Vor allem viele junge Ägypter interessieren sich auf einmal für die Mystik. Leute wie Abdullah El Agamawy, ein 23 Jahre alter Kairoer, der seit einem Jahr Mitglied der Burhaniya-Sufis im Stadtteil Mohandessin ist. Er sei eher aus Neugierde hingegangen, nachdem eine Freundin ihn gefragt habe, berichtet El Agamawy; dann habe er aber eine "Verbindung" gespürt.

Eine Botschaft von "Liebe und Frieden"

Beim traditionell gelehrten Islam gehe es immer nur darum, was man tun und lassen müsse, um in den Himmel und nicht in die Hölle zu kommen, sagt der Grafikdesigner. Der sufische Islam dagegen vermittle eine Botschaft von "Liebe und Frieden".

Sufis stehen für das mystische, spirituelle, friedfertige Gesicht des Islams, der so oft mit Gewalt und Buchstabengläubigkeit assoziiert wird. Touristen kennen die tanzenden Derwische, die in der islamischen Altstadt Kairos auftreten, oder die Schriften Rumis, die sich zu Bestsellern entwickelt haben. Aber der Sufismus ist vielfältig; die Orientalistin Annemarie Schimmel schrieb, sein Raum reiche "von höchsten metaphysischen Spekulationen bis in die Welt der einfachen Dorfbewohner fernab der theologisch gelehrten Welt". Auch in Ägypten ist der Sufismus eng mit der lokalen Kultur verwoben, für viele Menschen ist er ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Aber zumindest was das offizielle Gesicht des Islams in dem Land angeht, stand der Sufismus bis vor kurzem eher am Rande.

Dabei erstrecken sich die Sufi-Orden über das ganze Land. Bis zu 15 Millionen der rund 100 Millionen Ägypter, so lauten manche Schätzungen, sind Mitglieder in den Gemeinschaften, die auf Arabisch "tariqa" heißen - nach dem spirituellen "Weg" zu Gott, den ihre Anhänger beschreiten. Sie treffen sich zu meist wöchentlichen Sitzungen mit ihrem Scheich, der "hadra" genannt wird, und einmal im Jahr feiern sie ein großes "maulid", ein mehrtägiges religiöses Fest aus Anlass des Geburtstags ihres Ordensheiligen.

In Ägypten gebe es im Jahr etwa 3.000 Maulids, berichtete die BBC im Jahr 2016. Sie ziehen Millionen Besucher an, denn sie stehen ebenso sehr für Spiritualität wie für Spektakel: Maulids sind halb Pilgerfahrt und halb Jahrmarkt.

Handkuss für den "Scheich des Platzes"

Der Sufi-Heilige, dessen in diesen Tagen in dem Kairoer Stadtteil El Marg gedacht wird, hieß Scheich Muslah al Salama. Laut der Aufschrift auf dem kleinen Mausoleum starb er im Jahr 1335 nach der Hidschra, was den Jahren 1916/1917 entspricht. Die dazugehörige Moschee liegt am Ende einer dunklen, sandigen Seitenstraße des ärmlichen Viertels, hinter einem Friedhof, der von drei Seiten von Wohnhäusern eingezwängt ist.

Das mit Glühbirnen behängte Minarett der Moschee sendet farbige Signale in die brütend heiße Nacht. Im Hof herrscht buntes Treiben: Familien flanieren an Ständen vorbei, an denen Spielzeug und Heilmittel aller Art angeboten werden. Alte Scheichs in blütenweißen Gewändern haben es sich auf Bänken bequem gemacht, während die Jüngeren sich zum Dhikr zusammenfinden. Lärmend dringen die Gesänge und Gebete aus den Lautsprechern. Der Tee ist heiß, süß und schmeckt nach Zimt.

Die lokale Sufi-Gemeinschaft, die den Hof und die Moschee betreibt, gehört der großen Ordensfamilie der Rifais an. Ihre Mitglieder hier sind leicht erkennbar: Zu ihren weißen oder dunklen Gewändern tragen sie knallgelbe Gebetskäppchen oder Schals. Auf einer Bank sitzt Scheich Kamal, das lokale Oberhaupt der Gemeinschaft. Männer begrüßen den 74 Jahre alten "Scheich des Platzes" mit Handkuss. Scheich Kamal erklärt, warum die Rifais in El Marg, anders als in dem Orden üblich, nicht Schwarzweiß tragen.

