Tahar Ben Jelloun zum Priestermord in der Normandie

"Eine Kriegserklärung an die Christenheit"

Am Vormittag des 26. Juli 2016 wurde in Saint-Etienne-du-Rouvray, einem kleinen Ort in der Nähe von Rouen, der 86-jähriger Priester Jacques Hamel während des Gottesdienstes brutal von zwei IS-Terroristen ermordet. Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, einer der profiliertesten Autoren und Intellektuellen der arabischen Welt, hat am selben Tag spontan reagiert.

Ich bin wütend. Ich denke, wir alle sind wütend zu sehen, dass ein paar Individuen im Begriff sind, in Frankreich und in Europa einen neuen Religionskrieg zu entfachen. Man weiß, wie lange derlei dauert und wie es auszugehen pflegt: übel, sehr übel.

In eine Kirche einzudringen, in ein Gotteshaus, einen Ort des Friedens und der Brüderlichkeit, um dort ein derart furchtbares Verbrechen zu begehen, einem Priester, einem alten Mann, die Kehle durchzuschneiden, und eine zweite Person halbtot zurückzulassen, heißt nichts anderes, als dem Krieg sämtliche Schleusen zu öffnen. Das ist nichts weniger als eine Kriegserklärung an die Christenheit – in einem Moment, in dem der Papst in Krakau die Jugend im Geist des Friedens und einer grundlegenden Spiritualität zusammenruft.

Diese Individuen haben ihr Leben an den "Islamischen Staat" (IS) verschenkt, indem sie das Grausamste aller Verbrechen begingen. Der IS ist zu einer Zerstörungs- und Tötungsmaschinerie geworden, der die Gegenwart und die Zukunft mit Beschlag belegt. Es wurde so gut wie alles über diese Fabrik des Hasses und des Verbrechens gesagt. Dennoch bleiben Dunkelzonen, die hoffentlich bald ausgeleuchtet sein werden. Dann wird man wissen, wer alles dahintersteckt und wer eine derart mörderische Armee finanziert: welche Staaten, welche Interessen, welche Machenschaften ...

Auf Wut folgt Angst

Tatort des Grauens: die katholische Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray; Foto: picture-alliance/dpa
Dem Krieg sämtliche Schleusen öffnen: Vergangenen Dienstag hatten zwei Männer die katholische Kirche im nordfranzösischen Saint-Etienne-du-Rouvray gestürmt und fünf Menschen, die dort eine Messe feierten, als Geiseln genommen. Sie schnitten dem 86-jährigen Jacques Hamel die Kehle durch. Eine weitere Geisel wurde lebensgefährlich verletzt. Als die Angreifer die Kirche verließen, wurden sie von der Polizei erschossen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte die Tat für sich.

Im Moment aber folgt auf die Wut die Angst. Wir alle haben Angst. Ich denke an die sechs Millionen Muslime, die friedlich in Frankreich leben und früher oder später für diese düsteren Vergehen zur Kasse gebeten werden. Wenn morgen jemand eine Moschee attackiert, wenn morgen ein Verein zur Verteidigung des Abendlandes die Opfer zu rächen beschließt und blind zuschlägt, wird man sagen können, dass es dem „Islamischen Staat“ gelungen ist, einen Religionskrieg zu entfachen.

Es ist Zeit zu reagieren, aber nicht lauwarm, nicht in Form einer empörten Protestnote. Es ist Zeit, dass sämtliche Muslime Frankreichs auf die Straße gehen, ob praktizierend oder nicht, und egal, welcher politischen Ausrichtung sie sind, aber sie müssen in Massen auf die Straße gehen und gegen diesen Krieg aufstehen, mit dem der "Islamische Staat" alles überziehen will. In einem großen, eindrucksvollen Schweigemarsch, dem sich jeder anschließen kann – um sich gegen diesen Horror zu erheben, ihm entgegenzutreten, ihn öffentlich anzuprangern. Auch ist es höchste Zeit, dass alle die Augen aufhalten und wirklich jeden Verdächtigen melden. Manche von ihnen sind ja bekannt, andere verstecken sich.

Es geht um unser aller Freiheit, es geht um unser Leben, um das Leben unserer Kinder. Machen wir Schluss mit der Nachsicht, denn wir haben es mit zu allem entschlossenen Leuten zu tun, die vor nichts zurückschrecken und denen ihr Leben nichts wert ist, weil sie beschlossen haben, es der Todesmaschine zu offerieren, die einen Krieg mit langem Atem verfolgt, der morgen noch längst nicht zu Ende ist.

Denn das Übel sitzt tief, und es sind viel zu viele, die das makabre Räderwerk schmieren, sei es durch Geld, sei es durch das Opfer ihres eigenen Lebens. Es wäre angebracht, dass unsere zahlreichen Geheimdienste alles, was sie über diese Leute wissen, publik machen.

Denn diesen Kampf kann man nicht alleine führen. Sämtliche Staaten, die es betrifft, sollten ihre Anstrengungen bündeln, um diesem Krieg ein Ende zu setzen.

Es ist Sache der Muslime, dem Islam und dem Koran den nötigen Respekt zu verschaffen, sonst werden sie womöglich selbst zu Komplizen dieser Mörder. Es ist nicht genug, nur zu sagen: "Der Islam ist aber doch ganz anders". Man muss es auch zeigen: durch Aktionen und globale Mobilisierung.

Tahar Ben Jelloun

© Qantara.de 2016

Übersetzung aus dem Französischen: Regina Keil-Sagawe

Die Originalfassung des Beitrags finden Sie in dem in dem Blog des marokkanischen Newsletters le360.ma.

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Leserkommentare zum Artikel: "Eine Kriegserklärung an die Christenheit"

Dank an den Autoren für die klaren Worte! Genauso!!! Das ansonsten übliche Geblubber hierzulande kann man nicht mehr ertragen. Wenn im Namen meiner Religion oder Nichtreligion derartige Dinge passieren würden, bräuchte mich niemand aufzufordern, dagegen auf die Straße zu gehen und Flagge zu zeigen. Ich bin schon für weit weniger auf die Straße gegangen in meinem Leben. Wo ist der muslimische Konsens in dieser Angelegenheit???

Ingrid Wecker29.07.2016 | 22:34 Uhr

Verehrte Frau Wecker,
Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie nur eine Bestätigung für Ihre fertige Meinung suchen. Solche Ansätze gibt es wirklich sehr oft. Auch hier auf qantarsseite sind unglaublich viele Beiträge über Reformen und Distanzierungen von Sektenislam der Dschihadisten veröffentlicht worden.

Karoline03.08.2016 | 08:54 Uhr