"Jedes Exponat meiner Sammlung erzählt eine Geschichte“, sagt Widad Kawar. "Jede Region hat ihr eigenes Stickmuster. Und jedes Muster hat seine Geschichte.“ 

Textilkunst aus Palästina, Jordanien und Syrien
Gewebte Geschichte

Frauen im Nahen Osten halten in kunstvollen Stickereien Bräuche und Traditionen fest.  Die aufwendigen Textilarbeiten geben einen Einblick in das kulturelle, religiöse und familiäre Erbe. Widad Kawar bewahrt es vor dem Vergessen. Marta Vidal berichtet aus Amman.

"Stickereien begleiteten oft wichtige Stationen im Leben einer Frau“, sagt Widad Kawar, die die wohl weltweit größte private Sammlung traditioneller levantinischer Kleidung zusammengetragen hat. "Manche Kleider fertigten die Mädchen für ihre Aussteuer an. Die Frauen der Familie – Mütter, Tanten, Großmütter – halfen oft beim Sticken. Mütter gaben das Wissen an ihre Töchter weiter und hielten so die Generationen zusammen“, sagt sie. 

Kawar sammelt seit über 60 Jahren Stickereien von Frauen. So wurde sie zu einer Pionierin, die den Wert der palästinensischen, jordanischen und syrischen Trachten bekannt gemacht hat. 2015 eröffnete sie neben ihrem Haus in Amman ihr eigenes Museum und nannte es Tiraz, ein altes arabisches Wort für Stickerei. Dort zeigt sie einige der 2.000 Stücke aus ihrer Sammlung von Kleidern, Textilien und Schmuck aus der Region. Das älteste Stück ist ein Kleid aus den 1880er Jahren. 

"Jedes Exponat meiner Sammlung erzählt eine Geschichte“, sagt Kawar. "Jede Region hat ihr eigenes Stickmuster. Und jedes Muster hat seine Geschichte.“

Ausgestellte Kleider aus der Levante und ein altes Foto einer Frau in traditioneller Kleidung in Widad Kawars Tiraz Museum (Foto: Marta Vidal)
Hommage an Kreativität und Talent: Widad Kawar hat nicht nur traditionelle Kleider erstanden, sondern auch ihre Geschichte ergründet. "Ich habe mit den Frauen gesprochen, die sie vorher besaßen, um ihre Geschichten zu hören“, sagt Kawar. "Im Laufe dieser Gespräche erkannte ich immer mehr die Bedeutung dieser Muster und die Notwendigkeit, sie zu erhalten.“ Die Kleider zu sammeln und sich die Geschichten der Frauen aus den vergangenen Jahrzehnten anzuhören, war für Kawar eine bittersüße Erfahrung. Denn viele Frauen gaben ihre Kleider nicht freiwillig ab, sondern wurden durch Schicksalsschläge, Verarmung und Vertreibung dazu genötigt. Doch obwohl sich viele Geschichten um Traumata, Verlust, Krieg und Verwüstung drehen, erzählen die Kleider auch von Liebe, Humor und persönlichen Erfolgen. 

Auf der Suche nach den Geschichten hinter den Kleidern 

Kawar ist Palästinenserin und wuchs im Westjordanland auf. Von klein auf sah sie, wie Frauen um sie herum die kunstvollen Muster der traditionellen Kleider stickten, die sogenannten Thob

Ursprünglich wurden die bestickten Kleider nur auf dem Land hergestellt und getragen. Später verbreitete sich der Brauch, wobei jede Region ihren eigenen Stil entwickelte. Die Muster und Farben sind auch Ausdruck der wirtschaftlichen Stellung und des Familienstands der Frauen. 

Kawar bewunderte die Frauen in ihren bestickten Kleidern auf den Wochenendmärkten in Bethlehem, wo sie aufwuchs, und in Ramallah, wo sie zur Schule ging.  Nach dem Krieg von 1948, der zur Gründung des Staates Israel und in der Folge zur Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern führte, verschwanden die Trachten allmählich. 

Wegen der Zerstörung der Dörfer und durch den Zusammenbruch des ländlichen Lebens mangelte es den Frauen an den nötigen Mitteln, um die reich bestickten Kleider anzufertigen. "Das schöne Bild der Frauen mit ihren wertvollen Stickereien auf den Wochenmärkten war plötzlich Vergangenheit“, sagt sie. Verarmt und mittellos wurden viele Palästinenserinnen zu Geflüchteten und waren gezwungen, ihre Kleider zu verkaufen. 

"Einige dieser Kleider habe ich gekauft. Aber ich habe auch mit den Frauen gesprochen, die sie besaßen, um ihre Geschichten zu hören“, sagt Kawar. "Im Laufe dieser Gespräche erkannte ich immer mehr die Bedeutung dieser Stickerei-Muster und die Notwendigkeit, sie zu erhalten.“ 

Die Kleider zu sammeln und sich die Geschichten der Frauen aus den vergangenen Jahrzehnten anzuhören, war für Kawar eine bittersüße Erfahrung. Denn viele Frauen gaben ihre Kleider nicht freiwillig ab, sondern wurden durch Schicksalsschläge, Verarmung und Vertreibung dazu gezwungen. Doch obwohl sich viele Geschichten um Traumata, Verlust, Krieg und Verwüstung drehen, erzählen die Kleider auch von Liebe, Humor und persönlichen Erfolgen.