Die Familie von Scheich Muslah al Salama führe ihre Linie bis zu einigen Gefährten des Propheten Mohammed zurück, die in seiner Armee gekämpft hätten. Die Bannerfarbe ihrer Einheit sei Gelb gewesen. Als die Familie in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts dem Rifai-Orden beitrat, so Scheich Kamal, habe sie ausgehandelt, das Gelb behalten zu dürfen.

Etwa eine halbe Million Besucher, so heißt es, kommt an den Haupttagen des knapp zwei Wochen dauernden Maulids hierher. Sie kommen aus ganz Ägypten, daher muss die Ordensgemeinschaft für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten sorgen – Letztere bestehen aus Matratzen und Decken in großen Zelten, die auf dem Gelände aufgebaut werden. Scheich Kamal weist auf einen sehr alten Mann in grauem Gewand, der am Stock geht. Er ist der Vertreter des Obersten Sufi-Rates Ägyptens und damit beauftragt, die Festivität zu beaufsichtigen. Entdeckt er Grenzüberschreitungen, die den vom Rat erlassenen Regeln des Sufismus zuwiderlaufen, etwa Gewalt, Beleidigungen oder unzulässige Vermischung der Geschlechter, so kann er Sanktionen verhängen. Der Oberste Sufi-Rat verfügt über viel Macht, nicht alle sind darüber glücklich.

Scheich Mustafa beispielsweise. Der 47 Jahre alte Rifai hat sich eingehend mit dem Sufismus auseinandergesetzt. Was er als „Institutionalisierung“ der Bewegung durch den Staat bezeichnet, sieht er kritisch: „Im Sufismus geht um die Verehrung Gottes – das lässt sich nicht menschlichem Gesetz unterstellen.“ Scheich Mustafa lehnt es beispielsweise ab, dass der Rat das Recht hat, einzelne Sufis bei schwerwiegenden Fehltritten zu exkommunizieren. „Wenn jemand etwas Falsches tut, sollte man sein Verhalten ändern, aber ihn nicht hinausschmeißen.“ Ein anderer Punkt ist die Auswahl der Ordensoberhäupter: Das Amt gehe laut Gesetz vom Vater auf den Sohn über. „Ich finde das falsch. Früher war das Kriterium, welcher der Anhänger sich als am würdigsten erwies, wer die Fähigkeiten besaß, die Leute zu führen und ihnen zu helfen“, sagt Scheich Mustafa.

Tolerante Islam der Mitte

Der große, hagere Mann, der ein schlichtes weißes Gewand trägt, kommt seit seiner Kindheit in diese Moschee. Er lässt sich in einer Ecke des verwinkelten Hofes nieder, wo es Tee und Wasserpfeife gibt. Es riecht angenehm nach der Kohle, leise weht die Musik durch die Nacht herüber, alles wird träge, nur eine kleine Ameise irrt auf dem Teppich herum. Hinter den Männern an der Wand hängen in einer Reihe Porträts der Ordensoberhäupter – und daneben ein großes Bild von Präsident Sisi. Auch Scheich Mustafa sieht einen Trend: Es gebe den Versuch des Staates, den Sufismus zu stärken. Warum? „Weil der Staat weiß, dass der Sufismus das sein wird, was dem Terrorismus entgegensteht – und zwar nicht mit Gewalt, sondern aufgrund der Mentalität der Leute.“ Der Sufismus sei der tolerante Islam der Mitte – wenn die Regierung das stärke, werde es das Ende von Gewalt und Extremismus bedeuten. „Die ganze Welt“, so Scheich Mustafa, „blickt doch gerade auf den Kampf gegen den Terrorismus und ist auf der Suche nach einem toleranten Islam.“

Sufis seien Pazifisten, sagt Scheich Mustafa. Und sie seien unpolitisch. Nur wenn die Identität des Staates in Gefahr sei, erläutert er, würden sich die Sufis als organisierte Gruppen politisch betätigen. Das sei zuletzt zweimal der Fall gewesen. Am 25.Januar 2011 – dem Beginn der Arabellion in Ägypten – sei er einer der Ersten gewesen, die die Sufi-Jugend dazu aufgerufen hätten, sich den Protesten auf dem Tahrir-Platz anzuschließen. Sie seien auf dem Platz geblieben, bis die Muslimbrüder die Macht übernahmen. „Aber als wir sahen, dass sie das Land in eine falsche Richtung bewegten, haben wir die Proteste wiederaufgenommen.“

