Der übrigen Zivilgesellschaft ergeht es nicht viel besser. Nichtregierungsorganisationen können, seit es ein neues Gesetz zur Regelung ihrer Arbeit gibt, in Ägypten nur noch sehr eingeschränkt agieren. Und wer erwartet hatte, dass sich nach Sisis Wiederwahl wieder etwas Freiraum öffnen würde, wurde eines Besseren belehrt: Mehrere Oppositionelle wurden in den vergangenen Monaten verhaftet und angeklagt.

Einer, der 2011 auf dem Tahrir-Platz eine wichtige Rolle gespielt hat, sagt: "Praktisch alle, die damals zusammen mit mir dort waren, sind heute entweder tot, im Gefängnis oder haben das Land verlassen." Er selbst entkam nur knapp einer Verurteilung - und hält sich seither bedeckt. Wie die meisten.

Die Revolution, für die sie gekämpft hatten, endete endgültig vor fünf Jahren, am 14. August 2013, als Sicherheitskräfte auf zwei Plätzen in Kairo in einem Blutbad mehr als 800 Anhänger der Muslimbrüder töteten. Auch wenn die liberalen Revolutionäre und die Islamisten Gegner waren - nach diesem Tag war klar, dass das Regime keine Infragestellung seiner Herrschaft mehr dulden würde.

Die heterogene islamistische Opposition

Inhaftierter ägyptischer Ex-Präsident Mohamed Mursi; Foto: picture-alliance/dpa/M. Hossam
Ägyptens Ex-Präsident hinter Gittern: Im Juli 2013 wurde Mohamed Mursi nach Massenprotesten gegen seine Herrschaft vom Militär unter dem jetzigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi gestürzt und inhaftiert. Wochenlange Massenproteste der Muslimbrüder führten zu dem blutigsten Tag in der jüngeren Geschichte Ägyptens: Beim gewaltsamen Sturm der Protestcamps durch die Sicherheitskräfte starben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge mindestens 817 Menschen. Die autoritäre Nachfolgeregierung Al-Sisis verfolgt die Muslimbrüder als Terroristen.

Die Regierung in Kairo stellt naturgemäß andere Aspekte in den Vordergrund. Nach wie vor steckt Ägypten in einem schweren Kampf gegen islamistische Terroristen. Das Regime tendiert dazu, alle in einen Topf zu werfen - die zur Terrororganisation erklärte Muslimbruderschaft und die Dschihadisten vom "Islamischen Staat" (IS) und anderen Organisationen, die den Sicherheitskräften seit Jahren auf der Sinai-Halbinsel zusetzen.

Das islamistische Spektrum ist aber breit und heterogen, es umfasst neben den genannten Gruppen beispielsweise auch nicht-dschihadistische Salafisten, die sich zum Teil mit dem Regime arrangiert haben. Ihr Einfluss und jener der geächteten Muslimbrüder ist zurückgegangen, aber nicht völlig verschwunden - die ägyptische Gesellschaft ist tief geprägt vom Islamismus, das Land war die Geburtsstätte dieser Ideologie. Für das Regime bleibt damit eine Bedrohung bestehen, sosehr man den politischen Islamismus auch in den Untergrund drängt.

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Leserkommentare zum Artikel: Sufis, Scheichs und Scharlatane

Der Aufsatz ist eine Mishung von allem, was der Sufismus hat zu tun mit Sisi und Mursi? Und wie kaemen Sie auf diese Idee? dass die Gesellschaft in Aegypten tief von Islamismus gepraegt ist? Kein Hinweis von irgendwelcher Quelle ausser BBC! Ich dachte, es geht um Sufismus in Aegypten.d.h kurze Beschreibung ueber die Sufi in Aegypten, Volkssitten und so weiter!

Lamis 10.09.2018 | 10:12 Uhr

Ägypten als Mutterland des Islamismus zu bezeichnen ist schon gewagt. Bislang galt der Islamismus als Import durch rückkehrende Gastarbeiter aus dem Irak und von der Arabischen Halbinsel. Der Sufismus hingegen war bis dahin die vorherrschende gelebte religiöse Praxis, die ab den 60'ern zunehmend diskreditiert wurde.
Nachzulesen u.a. bei Amitav Gosh: "In einem alten Land"
Der bekannte Romancier erlaubt sich in diesem Buch einen Ausflug in die Sozialantrophologie, in der er zum Thema in Oxford promovierte.

Wolfram Obermanns11.09.2018 | 23:30 Uhr

Lieber Herr Obermanns,

natürlich gibt es - historisch gesehen - viele islamistische Strömungen. Denken Sie nur an Abu Ela al-Maududi. Aber der Autor betont vollkommen zurecht, dass die islamistische Ideologie der Muslimbruderschaft auf den Ägypter Hassan al-Banna im Jahr 1920 zurückgeht. Von daher ist Ägypten, wo die Bruderschaft populär und groß wurde (erst später in anderen arabischen Ländern) schon als Wiege des Islamismus zu bezeichnen - das ist durchaus nicht bewertend gemeint!

Georg Wolff12.09.2018 | 10:37 Uhr

Liebe Leser und Kommentatoren, ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, daß Qantara.de meinen Artikel aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gekürzt übernommen hat bzw. nur ungefähr die ersten zwei Drittel. Der vollständige Artikel findet sich auf der Seite der F.A.Z., leider kann ich hier nicht direkt verlinken.

Christian Meier16.09.2018 | 13:53 Uhr