Nur um es klarzustellen, was Regierungen und Regime unter Stabilität verstehen, unterscheidet sich fundamental von der Stabilität, nach der sich die Menschen in Syrien gesamtgesellschaftlich und in ihrem eigenen Leben sehnen. Bildung, Arbeit und Familie zum Beispiel, aber auch das Gefühl, jetzt und in den kommenden Generationen in Sicherheit und Würde leben zu können. Genau diese Stabilität fehlte und fehlt aber den meisten der Syrerinnen und Syrer in ihrem Leben unter der Herrschaft des Assad Regimes weiterhin.

Der Preis der "Stabilität"

Manche mögen die Unterscheidung zwischen diesen zwei Arten der Stabilität ablehnen oder sehen darin eine Übertreibung. Am besten man antwortet ihnen, indem man auf das katastrophale Ergebnis der jahrzehntelangen "Stabilität" unter dem Regime der Assads verweist: Das Leben in Syrien war von grundlegender Dysfunktionalität und Anspannung geprägt. Betroffen davon waren alle Bereiche des Lebens: Gesellschaft, Recht, Wirtschaft und sogar die Psyche.

Aufgrund des Terrors des syrischen Geheimdienstes und der mit ihm assoziierten Todesschwadronen gelang es jedoch, diesen Zustand unter der Decke zu halten.

Nachdem es der syrischen Revolution gelungen war, die vermeintliche "Stabilität" des Regimes kurzzeitig zu erschüttern und einige ihrer Grundpfeiler ins Wanken zu bringen, müssen wir jetzt miterleben, wie hoch der Preis dafür ist, diese sogenannte Stabilität wiederherzustellen.

Fassbombenabwurf in Ost-Ghouta bei Damaskus; Foto: picture-alliance/dpa
Mit Fassbomben gegen die eigene Bevölkerung: Angesichts dessen, dass das Regime Assads, das nie aufgehört hat offen und verdeckt gegen seine eigene Bevölkerung zu kämpfen, erübrigt sich jedes Gespräch über Frieden, solange der "Schlächter von Damaskus" und sein Regime Syrien kontrollieren, schreibt der syrische Sozialwissenschaftler Tarek Aziza.

Konterrevolutionen haben mittlerweile den Arabischen Frühling in vielen Ländern der Region zum Scheitern gebracht, das gilt ganz besonders für Syrien.

Der Krieg geht weiter

Es sind im Kern zielgerichtete und konzertierte Operationen, deren Köpfe auf Teufel komm' raus jene Stabilität verteidigen, die Machterhalt und fortgesetzte Kontrolle über die Ressourcen der betroffenen Länder bedeutet.

Und zu diesem Zweck hat man die Regime gestützt, deren Bevölkerung sie stürzen wollte und ihnen - wie im Falle Syriens - geholfen, die Herrschaft wieder an sich zu reißen, also ihre Art der "Stabilität" wiederherzustellen.

Das heißt aber keinesfalls, dass der Krieg vorbei ist. Allein die Tatsache, dass das Regime weiterbesteht, bedeutet, dass der Krieg noch nicht zu Ende ist, denn dieses Regime führt bereits seit seiner Entstehung nicht nur einen ununterbrochenen Krieg gegen seine Bevölkerung, sondern auch gegen selbst die einfachsten Rechte und menschlichen Werte – und jeden, der sich ihm nicht mit Haut und Haaren unterordnet.

Ein Waffenstillstand oder der Sieg einer Seite über die andere bedeuten noch nicht das Ende des Krieges. Frieden entsteht nicht, weil die Schlacht geschlagen ist, er wird erreicht, wenn die Gründe für den Krieg beseitigt wurden.

Und der Grund für diesen Krieg ist das Regime Assads, das schon seit langem einen offenen und verdeckten Feldzug gegen das eigene Volk führt. Angesichts dessen erübrigt sich jedes Gespräch über Frieden, solange der "Schlächter von Damaskus" und sein Regime Syrien kontrollieren.

Tarek Aziza

© Qantara.de 2019

Tarek Aziza ist ein syrischer Autor und Wissenschaftler. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die moderne Geschichte Syriens, der Säkularismus in der arabischen Welt und der politische Islam.

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Leserkommentare zum Artikel: Der Krieg in Syrien ist nicht vorbei

Ja natürlich ist der Kernsatz richtig: "Das Argument, Stabilität zu erreichen, aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen dient immer wieder als Vorwand, um Gewalt und Massaker zu rechtfertigen und nationale und internationale Interessen durchzusetzen." Auf der anderen Seite stellt sich uns, wenn wir auf die vergangenen acht Jahre zurückblicken, immer wieder die Frage: Was ist schlimmer? Ein blutrünstiger Diktator oder das Chaos eines jahrelangen Bürgerkriegs? Beispielhaft ist für mich Ägypten. Wäre es wirklich besser, wenn al-Sisi mit seinem Putsch keinen Erfolg gehabt hätte und Ägypten statt dessen in einen Bürgerkrieg nach dem Muster Syrien, Libyen oder Jemen abgeglitten wäre? Es ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Letztlich meine ich persönlich: Ein Diktator wie al-Sisi oder al-Asad vergeht nach noch nicht einmal allzu langer Zeit. Die Wunden, die der Krieg reisst, das Beispiel Bosnien haben wir vor der Tür, verheilen möglicherweise auch in Hundert Jahren nicht.

Achim Schlott30.06.2019 | 15:50 Uhr

Sehr geehrter Herr Schlott! Sie haben absolut Recht! Gut mal einen Kommentar zu lesen, der realitätsnah ist und dessen Schreiber diese Realitäten auch differenziert zu betrachten in der Lage ist. Besser als all die "In Bausch und Bogen-Verdammer", die keine Ahnung von eben diesen Realitäten haben.

Ingrid Wecker03.07.2019 | 14:33 Uhr