Die Haltung, nur in Ausnahmefällen politisch aktiv zu werden, macht die Sufi-Orden in den Augen des ägyptischen Staates zu einem attraktiven Partner im Bemühen, die von der Macht vertriebenen Islamisten nicht wieder erstarken zu lassen. Dazu beschreitet das Regime verschiedene Wege. So traf Präsident Sisi sich am vorvergangenen Dienstag mit Ministerpräsident Mustafa Madbouly und Mohamed Mokhtar Gomaa, dem Minister für religiöse Stiftungen. Thema sei die Verstärkung des Kampfes gegen extremistische religiöse Ideologien gewesen, berichtete die Zeitung „Al Ahram“. Unter anderem solle die „korrekte Interpretation“ des Islams und seiner Prinzipien der Toleranz gefördert werden. Extremistische Ideologien gehörten nicht zum Islam, zitierte die Zeitung Sisi.

Insbesondere die Förderung des Sufismus trifft in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einen davon könnte man als „Lifestyle-Sufismus“ bezeichnen. Mohamed Farouk ist ein ägyptischer Islamforscher, der sich vor allem mit der Mystik beschäftigt. Der Privatgelehrte empfängt, in ein traditionelles Gewand gekleidet, in seiner Wohnung in einem Neubaugebiet außerhalb Kairos zum Gespräch. Farouk verweist auf das zunehmende Interesse an einem „New-Age-Spiritualismus“, der vor ein paar Jahren auch Ägypten erreicht habe. Meist beziehen sich diese Bewegungen auf Traditionen aus Süd- und Ostasien; gerade in einem arabischen Land habe es aber nahegelegen, irgendwann auch in der eigenen Kultur nach Inspiration zu suchen, erläutert Farouk. Tatsächlich ist es nicht schwer, in Kairo Personen zu finden, die Yoga, Meditation und ähnliches mit Sufismus verbinden. Eine Gesprächspartnerin berichtet von ihrer spirituellen Reise, die mit dem Sufismus ihren Ausgang genommen habe. Heute führt sie Magnettherapien durch und produziert „Nano-Technologie-Medikamente“. Die promovierte Soziologin sagt kluge Dinge zur Geschichte und Gegenwart Ägyptens, nur um eine Minute später auf die neue Möbellinie „in Chakra-Farben“ hinzuweisen, die sie gerade entwickelt. Auf einem flachen Tisch, den sie als Prototyp hergestellt hat, ist eine Darstellung tanzender Sufis zu sehen. Eine andere Frau, die Sufi-Sängerin ist und angeblich traditionelle Zar-Heilungen durchführt, eine Art von Exorzismus, verlangt für ein Interview 1500 ägyptische Pfund.

„Die Sufis waren gegen die Revolution“

Neben dem kulturellen Interesse gibt es aber auch auf Seiten der Bevölkerung politische Gründe für den Trend zum Sufismus – und das hat mit der Tahrir-Revolution zu tun. Als deren Scheitern offenbar geworden sei, so sieht es der frühere Sufi-Sänger Essam Abdou, da seien viele junge Ägypter enttäuscht und frustriert gewesen. „Sie brauchten etwas Spirituelles, um ihnen wieder auf die Beine zu helfen.“ Der Staat, der für eine Erneuerung des religiösen Diskurses warb, habe die günstige Gelegenheit erkannt. Denn den Sufismus habe man nicht speziell „vermarkten“ müssen, er sei ja schon da gewesen, tief in der ägyptischen Kultur verwurzelt. Abdou sieht es überdies anders als Scheich Mustafa aus El Marg. „Die Sufis waren gegen die Revolution“, sagt er. „Sie halten immer zum Staat und zur Regierung.“ Abdou verweist auch darauf, dass zahlreiche ranghohe Mitglieder der Azhar-Moschee Sufis seien, so der gegenwärtige Großscheich. Er hält sogar den Präsidenten selbst für einen Sufi. „Sisi spricht im Fernsehen immer wie ein Sufi, oft redet er von Träumen, die er hatte, oder von geheimem Wissen, über das er verfüge.“

