Syriens erste Telefonseelsorge

Hoffnungsschimmer für misshandelte Frauen

Die erste Telefonseelsorge "Zentrum des Zuhörens" in Damaskus hilft misshandelten Frauen, von denen nur wenige ihre Rechte kennen. Die große Resonanz auf das Angebot macht deutlich, in welch tiefer Krise sich manche Lebensgemeinschaften in Syrien befinden. Auch die Angst vieler Frauen vor gesellschaftlicher Diskriminierung bleibt allgegenwärtig. Afra Mohamed berichtet.

Die erste Telefonseelsorge "Zentrum des Zuhörens" in Damaskus hilft misshandelten Frauen, von denen nur wenige ihre Rechte kennen. Die große Resonanz auf das Angebot macht deutlich, in welch tiefer Krise sich manche Lebensgemeinschaften in Syrien befinden. Auch die Angst vieler Frauen vor gesellschaftlicher Diskriminierung bleibt allgegenwärtig. Afra Mohamed berichtet aus Damaskus.

"Du bist nicht allein. Wir stehen dir bei, sind für dich da und sorgen für deine Sicherheit. Wir hören dir zu, glauben dir, verstehen dich.“ Mit diesen eindringlichen Worten beantwortet die Telefonseelsorge oder die "Confidence Line", wie sie im arabischen Original heißt, die Fragen und Schilderungen misshandelter Frauen, die auf der Suche nach Hilfe bei den Mitarbeiterinnen dieser einmaligen Einrichtung anrufen.

Das "Zentrum des Zuhörens", so der Name der Telefonseelsorge, wurde für Frauen gegründet, die Opfer von Gewalt in Syrien wurden, und zählt zu den ersten Initiativen dieser Art in Syrien und im arabischen Raum überhaupt. Die Hotline gehört zum Zentrum "Guter Hirte", das von Ordensschwestern betreut wird, im christlich geprägten Stadtteil Bab Tuma in Damaskus liegt.

Die Mitarbeiterinnen des "Guten Hirten", Ordensschwestern aber auch muslimische Aktivistinnen, bieten den Frauen Hilfe – und suchen nach Lösungen für die Opfer häuslicher Gewalt; häufig überweisen sie diese an Therapeuten oder Anwälte anderer kostenloser Initiativen.

Die erste Telefonseelsorge in Syrien

Zentrum zum Guten Hirten; Afra Mohamed
Für die Initiatorinnen des Zentrums "Zum Guten Hirten" war der erste Monat bereits ein voller Erfolg: Mit so viel Ressonanz hatten sie nicht gerechnet.

​​"Unser Ziel ist es, Frauen vor allen Formen der Gewalt zu schützen: körperliche, verbale und psychische", sagt Marie Claude, Leiterin des Zentrums. "Unsere Arbeit besteht auch darin, allen Frauen ohne Rücksicht auf ihre ethnischen, religiösen oder kulturellen Unterschiede beizustehen.“

Die Telefonseelsorge wurde am 25. Februar 2007, dem UNO-Welttag gegen Frauengewalt, eröffnet, nachdem die Nonnen Schweden, Marokko, Libanon und Jordanien besucht und über viele Jahre hinweg studiert hatten, wie man Opfern richtig zuhört, die richtigen Worte findet und Trost spendet.

Die Ressonanz auf das Angebot war von Anfang an überraschend groß. "Wir hatten dreißig Anrufe im ersten Monat. Die meisten betrafen das eheliche Zusammenleben", erzählt Marie Claude. "Frauen werden teilweise wie Gefangene gehalten und misshandelt; sie erleiden körperliche Gewalt und werden sexuell missbraucht. Sie bitten uns um Rat in psychologischen, rechtlichen und sozialen Fragen."

Staatliche Unterstützung bleibt aus

Altstadt Damaskus; Foto: Afra Mohamed
Die syrischen Behörden unterstützen soziale Projekte. Die Telefonseelsorge in der Altstadt Damaskus' gehört leider noch nicht dazu.

