"The Book of Charlatans" aus dem 13. Jahrhundert
Blick in die Unterwelt

Der syrische Autor al-Jawbari aus dem 13. Jahrhundert enthüllt als intimer Kenner der Szene alle Tricks und Gaunereien seiner Zeitgenossen: die List von falschen Propheten, Quacksalbern, Trickbetrügern, Geldwechslern, Alchemisten und – am schlimmsten – Frauen. Jetzt wurde das Werk in einer zweisprachigen Ausgabe, übersetzt von Humphrey Davies, neu herausgegeben. Von Marcia Lynx Qualey

Al-Jawbarī versichert als Autor der Sammlung The Book of Charlatans (dt. Das Buch der Scharlatane) aus dem 13. Jahrhundert, dass er alles Erdenkliche über Gauner und Schwindler gelernt hat. So hat er beispielsweise nicht weniger als dreißig verschiedene Möglichkeiten erlernt, falsches Ambra (wird zur Herstellung von Parfüm benötigt, Anm. der Red.) herzustellen, wie er uns im zehnten Kapitel seines Werks anvertraut, das im Original den Titel Kitab al-mukhtar fi kashf al-asrar trägt und von Humphrey Davies unter dem Titel The Book of Charlatans ins Englische übersetzt wurde. Da al-Jawbarī uns nicht mit Details langweilen möchte, verspricht er, nur die besten Methoden zu verraten.

Nach eigener Darstellung hat al-Jawbarī nicht nur jeden noch so kleinen Schwindel im 13. Jahrhundert vom "Morgenland“ bis zum Maghreb aufgespürt. Sein Wissen, so beteuert er, habe er aus erster Hand durch die Lektüre vieler hundert Bücher ergänzt. In der Übersetzung von Humphrey Davies sagt al-Jawbarī in einer charmanten Eloge über sich selbst: "Es gibt kein einziges Werk der alten Weisen, das ich nicht studiert habe!“

Al-Jawbarī, der vermutlich Anfang des 13. Jahrhunderts in der Nähe von Damaskus geboren wurde, scheint Autodidakt gewesen zu sein. Zwar räumt er ein, dass es einige wenige Tricks gebe, die selbst er nicht erklären könne, aber er versichert uns dennoch, einer der weltweit führenden Experten für Gaunereien im 13. Jahrhundert zu sein. In dreißig Kapiteln legt er die Schwindeleien der Männer und Frauen mit dem vorgeblichen Ziel dar, seine Leser vor Schaden zu bewahren.

Ein altes Genre
 

Ein solches Buch war damals kein Novum. Bereits seit dem 9. Jahrhundert, so Davies in seiner Einleitung, waren arabisch schreibende Autoren am Leben der Menschen an den Rändern der Gesellschaft interessiert, was "manche bemerkenswerte Werke hervorbrachte“. In diesem Zusammenhang verweist er auf al-Ǧāḥiẓ' Buch der Geizkragen aus dem 9. Jahrhundert, Abu Dulafs Bettlergedicht aus dem 10. Jahrhundert und Ibn Dāniyāls Schauspiel Wundersam und Seltsam aus dem 14. Jahrhundert, welches das Leben von Vagabunden schildert.

Al-Jawbari's "The Book of Charlatans", aus dem Arabischen übersetzt von Humphrey Davies (erschienen bei New York University; bilinguale Ausgabe)
Vorbote moderner Kriminalromane: "Viele Passagen in 'The Book of Charlatans‘ könnten aus einem Krimimagazin des 19. oder 20. Jahrhunderts stammen. Manches liest sich wie eine kunstvolle Kurzgeschichte oder eine anzügliche und sexuell freizügigere Fassung von Arsène Lupin oder Sherlock Holmes. Anderes liest sich wie kurze Rätselgeschichten, die auch in Detektivmagazinen erschienen sein könnten, wie sie im Kairo der 1940er Jahre beliebt waren“, schreibt Marcia Lynx Qualey.

Schon zu Lebzeiten von al-Jawbarī waren Bücher über Scharlatanerie verbreitet. So weist der Autor in seiner eigenen Einleitung darauf hin, mit dem turkmenischen Ortoqiden-Herrscher al-Malik al-Mas'ud Rukn al-Din Mawdud, der von 1222 bis 1232 ein Gebiet im heutigen Südosten der Türkei regierte, über ein solches Buch gesprochen zu haben. Im Laufe dieses Gesprächs forderte der Sultan seinen Gesprächspartner auf, ein ähnliches Buch zusammenzustellen, das allerdings "kürzer und leichter verständlich“ sein solle.

"The Book of Charlatans“ ist das Ergebnis. Manuela Dengler hat es neu herausgegeben. Der begnadete und kürzlich verstorbene Humphrey Davies hat es übersetzt, wie zuvor u. a. bereits die virtuosen Werke des libanesischen Autors Ahmad Faris al-Shidyaq (ca. 1805 bis 1887) und des Kairoer Autors Yusuf al-Shirbini (ca.1636-1700). In dieser zweisprachigen Ausgabe macht Davies den englischen Text nicht nur gut verständlich, sondern auch unterhaltsam. So streut er gelegentlich Anachronismen ein, wie "MO“ für das Motiv einer Figur, und macht großzügig Gebrauch von Ausrufezeichen.

Wer war al-Jawbarī?
 