Das Verhältnis der Azhar – immer noch einer der einflussreichsten islamischen Institutionen auf der Welt – zum Sufismus ist komplex und widersprüchlich. Der Islamforscher Mohamed Farouk bestätigt, dass einige führende Mitglieder der Lehranstalt aus Sufi-Orden kommen. Gleichzeitig gebe es an der Azhar eine starke salafistische Strömung. Es gehört zu den Kernelementen des Salafismus, den Sufismus aufgrund von dessen Heiligenverehrung abzulehnen. In den Jahren 2011 und 2012 gab es Angriffe militanter Salafisten auf Sufi-Schreine in Ägypten. Und erst im vergangenen Herbst wurden auf dem Sinai 311 Menschen bei einem dschihadistischen Anschlag auf eine Sufi-Moschee getötet.

Warnung vor Einfluss von salafistischen Positionen

Essam Abdou glaubt, die Islamisten hätten die Azhar weitgehend unterwandert. So wie der Sänger der Ansicht ist, dass der moderne Salafismus die ägyptische Gesellschaft generell infiziert habe. Sogar seine eigene Band. Abdou war als einziges der Mitglieder von „Al Hadra“ kein Sufi gewesen, dass er mitmachte, habe „spirituelle, aber nicht religiöse“ Gründe gehabt. Anfangs hielt er seine Bandkollegen für „cool und tolerant“, bald hätten sie ihm jedoch ein anderes Gesicht gezeigt. „Sie waren extremistische Sufis.“ Bei einem Auftritt in der oberägyptischen Stadt Minya, wo viele Christen leben, hätten sie sich geweigert, in ein Restaurant zu gehen, das von einem Kopten betrieben wurde, und schlecht von Christen und Juden gesprochen. Als er dagegen die Stimme erhob, erzählt Abdou, „stimmten sie dafür, mich aus der Band zu werfen“. Seiner Faszination für die spirituellen Aspekte des Sufismus hat das keinen Abbruch getan. Aber die einst so große Toleranz des Sufismus sieht er gefährdet.

Der Islamforscher Mohamed Farouk hat eine andere Befürchtung: dass der gegenwärtige Sufi-Trend nur eine „Welle ist, die vorübergeht“. Dabei hätte der Sufismus das Potential, sowohl die spirituellen als auch die intellektuellen Traditionen des Islams wiederzubeleben. „Wir brauchen ein Fundament für eine Erneuerung des religiöses Diskurses“, sagt der Gelehrte und verweist auf die islamische Philosophie des Mittelalters. Im gleichen Atemzug wirft Farouk aber die Frage auf, ob die meisten Sufi-Orden mit dieser Aufgabe nicht überfordert wären. Denn sie würden oft nur die kulturellen Aspekte ihres Erbes pflegen, aber nicht das tiefere Wissen, das den Sufismus intellektuell kennzeichnet.

Auch deswegen hält auch Farouk es für denkbar, dass der Sufismus von salafistischem Gedankengut beeinflusst werden könnte. „Manchmal sind Sufis so darauf erpicht, ihre sunnitische Identität hervorzuheben“, sagt er, „dass sie dazu tendieren, salafistische Positionen zu übernehmen.“ Das sei gefährlich. Er könne die Sufis nur davor warnen, sagt Farouk, die grundlegende Botschaft ihrer Bewegung in Vergessenheit geraten zu lassen, die von transzendenter Natur sei. Und sie sollten nicht dem Irrglauben erliegen, dass die Salafisten den Schlüssel zur islamischen Orthodoxie in ihren Händen hielten.

Sie kommen aus ganz Ägypten, daher muss die Ordensgemeinschaft für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten sorgen – Letztere bestehen aus Matratzen und Decken in großen Zelten, die auf dem Gelände aufgebaut werden. Scheich Kamal weist auf einen sehr alten Mann in grauem Gewand, der am Stock geht. Er ist der Vertreter des Obersten Sufi-Rates Ägyptens und damit beauftragt, die Festivität zu beaufsichtigen. Entdeckt er Grenzüberschreitungen, die den vom Rat erlassenen Regeln des Sufismus zuwiderlaufen, etwa Gewalt, Beleidigungen oder unzulässige Vermischung der Geschlechter, so kann er Sanktionen verhängen. Der Oberste Sufi-Rat verfügt über viel Macht, nicht alle sind darüber glücklich.

