Brutale Gewalt ist auch exotisch

Für Al-Haj Saleh sollten Schriftsteller*innen vor allem zeigen, dass sie gute Literatur schreiben können, "auch wenn sie aus einem armen, exotischen Land wie Syrien kommen.“ Für westliche Leser*innen sei an der brutalen Gewalt in Syrien immer auch etwas Exotisches. Für sie ist Syrien eben ein Land, in dem Muslim*innen und Islamist*innen vollkommen außer Kontrolle geraten sind. Der Buchmarkt, der diese "orientalistischen“ Wünsche der westlichen Leser*innen befriedigen will, sei in erster Linie verantwortlich für eine Flut von teilweise literarisch unbefriedigenden Werken.

Auch andere Schriftsteller*innen setzen sich mit der Frage auseinander, wie sie sich aus der  Verortung des "Syrers als Opfer“ lösen können.

"In der arabischen Lyrik wurde am meisten über Themen wie die Liebe und den Alkohol geschrieben. Vor der Revolution gab es diesen Hang nicht, sich als Opfer darzustellen,“ sagt der Autor und Journalist Yamen Hussein (geb. 1984), der seit vier Jahren in Deutschland lebt. "Es gibt viele Dichter*innen, die ihren eigenen Opferstatus in den Vordergrund stellen und betonen: 'Ich bin arm, ich bin ein Flüchtling'. Das ist nicht gut, weil sie in dieser Opferrolle stecken bleiben werden."

Der aus Damaskus stammende Konzeptkünstler und Kulturaktivist Khaled Barakeh beobachtet dieses Phänomen ebenfalls: Egal ob syrische Autor*innen über die Liebe oder über "etwas ganz Alltägliches" schreiben würden –  das Erzählte stets mit der Flüchtlingskrise verbunden und durch eine "orientalistische Brille" gelesen. Für Barakeh wirkten sich diese Erzählungen nicht nur auf das aus, was Autor*innen künstlerisch leisten könnten, sondern auch auf ihre gelebte Erfahrung. Geschichten über Flucht würden zu einem regelrechten Fetisch – auf dem Papier, aber auch im realen Leben.

 

Zur Verdeutlichung erzählt Barakeh, wie er einmal mit einigen Freund*innen seines Mitbewohners Abendessen ging und was sich abspielte, als er erwähnte, dass er aus Syrien stammt:

"Sie machten mitleidige Gesichter und fragten dann: 'Was ist deine Geschichte?', denn natürlich erwarteten sie, dass jede*r die gleiche Geschichte hat, weil die Medien immer die dramatischsten und traurigsten Geschichten bringen,“ sagt Barakeh. Das deutsche Publikum würde erwarteten, dass jede*r über das Mittelmeer geflüchtet ist. "Also habe ich alle traurigen Geschichten, die ich je gehört hatte zu einer gruseligen Story zusammengebastelt. Meine Erzählung war lückenhaft, aber tatsächlich fing das Publikum an zu weinen. Das war wirklich lustig... und dann gestand ich ihnen, dass das gar nicht stimmt.“ Es tue ihm leid, sagte er den Zuhörer*innen, aber er sei einfach mit dem Flugzeug gekommen. "Vollkommen langweilig. Ich habe einfach Online ein Ticket gekauft, bin ins Flugzeug gestiegen und dann ist es in Berlin gelandet."

Manche Literatur zementiert die "koloniale Attitüde“

Obwohl diese Anekdote humorvoll daherkommt, veranschaulicht sie doch das, was Barakeh als "koloniale Attitüde" bezeichnet, die man im Westen gegenüber Syrien und der arabischen Welt im Allgemeinen einnimmt. Danach nimmt man das Arabische vor allem als von Gewalt, Rückständigkeit und Leid bestimmt wahr. Solche Vorstellungen, meint Barakeh, würden durch die Literatur, die auf den Markt kommt, weiter zementiert. Auch Übersetzungen würden die Narrative in diesem Sinne verändern.

Ramy Al-Asheq nennt zudem die Verallgemeinerungen, die sein tägliches Leben als Person des öffentlichen Lebens schwer machen: "Wenn ein Terroranschlag geschieht, muss ich Stellung beziehen. Ich muss mich entschuldigen – aber warum sollte ich mich entschuldigen,  das ist doch nicht meine Schuld. Aber ja, man wirft dir immer wieder diesen Blick zu: 'Die Araber, das sind doch deine Leute'."

Caroline Assad, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation „Wir machen das“ in  Berlin, die Exil-Literatur von Migrant*innen herausgibt, sagt, sie sei zwar selbst keine Autorin, aber "als Nicht-Deutsche fühle ich mich in eine bestimmte Ecke gedrängt und muss mich auf jeden Fall mit Migrationsdebatten auseinandersetzen.“

Ihre Organisation versuche mit dem Projekt Weiter Schreiben, "das Bewusstsein der europäischen Leser*innen zu verändern". Sie möchte, dass das deutsche Publikum zu Lesungen kommt und "eine Geschichte über Migrant*innen erwartet, die über das Mittelmeer hierherkamen, aber dann eine*n Autor*in entdeckt, der oder die eigentlich ein*e Künstler*in ist und völlig anders, als sie sich das vorgestellt haben."

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