Was wir über den "Gelehrten Scheich Jamal al-Din 'Abd al-Rahim ibn Abi Bakr al-Dimashqi“, kurz al-Jawbarī, wissen, stammt hauptsächlich aus dem Book of CharlatansZwar liegt der Schwerpunkt des Buches auf Tricks und Gaunereien, aber al-Jawbarī flechtet geschickt persönliche Erlebnisse ein, um sich als Experte zu beweisen.

So entsteht Stück für Stück ein Bild seines Lebens. Wir erfahren, dass er nicht von Kind auf "von einem Glückskreislauf umgeben“ war. Trotz seiner erkennbaren Vorurteile gegen Juden und Frauen spricht aus seinen Texten eine umfassende Lebenserfahrung.

Wir erhalten Einblick in das Leben eines abenteuerlustigen und weitgereisten Mannes, der Alchemisten in der Bekaa, Schatzsuchern in Ägypten, Rosstäuschern in Tunis und verheirateten Frauen von fragwürdiger Tugendhaftigkeit in den Vororten von Kairo begegnet ist.

Dabei ist sein Selbstbildnis durchaus widersprüchlich. Zunächst gibt sich al-Jawbarī als eine Art Spaßbremse aus, die Rauschmittel und sogar Musik ablehnt. Doch später gibt er sich als Lebemann zu erkennen. Deutlich wird das in seiner Erzählung über die angebliche Verderbtheit der Frauen, die er gemeinsam mit einem Freund aus Aleppo erfahren haben will. Die beiden Männer wollten zu einer Geschäftsreise in den Jemen aufbrechen. "Also nahmen wir uns den Tag frei, um zu feiern und uns zu verabschieden.“ Während sie feierten, hielten al-Jawbarī und sein Trinkgefährte Ausschau nach einer bestimmten Frau, damit diese "uns von unserem Gelübde entbinden möge“. Als sie ihr schließlich begegneten, wurden sie Zeugen, wie eben diese Frau ihr eigenes Ehegelübde brach.

Die häufigen Übertreibungen und die Behauptung, er kenne jeden Trick, lassen vermuten, dass al-Jawbarī kein unbeschriebenes Blatt war. Auch sein Übersetzer Davies geht davon aus, dass "al-Jawbarī mehr oder weniger selbst ein 'Scharlatan‘ war“, der einige der von ihm beschriebenen Gaunereien selbst begangen hat.

Auf jeden Fall, so schreibt Davies, habe al-Jawbarī "eine der bedeutendsten literarischen Darstellungen der Bräuche aus der Unterwelt in der mittelalterlichen islamischen Zivilisation“ zu Papier gebracht. Ein Kompendium von packenden Kurzgeschichten, Anleitungen und Rätselkrimis. Al-Jawbarī missbilligte sicherlich einige Betrüger und beendet zahlreiche Passagen mit dem Refrain "faafhum zilik“, oder – wie von Davies übersetzt – "Wise up!“ (dt. Werde klug!). Doch als ein syrischer Freund offenbar von Ägyptern verspottet und als "syrische Kuh“ bezeichnet wird, ist er voll und ganz auf der Seite seines Freundes.

Der Mann namens Ali al-Busrawi hatte den betroffenen Ägyptern, die ihn zuvor schikaniert hatten, Zahnreiniger aus Fäkalien angedreht. Al-Jawbarī gefällt dieser Trick ganz offensichtlich. Anstatt den Abschnitt mit "Werde klug!“ zu beenden, schließt er mit einem verschmitzten "Sie haben es nie herausgefunden!“

Anleihen bei Scherlock Holmes und Arsène Lupin
 

Der zeitgenössische Kriminalroman hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Von Europa und den Vereinigten Staaten aus stießen populäre Kriminalgeschichten auch in Kairo, Beirut und Damaskus auf fruchtbaren Boden. Viele Passagen in The Book of Charlatans könnten durchaus aus einem Krimimagazin des 19. oder 20. Jahrhunderts stammen. Manches liest sich wie eine kunstvolle Kurzgeschichte oder anzügliche und sexuell freizügigere Fassungen von Arsène Lupin oder Sherlock Holmes. Anderes liest sich wie kurze Rätselgeschichten, die auch in Detektivmagazinen erschienen sein könnten, wie sie im Kairo der 1940er Jahre beliebt waren.

In einer Geschichte über angebliche Scheichs erfahren wir zum Beispiel von diesem Rätsel: Ein Scheich geht nachts spazieren, als seine Stirn zu leuchten beginnt. Seine verblüfften Gefährten, die ihn für einen mächtigen und rechtschaffenen Mann halten, vertrauen ihm anschließend ihr Geld an. In der Auflösung dieses Rätsels erfahren wir, dass der angebliche Scheich lediglich ein Haarnetz aus Glühwürmchen trug.

Viele von al-Jawbarī beschriebene Zutaten werden für einen zeitgenössischen Leser nur schwer zu beschaffen sein. So beispielsweise "Lampionblume, Anacardium und Agaricon“, die offenbar zu einem Rauschmittel verarbeitet wurden, das der Nahrung zugemischt wurde. Andere – wie die Rezepte für unsichtbare Tinte – könnten dagegen durchaus wieder in Mode kommen. So gilt die Empfehlung: Lies das Buch – und werde klug!

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2021

 

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Die Redaktion empfiehlt