Scheich Mustafa beispielsweise. Der 47 Jahre alte Rifai hat sich eingehend mit dem Sufismus auseinandergesetzt. Was er als „Institutionalisierung“ der Bewegung durch den Staat bezeichnet, sieht er kritisch: „Im Sufismus geht um die Verehrung Gottes – das lässt sich nicht menschlichem Gesetz unterstellen.“ Scheich Mustafa lehnt es beispielsweise ab, dass der Rat das Recht hat, einzelne Sufis bei schwerwiegenden Fehltritten zu exkommunizieren. „Wenn jemand etwas Falsches tut, sollte man sein Verhalten ändern, aber ihn nicht hinausschmeißen.“ Ein anderer Punkt ist die Auswahl der Ordensoberhäupter: Das Amt gehe laut Gesetz vom Vater auf den Sohn über. „Ich finde das falsch. Früher war das Kriterium, welcher der Anhänger sich als am würdigsten erwies, wer die Fähigkeiten besaß, die Leute zu führen und ihnen zu helfen“, sagt Scheich Mustafa.

Tolerante Islam der Mitte

Der große, hagere Mann, der ein schlichtes weißes Gewand trägt, kommt seit seiner Kindheit in diese Moschee. Er lässt sich in einer Ecke des verwinkelten Hofes nieder, wo es Tee und Wasserpfeife gibt. Es riecht angenehm nach der Kohle, leise weht die Musik durch die Nacht herüber, alles wird träge, nur eine kleine Ameise irrt auf dem Teppich herum. Hinter den Männern an der Wand hängen in einer Reihe Porträts der Ordensoberhäupter – und daneben ein großes Bild von Präsident Sisi. Auch Scheich Mustafa sieht einen Trend: Es gebe den Versuch des Staates, den Sufismus zu stärken. Warum? „Weil der Staat weiß, dass der Sufismus das sein wird, was dem Terrorismus entgegensteht – und zwar nicht mit Gewalt, sondern aufgrund der Mentalität der Leute.“ Der Sufismus sei der tolerante Islam der Mitte – wenn die Regierung das stärke, werde es das Ende von Gewalt und Extremismus bedeuten. „Die ganze Welt“, so Scheich Mustafa, „blickt doch gerade auf den Kampf gegen den Terrorismus und ist auf der Suche nach einem toleranten Islam.“

Sufis seien Pazifisten, sagt Scheich Mustafa. Und sie seien unpolitisch. Nur wenn die Identität des Staates in Gefahr sei, erläutert er, würden sich die Sufis als organisierte Gruppen politisch betätigen. Das sei zuletzt zweimal der Fall gewesen. Am 25.Januar 2011 – dem Beginn der Arabellion in Ägypten – sei er einer der Ersten gewesen, die die Sufi-Jugend dazu aufgerufen hätten, sich den Protesten auf dem Tahrir-Platz anzuschließen. Sie seien auf dem Platz geblieben, bis die Muslimbrüder die Macht übernahmen. „Aber als wir sahen, dass sie das Land in eine falsche Richtung bewegten, haben wir die Proteste wiederaufgenommen.“

Die Haltung, nur in Ausnahmefällen politisch aktiv zu werden, macht die Sufi-Orden in den Augen des ägyptischen Staates zu einem attraktiven Partner im Bemühen, die von der Macht vertriebenen Islamisten nicht wieder erstarken zu lassen. Dazu beschreitet das Regime verschiedene Wege. So traf Präsident Sisi sich am vorvergangenen Dienstag mit Ministerpräsident Mustafa Madbouly und Mohamed Mokhtar Gomaa, dem Minister für religiöse Stiftungen. Thema sei die Verstärkung des Kampfes gegen extremistische religiöse Ideologien gewesen, berichtete die Zeitung „Al Ahram“. Unter anderem solle die „korrekte Interpretation“ des Islams und seiner Prinzipien der Toleranz gefördert werden. Extremistische Ideologien gehörten nicht zum Islam, zitierte die Zeitung Sisi.

