf dieses Album einlassen, dann sollte man zuerst alle Erwartungen darüber aufgeben, was man wohl zu hören bekommt. Vielleicht kann man die einzelnen Instrumente erraten, aber die Art, wie sie miteinander kombiniert werden, ist wahrscheinlich eine große Überraschung.

Gemeinsame kulturelle Wurzeln

Nehmen wir beispielsweise das erste Stück des Albums, "Majare", ein traditionelles Lied aus der indischen Provinz Bengalen. Die Aufnahme entstand aus dem Vorschlag des südindischen Perkussionisten Darbuka Siva, das Lied als gemeinsame Gesangsübung zu verwenden. Da er zwar auf Bengali singen kann, aber die Sprache nicht spricht, begleiten ihn Danish Khawaja, ein pakistanischer Rocksänger, und Debasmita Bhattacharya, ein Bengali aus Kalkutta, die beide die Melodie kennen. Was als einfache Übung begann, wurde zu einem Prüfstein – zu einer Erinnerung daran, wie viel sie alle einmal gemeinsam hatten und immer noch haben.

CD-Cover "The Dosti Music Project": Travelers; Quelle: Found Sound Nation
Die musikalische Kooperation des "Dosti Music Project" widerlegt nicht nur gängige Stereotype, wie sich Musik aus Indien und Pakistan anhören "sollte", sondern zeigt auch, wie gut diese mit der westlichen Popmusik vereinbar ist, schreibt Richard Marcus.

Einer der ergreifendsten Titel des Albums, insbesondere für indische und pakistanische Zuhörer, ist das sechste Stück mit dem Namen "Homecomings" ("Heimkünfte"). Hier haben die Musiker drei traditionelle Lieder in den Sprachen Marwadi und Punjabi miteinander verwoben (beides sind Sprachen, deren Verbreitungsgebiet durch die Teilung des Subkontinents gespalten wurde, die also auf beiden Seiten der Grenze gesprochen werden).

Durch die besondere Ausdruckskraft der beiden Hauptstimmen – von Imran Fida und Mirande Shah – die die drei Melodien miteinander verbinden, werden die tiefen Wunden der Trennung verdeutlicht. Dies kommt auch in der letzten Zeile des Liedes zum Ausdruck: "Home is lonely without you, oh beloved" ("Oh Geliebte, ohne dich ist meine Heimat einsam").

Dieses Lied zeigt auch auf eindringliche Weise, wie sich die Musikstile Südostasiens und Amerikas gegenseitig ergänzen und vervollkommnen können. Im Verlauf des Songs "Homecomings" bringen amerikanische Geigen und Gitarren mehr und mehr Substanz und Tiefe in die Musik. Dabei ist es besonders eindrucksvoll zu beobachten, wie subtil sie diese unterschiedlichen Elemente in das musikalische Material integrieren. Ohne dabei zu sehr zu dominieren, bereichern und vertiefen sie das Stück vor einem filigranen Klanghintergrund.

Während die pakistanischen und indischen Musiker auf der Suche nach musikalischen Gemeinsamkeiten auf Jahrhunderte gemeinsamer Kulturgeschichte zurückgreifen können, war es schwer vorstellbar, wie diese Tradition mit amerikanischer Country- oder Folkmusik in Einklang gebracht werden kann. Der einfachste Ansatz ist natürlich, es bei Ergänzungen wie den Gitarren und Geigen in "Homecomings" zu belassen. Aber was würde geschehen, wenn ein amerikanischer Song in den Vordergrund tritt?

Ich bin in einem Alter, in dem ich mich noch an die Zeit erinnern kann, als manche britische Popmusiker ihre Songs unbedingt mit einer indischen Sitar aufpeppen mussten. Oft hat dies überhaupt nicht funktioniert, also rechnete ich auch hier mit dem Schlimmsten. Zum Glück stellten sich meine Sorgen als unbegründet heraus: In "Travelers" schaffen es die Musiker, die beiden musikalischen Welten durch ihr harmonisches Zusammenspiel perfekt zu verbinden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Stück "The Gift" ("Das Geschenk") der Sängerin und Songwriterin Abakis, die auch als Aba Kiser bekannt ist und aus dem US-Bundesstaat Washington stammt. Diesen Titel kann man als waschechten Country- oder Folksong bezeichnen.

"Dosti" – wahre Freundschaft

Aba Kisers wunderbar hochtönende Stimme und ihr elegantes Gitarrenspiel werden in ihrem Song durch herrliche Tabla-Trommeln und andere Instrumente subtil ergänzt. Dies wirkt hier ebenso bereichernd wie die Gitarren und Geigen im Stück "Homecomings". Wie nahtlos die Musiker ihre Traditionen und Stile miteinander verbinden können, ist beachtlich. Immerhin geht es hier nicht um einen Rockmusiker, der sich an Folkmusik versucht oder umgekehrt, sondern um zwei völlig unterschiedliche musikalische Welten, die auf harmonische Weise zusammenfinden. Interessant ist dabei, dass der eine Musikstil aus der britischen Folkmusik heraus entstanden ist und der andere während der Kolonialzeit von genau denselben Briten auseinandergerissen wurde. Doch diese Ironie macht das Ergebnis wohl umso schöner.

Jeder Song auf diesem Album ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie man musikalische Stile und Genres miteinander verbinden kann. Dabei gehen die einzelnen Stücke weit über die Folkszene des jeweiligen Landes hinaus. Es gibt Beiträge elektronischer Musik, von Synth-Pop-Band-Mitgliedern und vielen anderen. Ihre musikalische Kooperation widerlegt nicht nur gängige Stereotype, wie sich Musik aus Indien und Pakistan anhören "sollte", sondern zeigt auch, wie gut diese mit der westlichen Popmusik vereinbar ist.

In den letzten Jahren habe ich viele Musikprojekte angehört, die klassische Musik aus Südostasien mit europäischer Musik verbinden: von Yehudi Menuhin, der mit Ravi Shankar zusammenspielte, bis hin zu klassischen indischen Musikern als Begleitung für Miles Davis. "Travelers" ist anders, und dies nicht nur, weil das Album Musiker aus Indien und Pakistan vereint und damit einen umfassenderen Überblick über die Musik der Region gibt als üblich. Nein, es zeigt auch, wie Ost und West zu einer Harmonie finden können, ohne sie sich gegenseitig aufzuzwingen. So überrascht es auch nicht, dass das Wort "dosti" in Urdu, Hindi und anderen Sprachen der Region auf Deutsch "Freundschaft" bedeutet.

Richard Marcus

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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