Am 11. November 2019 erlitten die Weißhelme einen weiteren Verlust: James Le Mesurier stürzte unter ungeklärten Umständen vom Balkon seiner Wohnung in Istanbul. Nur wenige Tage zuvor hatte ihn das russische Außenministerium über seinen offiziellen Twitter-Account der Spionage bezichtigt. So ist auch dieser Vorfall ein weiterer Akt im Kampf um die Wahrheit in Syrien.

Niemals aufgeben

Der Brite James Le Mesurier gründete die Stiftung "Mayday Rescue" zur Ausbildung und Koordination syrischer Weißhelme für die Rettung von Bombenopfern. Als ehemaliger Angehöriger der britischen Armee verfügte er über wertvolle Kenntnisse für solche Rettungseinsätze.

James Le Mesurier, der aus Großbritannien stammende Gründer der syrischen Rettungsorganisation Weißhelme; Foto: picture-alliance/AP Photo
Tragischer Verlust für Syriens Weißhelme: Der frühere britische Armee-Offizier James Le Mesurier galt als treibende Kraft bei der Gründung der Organisation im Jahr 2013. Die Arbeit der rund 3.000 Freiwilligen wird mitunter durch Spenden aus dem Ausland möglich gemacht. Die Weißhelme wurden durch ihren Einsatz im syrischen Bürgerkrieg bekannt, vor allem im Osten der lange Zeit heftig umkämpften Stadt Aleppo. Sie waren nach Bombenangriffen oft unter den ersten Helfern vor Ort.

Muzna hat eine klare Botschaft, die über Idlib hinausgeht und für das ganze Land gilt: "Wir sind bereit, überall in Syrien zu arbeiten, auch in den vom Regime kontrollierten Gebieten. Zwar weigert sich das Regime aus politischen Gründen, doch sind wir immer bereit, den Syrern zu dienen, egal wo sie leben."

Dies ist eine bemerkenswerte Aussage, wenn man bedenkt, dass Assad die Weißhelme als Terroristen betrachtet, die gewaltsam ausgeschaltet werden sollen. Sie unterstreicht die Selbstverpflichtung der Weißhelme, der Zivilbevölkerung überall im Land zu helfen, zum Beispiel durch die Beseitigung der zahlreichen Bodenminen.

Die nackte Wahrheit in einem grausamen Krieg

Diese Arbeit wird immer dringlicher, da die russische Regierung Syrien zum Testgebiet für ihre neuesten militärischen Errungenschaften erklärt hat. So sagte der russische Verteidigungsminister, in Syrien seien über 200 Waffen getestet worden. Es werden Jahre vergehen, bis die Böden entmint und wieder sicher sind.

Vor diesem Hintergrund hinterlässt James Le Mesurier nicht nur bei den Menschen, die ihn kannten, sein Vermächtnis. Es lebt weiter in Menschen wie Muzna und den weiblichen Weißhelmen vor Ort in Syrien, die trotz aller Gefahren Leben retten und ihren Mitmenschen helfen.

Wenn in Syrien eine Bombe fällt, kommen weder Feuerwehr noch Krankenwagen. Die einzigen, die kommen und Zivilisten retten, sind freiwillige Männer und Frauen. Das ist die nackte Wahrheit in diesem grausamen Krieg.

"Unsere Einstellung und unsere Perspektive erklären sich aus unserer Arbeit – sie spricht für sich selbst", sagt Muzna. "Die Lage in Syrien ist verheerend. Wir haben nicht die Zeit, uns ständig zu erklären; wir arbeiten einfach weiter."

Anna Fleischer

© Qantara.de 2020

Anna Fleischer ist Programmkoordinatorin im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. Ihr besonderes Interesse gilt der Gender-Gerechtigkeit und den Basisbewegungen mit besonderem Fokus auf Syrien.

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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