Insbesondere die Förderung des Sufismus trifft in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einen davon könnte man als „Lifestyle-Sufismus“ bezeichnen. Mohamed Farouk ist ein ägyptischer Islamforscher, der sich vor allem mit der Mystik beschäftigt. Der Privatgelehrte empfängt, in ein traditionelles Gewand gekleidet, in seiner Wohnung in einem Neubaugebiet außerhalb Kairos zum Gespräch. Farouk verweist auf das zunehmende Interesse an einem „New-Age-Spiritualismus“, der vor ein paar Jahren auch Ägypten erreicht habe. Meist beziehen sich diese Bewegungen auf Traditionen aus Süd- und Ostasien; gerade in einem arabischen Land habe es aber nahegelegen, irgendwann auch in der eigenen Kultur nach Inspiration zu suchen, erläutert Farouk. Tatsächlich ist es nicht schwer, in Kairo Personen zu finden, die Yoga, Meditation und ähnliches mit Sufismus verbinden. Eine Gesprächspartnerin berichtet von ihrer spirituellen Reise, die mit dem Sufismus ihren Ausgang genommen habe. Heute führt sie Magnettherapien durch und produziert „Nano-Technologie-Medikamente“. Die promovierte Soziologin sagt kluge Dinge zur Geschichte und Gegenwart Ägyptens, nur um eine Minute später auf die neue Möbellinie „in Chakra-Farben“ hinzuweisen, die sie gerade entwickelt. Auf einem flachen Tisch, den sie als Prototyp hergestellt hat, ist eine Darstellung tanzender Sufis zu sehen. Eine andere Frau, die Sufi-Sängerin ist und angeblich traditionelle Zar-Heilungen durchführt, eine Art von Exorzismus, verlangt für ein Interview 1500 ägyptische Pfund.

„Die Sufis waren gegen die Revolution“

Neben dem kulturellen Interesse gibt es aber auch auf Seiten der Bevölkerung politische Gründe für den Trend zum Sufismus – und das hat mit der Tahrir-Revolution zu tun. Als deren Scheitern offenbar geworden sei, so sieht es der frühere Sufi-Sänger Essam Abdou, da seien viele junge Ägypter enttäuscht und frustriert gewesen. „Sie brauchten etwas Spirituelles, um ihnen wieder auf die Beine zu helfen.“ Der Staat, der für eine Erneuerung des religiösen Diskurses warb, habe die günstige Gelegenheit erkannt. Denn den Sufismus habe man nicht speziell „vermarkten“ müssen, er sei ja schon da gewesen, tief in der ägyptischen Kultur verwurzelt. Abdou sieht es überdies anders als Scheich Mustafa aus El Marg. „Die Sufis waren gegen die Revolution“, sagt er. „Sie halten immer zum Staat und zur Regierung.“ Abdou verweist auch darauf, dass zahlreiche ranghohe Mitglieder der Azhar-Moschee Sufis seien, so der gegenwärtige Großscheich. Er hält sogar den Präsidenten selbst für einen Sufi. „Sisi spricht im Fernsehen immer wie ein Sufi, oft redet er von Träumen, die er hatte, oder von geheimem Wissen, über das er verfüge.“

Das Verhältnis der Azhar – immer noch einer der einflussreichsten islamischen Institutionen auf der Welt – zum Sufismus ist komplex und widersprüchlich. Der Islamforscher Mohamed Farouk bestätigt, dass einige führende Mitglieder der Lehranstalt aus Sufi-Orden kommen. Gleichzeitig gebe es an der Azhar eine starke salafistische Strömung. Es gehört zu den Kernelementen des Salafismus, den Sufismus aufgrund von dessen Heiligenverehrung abzulehnen. In den Jahren 2011 und 2012 gab es Angriffe militanter Salafisten auf Sufi-Schreine in Ägypten. Und erst im vergangenen Herbst wurden auf dem Sinai 311 Menschen bei einem dschihadistischen Anschlag auf eine Sufi-Moschee getötet.

Warnung vor Einfluss von salafistischen Positionen

Essam Abdou glaubt, die Islamisten hätten die Azhar weitgehend unterwandert. So wie der Sänger der Ansicht ist, dass der moderne Salafismus die ägyptische Gesellschaft generell infiziert habe. Sogar seine eigene Band. Abdou war als einziges der Mitglieder von „Al Hadra“ kein Sufi gewesen, dass er mitmachte, habe „spirituelle, aber nicht religiöse“ Gründe gehabt. Anfangs hielt er seine Bandkollegen für „cool und tolerant“, bald hätten sie ihm jedoch ein anderes Gesicht gezeigt. „Sie waren extremistische Sufis.“ Bei einem Auftritt in der oberägyptischen Stadt Minya, wo viele Christen leben, hätten sie sich geweigert, in ein Restaurant zu gehen, das von einem Kopten betrieben wurde, und schlecht von Christen und Juden gesprochen. Als er dagegen die Stimme erhob, erzählt Abdou, „stimmten sie dafür, mich aus der Band zu werfen“. Seiner Faszination für die spirituellen Aspekte des Sufismus hat das keinen Abbruch getan. Aber die einst so große Toleranz des Sufismus sieht er gefährdet.

