Syrische Flüchtlinge im Libanon

Das Haus der 18 Frauen

Häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch und Kinderheirat – wenn geflüchtete Syrerinnen im Libanon nicht mehr weiterwissen, finden sie Schutz im Frauenhaus "Al Dar". Ein Besuch in der Bekaa-Ebene. Von Iris Mostegel

Keiner der Nachbarn weiß, was es mit diesem hellen Haus in einer Seitenstraße von Zahlé in der Bekaa-Ebene eigentlich auf sich hat. Kein Namensschild, keine Plakette. Kaum jemand, der kommt oder geht. Nur innerhalb des Gebäudes ist Leben: Stimmen von 18 Mädchen und Frauen, in der Küche klappert Geschirr, gerade gehen sie zu Tisch.

"Bis auf einen begleiteten Ausflug pro Monat dürfen die Frauen das Haus nicht verlassen – das wäre ein zu hohes Risiko, denn manche Familien spüren ihren Standort auf. Dann stehen sie vor dem Frauenhaus und hämmern gegen das Tor", erzählt Jihane Isseid, verantwortliche Programm-Managerin der libanesischen Frauenrechtsorganisation "Abaad". Seit 2013 betreibt die Organisation mit Unterstützung von UNHCR, UNICEF und der österreichischen Caritas über den Libanon verteilt drei Schutzhäuser, in denen von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen Zuflucht finden.

Sie nennen es "Al Dar", das Haus, und wie derzeit fast alles im Libanon spiegelt auch „Al Dar“ die Auswirkungen des Bürgerkriegs im Nachbarland wider, denn der Anteil syrischer Frauen ist mit rund einem Drittel überaus hoch.

Sexueller Missbrauch syrischer Flüchtlinge

Poster im Frauenhaus "Abaad"; Quelle:  "Abaad"
Kinderehen – aus Armut verheiraten immer mehr Flüchtlingsfamilien ihre minderjährigen Töchter.

Zwei von ihnen sind die zehnjährige A.* und die 14-jährige H.*, ein Schwesternpaar aus Idlib. Helle Gesichter, dunkle Zöpfe, braune Augen. Von der Mutter durch die Kriegswirren getrennt, wurden sie von ihrem Stiefvater misshandelt und sexuell belästigt. Vor acht Monaten griffen sie zum Telefonhörer und alarmierten das Frauenhaus, erzählen die "Al Dar"-Betreuerinnen.

"Nur wenige melden sich von selbst. Mehrheitlich sind es Hilfsorganisationen oder staatliche Stellen, die die Frauen zu uns überweisen", sagt Isseid. "Zunächst berichten sie dabei meist von körperlicher Misshandlung. Im Laufe der Therapiesitzungen stellt sich aber regelmäßig heraus, dass auch sexueller Missbrauch im Spiel ist."

Gewalt und Missbrauch, davon seien geflüchtete syrische Frauen und Kinder im Libanon "unverhältnismäßig häufig betroffen", schreibt der UNHCR 2015 in einem Bericht. In einem von vier Fällen handle es sich um sexuelle Gewalt, gleichzeitig würden zunehmend Vorfälle häuslicher Gewalt gemeldet: Finanzielle Not, Angst vor Abschiebung und ein Leben in überfüllten Zeltlagern – laut Bericht trage der hohe Stress-Level innerhalb der Flüchtlingsfamilien zu diesem Anstieg mit bei.

"Survival Sex" und Kinderehen

Außerdem beobachteten Hilfsorganisationen im Libanon seit Ausbruch der humanitären Krise zwei weitere Entwicklungen: einerseits ein erhöhtes Risiko von sogenanntem "Survival Sex" – Sex im Gegenzug für überlebensnotwendige Unterstützung – und andererseits mehr Kinderehen. Während zur zahlenmäßigen Entwicklung von Kinderehen im Libanon nur zum Teil aussagekräftige Statistiken vorliegen, kam eine UNICEF-Studie bei syrischen Flüchtlingsmädchen in Jordanien zu dem Ergebnis, dass die Rate innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren um 20 Prozent gestiegen ist. Demnach hätten Anfang 2014 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren knapp ein Drittel aller registrierten syrischen Eheschließungen gestellt.

Auch die 14-jährige H. mit dem hellen Gesicht und dem dunklen Zopf sollte auf Wunsch ihres Vaters verheiratet werden – im Alter von zehn Jahren. Verhindern konnte das die Mutter nur, indem sie mit ihrer Tochter und den anderen Kindern von zuhause floh, erzählen die "Al Dar"-Betreuerinnen.

Plakat "Sei still!" im Frauenhaus "Abaad"; Quelle: "Abaad"
"Sei still!" Finanzielle Not, Angst vor Abschiebung und ständige Unsicherheit führen zu einem erhöhten Stress-Level in Flüchtlingsfamilien – mit ein Grund für die Zunahme häuslicher Gewalt.

"Schon vor dem Krieg gab es in Syrien Zwangsheiraten von Minderjährigen, doch die Zahl hat weiter zugenommen", weiß Isseid und verweist auf die ökonomische Not vieler geflüchteter Familien, denn: Ist die Tochter verheiratet, werde sie versorgt, während man selbst ein Kind weniger durchbringen müsse. "Der zweite auschlaggebende Faktor: Die Eltern glauben, dass ein Mädchen durch eine Heirat besser geschützt ist, auch vor sexuellen Übergriffen der Umgebung."

Exit-Strategie für die Zukunft

Doch dass die Gefahren von Frühehen ungleich größer sind als der vermeintliche Nutzen, werde auch den Mädchen und Frauen im "Al Dar" vermittelt. Für jeden Neuzugang erstellen zwei Sozialarbeiterinnen und eine Psychologin ein persönliches Betreuungspaket: Kriseninterventionsgespräche und Therapiesitzungen, Rechtsberatung, Life-Management-Training, Sensibilisierungsschulungen in Sachen häuslicher und sexueller Gewalt – und schließlich: das Erarbeiten einer Exit-Strategie für die Zukunft, denn für die Frauen ist "Al Dar" nur eine mehrmonatige Übergangsstation in der akuten, kritischen Phase. Während danach viele in eine dauerhafte Schutzeinrichtung überstellt werden, kommen manche bei wohlgesinnten Verwandten unter. Nur an den Ort des Missbrauchs und der Gewalt kehre kaum jemand zurück.

Für die 14-jährige H. und die 10-jährige A. ist die Zeit im Frauenhaus indes fast abgelaufen. Schon seit acht Monaten leben die Schwestern dort, nun soll es bald weitergehen. Doch wie und wohin, ist noch nicht klar. Ihr großer Wunsch ist es, ihrer in die Türkei geflohenen Mutter zu folgen und wieder mit ihr zusammenleben zu können.

Iris Mostegel

© Qantara.de 2016

* Auf Wunsch der Mitarbeiterinnen der libanesischen Frauenrechtsorganisation "Abaad" wurden die Namen der Frauen aus Schutzgründen nicht veröffentlicht.

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