Luxuriös mit vergoldeten Fäden bestickte Kleider aus dem frühen 20. Jahrhundert; das Kleid rechts ist ein Hochzeitskleid aus Palästina von 1910, die anderen stammen aus den 1920ern (Foto: Marta Vidal)
Im Zuge der fortschreitenden Modernisierung und der Anpassung an westliche Mode hat Kawar beobachtet, wie die Traditionen und das Wissen der Region in Vergessenheit geraten. So wie die Erinnerungen an die einst farbenfrohen Kleider allmählich verblassen. Im Zuge der Globalisierung der Textilindustrie wurden Handwerkstechniken durch Maschinen ersetzt. Die lokale Produktion konnte gegen die billigeren Industrieimporte nicht bestehen. "Syrien war früher ein sehr wichtiges Textilzentrum. Das Land war der Hauptlieferant für Seide und Stoffe in der Region“, sagt Kawar. 

Mit ihrer Sammlung möchte sie das Werk, die Kreativität und das Talent jener Frauen würdigen, die in der Vergangenheit wenig Beachtung gefunden haben. Die Ausstellungen ihres Museums erzählen die Geschichten von Kleidern und Mustern aus der Region. Gleichzeitig sind sie eine Hommage an die Frauen, die sie angefertigt haben. 

Das lokale Erbe bewahren 

Nachdem Kawar mit ihrem Mann nach Amman gezogen war, lernte sie dort das jordanische und später auch das syrische Erbe und die jeweiligen Traditionen kennen. Sie sammelte nunmehr nicht nur palästinensische Stickereien aus den verschiedenen Regionen ihres Heimatlandes, sondern auch jordanische und syrische Kleider. 

"Die Sammlung gibt einen vollständigen Überblick über die Textilien der Region, so umfassend ist sie“, sagt Salua Qidan, eine Designerin, die eng mit Kawar zusammenarbeitet und das textile Erbe erforscht. Die Kleider zeigen, wie die Menschen gelebt haben, man kann es an den Mustern sehen. Auch ihre Glaubensvorstellungen spiegeln sich in den Kleidern.“ 

Im Zuge der fortschreitenden Modernisierung und der Anpassung an westliche Mode beobachtete Kawar, wie die Traditionen und das Wissen der Region zunehmend in Vergessenheit geraten. So wie die Erinnerungen an die einst farbenfrohen Kleider allmählich verblassen.

Mit der Globalisierung der Textilindustrie wurden Handwerkstechniken immer mehr durch Maschinen ersetzt. Die lokale Produktion konnte nicht mehr gegen die billigeren Industrieimporte bestehen. "Syrien war früher ein sehr wichtiges Textilzentrum. Das Land war Hauptlieferant für Seide und Stoffe in der Region“, sagt Kawar. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 wurde das Westjordanland aber von der arabischen Welt abgeschnitten. Es gab dort keine Textilien aus Syrien mehr zu kaufen. 

Seit 2011 wurde Syrien verwüstet, Städte zerstört und Millionen Menschen vertrieben. In mehr als zehn Jahren Krieg haben bislang Hunderttausende von Menschen ihr Leben verloren. Auch das lokale kulturelle Erbe ging größtenteils verloren. Um das syrische Textilhandwerk zu würdigen, hat das Tiraz-Museum 2021 die Ausstellung "Syrian Glory“ präsentiert, in der die prächtigen Brokate und kunstvollen Stickereien des Landes gezeigt werden. 

 

Das Museum arbeitet mit verschiedenen Organisationen und Experten zusammen, um das lokale Erbe und das Kunsthandwerk wiederzubeleben. Regelmäßig werden Workshops, Vorträge und Events veranstaltet. Eine neue Initiative in Zusammenarbeit mit der Designerin Salua Qidan stellt Stickereien mit palästinensischen, jordanischen und syrischen Mustern her. So wird die Kunst jedem zugänglich, der sie erlernen möchte. Das Wissen um die traditionelle Stickerei bleibt somit erhalten.  

Palästinensische Stickerei als UNESCO-Welterbe 

Im vergangenen Dezember nahm die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, das Kunsthandwerk der traditionellen palästinensischen Stickerei in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. 

"Ich habe mich sehr über die Anerkennung durch die UNESCO gefreut. Sie hilft uns, unser Erbe zu schützen", sagt Kawar, die im Thob ein Symbol für eine pulsierende Gesellschaft sieht, die fest entschlossen ist, ihre nationale Identität zu bewahren. 

In ihrer Sammlung finden sich auch mit palästinensischen Flaggen und nationalen Symbolen bestickte Kleider. Während des ersten Aufstands gegen die israelische Besatzung in den späten 1980er Jahren waren palästinensische Flaggen in der Öffentlichkeit verboten. Daher stickten die Frauen die nationalen Symbole auf ihre Kleider. 

"Die Soldaten konnten wohl die Flaggen entfernen, sie konnten den Frauen aber nicht die Kleider wegnehmen“, erklärt Kawar. Dass die palästinensische Stickerei in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, bedeutet für sie eine Anerkennung der palästinensischen Frauen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Sie halten beharrlich ihre Identität in Stickereien fest und bewahren damit ihr Erbe für zukünftige Generationen. 

Marta Vidal 

© Qantara.de 2022  

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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