Türkische Außenpolitik

Erdoğans geopolitischer Albtraum

Die Entwicklung der Türkei zur Regionalmacht hat Misstrauen geweckt und das Kräfteverhältnis nicht nur im Nahen Osten erschüttert. Folgerichtig haben sich die Beziehungen zu vielen regionalen Akteuren in den letzten zehn Jahren verschlechtert. Von Stasa Salacanin

Nach dem Scheitern der EU-Beitrittsgespräche und der Erkenntnis, dass die Türkei bestenfalls den unklaren Status eines Satellitenstaates erwarten konnte, hatte sich der türkische Präsident dem Osten zugewandt. Seither sind die wichtigsten außenpolitischen Ziele Recep Tayyip Erdoğans der Aufbau freundschaftlicher Beziehungen zu allen muslimischen Nationen – insbesondere zu denen im Nahen Osten – und die Bündnispflege mit den sunnitischen Arabern.

Und tatsächlich verbesserten sich die Beziehungen Anfang der 2000er Jahre unter der Regierung der "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" – allgemein bekannt als AKP. Professor Selçuk Çolakoğlu, Direktor des in Ankara ansässigen Türkischen Zentrums für Asien-Pazifik-Studien, sieht die Außenpolitik der AKP durchaus vereinbar mit der traditionellen, pro-westlich ausgerichteten Außenpolitik der Türkei, die von Mustafa Kemal Atatürk begründet wurde.

2010 unterhielt die AKP-Regierung mittlerweile gute Beziehungen zu fast allen großen muslimisch dominierten Ländern im Nahen Osten, darunter Saudi-Arabien, Ägypten, Iran, Syrien und Libyen. Die AKP nahm sogar konstruktive Korrekturen an der kemalistischen außenpolitischen Tradition vor, indem sie versuchte, die Beziehungen zu allen ihren Nachbarn, einschließlich Griechenland, Armenien und Syrien, zu verbessern. Ankara umwarb auch Weltmächte wie Russland und China und hoffte, dass Soft-Power-Taktiken den Status der Türkei als Handelspartner stärken würden.

Kälteeinbruch nach dem Arabischen Frühling

Weibliche Inhaftierte der Muslimbruderschaft vor einem Gericht in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria am 27. November 2013; Foto: Getty Images/AFP
Schreckgespenst Muslimbruderschaft: "Die engen Beziehungen der islamistischen Regierung der Türkei zu den Muslimbruderschaften in Ägypten, Tunesien, Jemen und Syrien führten zu einem Zerwürfnis zwischen Ankara und anderen arabischen Ländern, mit Ausnahme von Qatar", schreibt Stasa Salacanin..

Aber die türkisch-arabische Romanze endete mit den arabischen Aufständen im Zuge des Arabischen Frühlings, der zum Sturz der Regierungen in Tunesien, Ägypten und Libyen führte. Als entschlossene Befürworterin des politischen Islam begrüßte die türkische Führung die Revolutionen, während die meisten Golfstaaten mit Ausnahme von Qatar die Aufstände als stark destabilisierenden Faktor betrachteten.

Die engen Beziehungen der islamistischen Regierung der Türkei zu den Muslimbruderschaften in Ägypten, Tunesien, Jemen und Syrien führten zu einem Zerwürfnis zwischen Ankara und anderen arabischen Ländern, mit Ausnahme von Qatar. Nach Ansicht von Professor Çolakoğlu war die ideologische Nähe keine Überraschung: Fast alle Muslimbruderschaften oder andere islamistisch orientierte politische Bewegungen in der arabischen Welt ahmten die AKP der Türkei in dem Bemühen nach, mit demokratischen und friedlichen Mitteln die Macht in ihren Ländern zu erlangen.

Das Zerwürfnis zwischen der Türkei und den arabischen Staaten und insbesondere Saudi-Arabien vertiefte sich zunehmend, nicht zuletzt auch durch den Militärputsch in Ägypten und die Qatar-Krise. Im Oktober 2018 spitzte sich die Lage nach der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul schließlich zu.

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