Der Islamforscher Mohamed Farouk hat eine andere Befürchtung: dass der gegenwärtige Sufi-Trend nur eine „Welle ist, die vorübergeht“. Dabei hätte der Sufismus das Potential, sowohl die spirituellen als auch die intellektuellen Traditionen des Islams wiederzubeleben. „Wir brauchen ein Fundament für eine Erneuerung des religiöses Diskurses“, sagt der Gelehrte und verweist auf die islamische Philosophie des Mittelalters. Im gleichen Atemzug wirft Farouk aber die Frage auf, ob die meisten Sufi-Orden mit dieser Aufgabe nicht überfordert wären. Denn sie würden oft nur die kulturellen Aspekte ihres Erbes pflegen, aber nicht das tiefere Wissen, das den Sufismus intellektuell kennzeichnet.

Auch deswegen hält auch Farouk es für denkbar, dass der Sufismus von salafistischem Gedankengut beeinflusst werden könnte. „Manchmal sind Sufis so darauf erpicht, ihre sunnitische Identität hervorzuheben“, sagt er, „dass sie dazu tendieren, salafistische Positionen zu übernehmen.“ Das sei gefährlich. Er könne die Sufis nur davor warnen, sagt Farouk, die grundlegende Botschaft ihrer Bewegung in Vergessenheit geraten zu lassen, die von transzendenter Natur sei. Und sie sollten nicht dem Irrglauben erliegen, dass die Salafisten den Schlüssel zur islamischen Orthodoxie in ihren Händen hielten.

Christian Meier

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2018

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Leserkommentare zum Artikel: Sufis, Scheichs und Scharlatane

Der Aufsatz ist eine Mishung von allem, was der Sufismus hat zu tun mit Sisi und Mursi? Und wie kaemen Sie auf diese Idee? dass die Gesellschaft in Aegypten tief von Islamismus gepraegt ist? Kein Hinweis von irgendwelcher Quelle ausser BBC! Ich dachte, es geht um Sufismus in Aegypten.d.h kurze Beschreibung ueber die Sufi in Aegypten, Volkssitten und so weiter!

Lamis 10.09.2018 | 10:12 Uhr

Ägypten als Mutterland des Islamismus zu bezeichnen ist schon gewagt. Bislang galt der Islamismus als Import durch rückkehrende Gastarbeiter aus dem Irak und von der Arabischen Halbinsel. Der Sufismus hingegen war bis dahin die vorherrschende gelebte religiöse Praxis, die ab den 60'ern zunehmend diskreditiert wurde.
Nachzulesen u.a. bei Amitav Gosh: "In einem alten Land"
Der bekannte Romancier erlaubt sich in diesem Buch einen Ausflug in die Sozialantrophologie, in der er zum Thema in Oxford promovierte.

Wolfram Obermanns11.09.2018 | 23:30 Uhr

Lieber Herr Obermanns,

natürlich gibt es - historisch gesehen - viele islamistische Strömungen. Denken Sie nur an Abu Ela al-Maududi. Aber der Autor betont vollkommen zurecht, dass die islamistische Ideologie der Muslimbruderschaft auf den Ägypter Hassan al-Banna im Jahr 1920 zurückgeht. Von daher ist Ägypten, wo die Bruderschaft populär und groß wurde (erst später in anderen arabischen Ländern) schon als Wiege des Islamismus zu bezeichnen - das ist durchaus nicht bewertend gemeint!

Georg Wolff12.09.2018 | 10:37 Uhr

Liebe Leser und Kommentatoren, ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, daß Qantara.de meinen Artikel aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gekürzt übernommen hat bzw. nur ungefähr die ersten zwei Drittel. Der vollständige Artikel findet sich auf der Seite der F.A.Z., leider kann ich hier nicht direkt verlinken.

Christian Meier16.09.2018 | 13:53 Uhr