Tagung des Frauennetzwerkes WOMNET
Teilerfolge für Marokkos Frauenrechtsbewegung

Auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in der EU und in den Mittelmeer-Anrainer-Staaten wurden noch längst nicht alle Ziele erreicht. So das Fazit einer Konferenz über Frauenrechte. Doch gibt es auch positive Beispiele, wie das neue Familienrecht in Marokko. Von Monika Hoegen

Auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in den EU-Ländern und in den zum Teil muslimisch geprägten Mittelmeer-Anrainer-Staaten wurden noch längst nicht alle Ziele erreicht. So das Fazit einer Konferenz von Frauenrechtsgruppen. Doch gibt es auch positive Beispiele zu vermelden. Eines davon ist das neue Familienrecht in Marokko, wie Monika Hoegen berichtet.

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Seit 2004 existiert in Marokko das neue Personenstandsgesetz, das in der Praxis allerdings noch auf zahlreiche Hindernisse stößt.

​​In Marokko gibt es seit 2004 ein neues Familiengesetz. Das war fast eine kleine Revolution in dem Königreich, in dem bisher alle Regelungen die Familie, die Ehe, Erbschaft, Heirat, Scheidung oder Kinder betreffend als etwas von Gott Gegebenes galten. Etwas, das – wenn überhaupt – nur der König ändern könne.

Und es kostete vor allem die Frauen einen langen und zähen Kampf, dieses Bewusstsein zu ändern, sagt Rabea Naciri von der Vereinigung Demokratischer Frauen von Marokko, die am Zustandekommen des neuen Gesetzes entscheidenden Anteil hatte:

"Viele Marokkaner, die Politiker, die Konservativen, taten so, als ob das Familiengesetz, das Personenstandsgesetz etwas Heiliges sei. Es hat 20 Jahre gedauert, bis sich da etwas änderte, 20 Jahre für die Frauenbewegung."

Erste Erfolge für Frauen

Doch schließlich hatten die Frauen Erfolg. So gilt seit 2004 auch die sogenannte Eheaufsicht nicht mehr. Sie sah bis dahin vor, dass eine Frau nicht selber die Heiratsurkunde unterschreiben konnte, sondern den Ehevertrag nur eingehen durfte, wenn sie durch einen "Tutor", etwa den Vater, vertreten wurde. Heute braucht sie diese Vertretung nicht mehr.

Trotzdem waren viele Frauen zunächst ängstlich und zögerten, dass neue Recht in Anspruch zu nehmen, erinnert sich Aktivistin Naciri.

Mohammed VI.; Foto: AP
2004 gab König Mohammed VI. mit seiner Rede vor dem marokkanischen Parlament den Startschuss zur Einführung des neuen Familien- und Frauenrechts, der Moudawwana.

​​"Noch in den Jahren 2004 und 2005 hat sich kaum eine Frau getraut, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Die Frauen waren noch nicht damit einverstanden, sich zu verheiraten, ohne von ihrem Vater vertreten zu werden", so Naciri.

Doch die Statistik des Justizministeriums für 2007 zeige, dass jetzt viele Frauen heiraten, ohne sich von ihren Vätern vertreten zu lassen, meint die Frauenaktivistin:

"Ein Gesetz kann die Praxis verändern. Wenn man uns sagt: Nein, ein Gesetz ist nicht wichtig, auf die Praxis und die Mentalität kommt es an, dann stimmt das nicht. So einfach sind die Dinge nicht. Das Gesetz kann die Praxis verändern, und das haben wir ganz konkret in Marokko gesehen."

Bewusstseinswandel in der marokkanischen Gesellschaft

Frauen in Marokko, so Naciri weiter, fühlten sich heutzutage mehr denn je als Bürgerinnen und nähmen auch immer mehr politische Rechte wahr. Damit habe das neue Familiengesetz entscheidend zu einem Bewusstseinswandel in der marokkanischen Gesellschaft beigetragen – und zwar nicht nur bei den Männern, sondern vor allem bei den Frauen selbst, so Naciri.

"Heute haben wir in Marokko eine weibliche Meinung, die für die Gleichheit ist. So etwas gab es vor zehn Jahren nicht. Damals hatten die Frauen die gleiche Position wie die Männer bezüglich der Fragen, die sie betrafen. Sie haben genauso wie die Männer geredet, wenn es um diese Fragen, wenn es um ihre eigenen Rechte ging. Dann hatten sie die gleiche Position wie die Männer."

Doch heute sei das nicht mehr der Fall. Die Frauen hätten eine andere Meinung als die Männer, wenn es um spezielle Rechte geht – vor allem das Familienrecht, die Frage der Gewalt und so weiter, berichtet Naciri.

Das Familiengesetz ist nicht Gott gewolltes

Auch sonst eher zurückhaltende, bescheidenere oder ungebildetere Frauen äußern sich inzwischen öffentlich. Zudem wurden neue Frauenvereinigungen gegründet, zum Beispiel eine Organisation, die für Frauen das Recht auf Landbesitz fordert.

Sogar der Justizminister kooperiere mit den Nichtregierungsorganisationen, sagt Naciri. Trotzdem gibt es auf dem Weg zu mehr rechtlicher und politischer Gleichheit für die Frauen in Marokko noch Hindernisse:

"In der Praxis sind viele Sachen immer noch schwierig – und zwar in vielen Bereichen. Zum Beispiel wenn es um die Heirat mit Minderjährigen geht. Da stimmen viele Richter zu. Oder die Zustimmung zur Polygamie."

Eine weitere Schwierigkeit sei auch das eheliche Wohnrecht, denn ein neues Gesetz besage, dass eine Mutter im Falle der Scheidung mit ihren Kindern in der ehelichen Wohnung bleiben könne beziehungsweise Anrecht auf eine Wohnung habe, so Naciri. Doch bisher habe es die Justiz noch nicht geschafft, dieses Recht umzusetzen.

Immerhin: Selbst wenn in Marokko manche Männer noch immer gegen die Chancengleichheit sind – es so einfach offen sagen wie früher und sich dabei auf ein angeblich Gott gewolltes Familienrecht beziehen, das können sie nun nicht mehr.

Auch sonst wird in dem Land offener über frühere Tabuthemen gesprochen. Dazu gehört das Thema Abtreibung, zu dem es kürzlich in Marokko sogar eine Ärztekonferenz gab. Auch das war eine kleine Sensation, wie Aktivistin Naciri sagt, und ein weiterer Meilenstein im Kampf der marokkanischen Frauenbewegung.

Monika Hoegen

© DEUTSCHE WELLE 2008

Qantara.de

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