​​Die Anrufe werden von der Telefonseelsorge anhand der Art der Misshandlungen analysiert und direkt bestimmten Arbeitsgruppen zugewiesen. "Es gibt Fälle, in denen die Anruferinnen sich in akuter Gefahr fühlen. Im Notfall versuchen wir sofort einen Termin mit ihnen zu vereinbaren und einen sicheren Ort für sie zu finden", so Marie Claude. "Machmal bleiben sie ein bis zwei Tage, und wenn sie weiteren Schutz brauchen, überweisen wir sie in ein Frauenhaus."

Die syrischen Behörden tolerieren das Zentrum und erkennen darin einen gesellschaftlichen Fortschritt. Doch obwohl das Zentrum zahlreichen misshandelten Frauen wertvolle psychische und auch materielle Hilfe bietet, erhält es bislang keine offizielle Unterstützung seitens der syrischen Behörden. Die Initiative ist deshalb auf die Unterstützung von Freunden, Vereinen und Nicht-Regierungsorganisationen angewiesen.

Wenige Frauen kennen ihre Rechte

Frauen; Foto: Bilderbox
Die Hoffnung bleibt, dass die Hotline nicht nur Frauen helfen kann, die bereits in Not sind. Vielleicht kann sie auch für die Not der Frauen sensibilisieren.

​​Vielen arabischen Frauen ist die "Natur der Gewalt" erst wirklich bewusst geworden, nachdem sie um Hilfe gebeten und Unterstützung erfahren haben. Die meisten Anruferinnen wollen zunächst den Rat eines Sozialarbeiters oder Psychologen, bevor sie sich an einen Anwalt wenden. Viele Frauen kennen ihre Rechte erst, nachdem die Telefonseelsorge sie ihnen aufgezeigt hat. Die vielen Anrufe machen deutlich, in welch tiefer Krise sich manche Lebensgemeinschaften in Syrien befinden.

Die meisten Fälle betreffen taditionelle Hochzeiten, die Eltern für ihre Töchter arrangiert haben – oder Polygamie. Trotz des Angebots der Telefonseelsorge bleibt die Angst vieler Frauen, etwas Falsches zu tun. „Wenn Angst und Verdrängung uns beherrschen, gibt es keinen Fortschritt", warnt Marie Claude. "Wir warten auf euch, um euch zu helfen. Und diese Hilfe ist kostenlos."

Afra Mohamed

© Qantara.de 2008

Aus dem Arabischen vom Nadir Yousfi

Qantara.de

Frauen in Saudi-Arabien
"Wir werden endlich gefragt"
Saudische Frauen leiden unter Bevormundung. Eine widersprüchliche, frauenfeindliche Justiz sowie Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit erschweren ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt. Nur langsam bessert sich ihre Lage. Silke Rode berichtet.

Tagung des Frauennetzwerkes WOMNET
Teilerfolge für Marokkos Frauenrechtsbewegung
Auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in den EU-Ländern und in den zum Teil muslimisch geprägten Mittelmeer-Anrainer-Staaten wurden noch längst nicht alle Ziele erreicht. So das Fazit einer Konferenz von Frauenrechtsgruppen. Doch gibt es auch positive Beispiele zu vermelden. Eines davon ist das neue Familienrecht in Marokko, wie Monika Hoegen berichtet.

Elisabeth-Norgall-Preis für Aicha Chenna
"Muslimisch im Herzen und weltlich im Kopf"
Um ledigen Müttern und ihren Kindern zu helfen, gründete Aicha Chenna vor 20 Jahren die Selbsthilfeorganisation "Solidarité Féminine". In Frankfurt erhielt sie jetzt für ihr Engagement den Elisabeth-Norgall-Preis 2005. Martina Sabra hat Aicha Chenna in Casablanca besucht.

Verwandte Themen