Zwischen Bewahrung und Neuerfindung

In den letzten zwei Jahrzehnten hat Faridi mit seiner Band 1500 Konzerte gegeben, ein Großteil davon auf westlichen Musikfestivals – ein Spagat zwischen Bewahrung und Neuerfindung. "Es ist uns wichtig, das Wesen der Tradition zu bewahren", sagt Faridi. "Die traditionelle Form des Qawwali hat mehr als genügend Anziehungskraft, um reizvoll für viele Leute im Westen zu sein. Daher brauchen wir am Qawwali nichts zu verändern."

In den Konzertclips von "Fanna-fi-Allah" auf YouTube sind leicht bekleidete Festivalbesucher zu sehen, die sich wild zu Klängen von Tabla und Harmonium oder Lobgesängen auf den Prophetencousin Ali schütteln. Natürlich gebe es manchmal negative Kommentare von orthodoxen Muslimen oder Puritanern, die damit nicht einverstanden seien. Doch Veränderung, betont Faridi, liege in der Natur des Genres: "Jeder, der Qawwali kennt, weiß, dass es erschaffen wurde, um geteilt zu werden. In seinem Wesen ist das Genre eine Kombination verschiedener Elemente. Genau diese Offenheit der Tradition half dabei, die Geschichten und Weisheiten der Meister zu verbreiten und die Menschen zum islamischen Glauben zu führen."

An sich unterscheiden sich die Moves der Festivalbesucher gar nicht so sehr vom dhamal, dem spontanen Ekstase-Tanz der Derwische an pakistanischen Schreinen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Qawwali führt Tahir Faridi Qawwal in der von ihm gegründeten "Sama-Musikschule" auch Frauen in die Tradition ein. "Wir haben recherchiert und konnten keinen guten Grund finden, warum Frauen nicht an dieser Tradition teilnehmen sollten", meint Faridi. "Es ist nun die richtige Zeit, um Frauen so zu ehren, wie sie auch zur Zeit des Propheten geehrt wurden." Aminah Chishti, Percussionistin bei "Fanna-fi-Allah", gilt als erste weibliche Tabla-Spielerin in der Geschichte des Qawwali.

 

Einsatz für den Erhalt des Qawwali

Neben den Konzerten setzen sich "Fanna-fi-Allah" auch dafür ein, die Lebenswelt des Qawwali zu dokumentieren und zu seinem Erhalt beizutragen. Mit einem Stipendium der US-Botschaft in Islamabad reiste Faridi mit seiner Gruppe für ein Filmprojekt an die Sufi-Schreine von Pakistan und Indien, traf die großen ustads und widmete sich einer gründlichen Erforschung der historischen, kulturellen und spirituellen Hintergründe des Qawwali. Das Ergebnis ist die achtteilige Doku-Reihe "Qawwali – Die Musik der Mystiker", die episodenweise in den letzten Monaten erschienen ist.

Wenn man sich diese Filme aus dem Herzen der Qawwali-Kultur anschaut, wird deutlich, wie sehr Faridi und seine Band diese Tradition verinnerlicht haben. Immer wieder kommen Musiker aus den Qawwali-Schulen des Subkontinents zu Wort, die versuchen, ihre Musik – viele von ihnen wohl zum ersten Mal – kurz gefasst in Worte zu kleiden. Besonders wertvoll sind die Aufnahmen von Live-Auftritten in den Innenhöfen von Sufi-Schreinen, in Ajmer im indischen Rajasthan am Grab von Moinuddin Chishti, im Schrein von Baba Farid im pakistanischen Pakpattan, aber auch an weniger bekannten Orten wie in Aroop Sharif, einem Pilgerort in der Stadt Gujranwala im Nordosten der pakistanischen Provinz Punjab.

Die Dokumentation überzeugt mit einer dynamischen Kameraführung und hochwertigen Aufnahmen, die eine meditative, träumerische Atmosphäre erzeugen. Bemerkenswert ist auch, dass Faridi in seiner Dokumentation zahlreiche Musiker porträtiert, die im Laufe der Filmarbeiten oder kürzlich verstorben sind.

So ist gleich in der ersten Episode der pakistanische Musiker Amjad Fareed Sabri zu sehen, wie er ein bekanntes Qawwali-Stück a capella in den Nachthimmel singt. Diese Szene ist besonders wertvoll, denn Sabri, der aus der Familie der berühmten “Sabri Brothers” stammt, wurde im Sommer 2016 nach einem Auftritt im Fernsehen in Karachi von Auftragsmördern der Tehrik-i-Taliban erschossen. Der Mord sendete Schockwellen durch Pakistans Qawwali-Szene.

Der Kanadier Tahir Faridi Qawwal. Foto: Tahir Faridi Qawwal
"Die ustāds (Meister) in Pakistan waren fasziniert von dem starken Interesse in unseren Herzen und davon, dass wir so weit gereist waren, um diesem zu folgen", sagt Tahir Faridi Qawwal heute. "Je tiefer wir die Musik erlernten, desto stärker mussten wir unsere Hingabe an die Tradition unter Beweis stellen und zeigen, dass wir bereit waren, noch mehr zu empfangen. Dadurch wurden wir exponentiell ernster genommen."

Für die Zukunft bewahren

Somit ist "Qawwali – Die Musik der Mystiker" auch ein wertvolles Zeitdokument, das die Qawwali-Tradition für die Zukunft bewahrt. Dies ist in der heutigen Zeit umso wichtiger, denn nicht nur Fundamentalisten in Pakistan bedrohen die Qawwali-Kultur, sondern zunehmend auch die aktuelle Politik der Hindu-Nationalisten in Indien, die muslimisches Kulturgut marginalisieren wollen.

Erst im Januar 2020 ließ der Ministerpräsident des Bundesstaates Uttar Pradesh einen Qawwali-Live-Auftritt in Lucknow, ironischerweise einem der traditionsreichsten Zentren islamischer Kultur auf dem Subkontinent, unterbrechen – zur Begründung hieß es lapidar, dass Qawwali "hier nicht stattfinden könne."

Tahir Faridi Qawwal ist zudem ein Brückenbauer zwischen den zwei seit Jahrzehnten verfeindeten Nachbarn Indien und Pakistan, die ein gemeinsames kulturelles Reichtum teilen.

"Es ist unsere Stärke, dass wir die Kultur der beiden Länder aus einer Vogelperspektive sehen können, die Muslime in Pakistan oder Hindus in Indien niemals einnehmen würden," sagt er. "So können wir die Schönheit beider Kulturen und Religionen mit ihrer jeweiligen Lebensweise wahrnehmen. In Gesprächen haben wir Pakistanis und Indern von unseren positiven Erfahrungen im jeweils anderen Land erzählt und sind damit ein stückweit den Vorurteilen entgegengetreten, die sie gegenüber dem Nachbarn hegen."

Marian Brehmer

© Qantara.de 2021

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