Sudan nach dem Friedensabkommen

Das Ende vom Anfang

Ein gutes Jahr nach Unterzeichnung des Friedensabkommens für den Süden ist der Sudan noch immer zerrissen. Während in Khartum für mehr Geduld geworben wird, scheint die staatliche Einheit in Juba bereits ad acta gelegt. Von Marc Engelhardt

Sudans Präsident Omar el Bashir und der ehemalige Führer der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung, John Garang; Foto: AP
Im Juli 2005 setzte der ehemalige Führer der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung, John Garang, zum ersten Mal nach 22 Jahren seinen Fuß in die sudanesische Hauptstadt Khartum, um als Stellvertreter des Präsidenten Omar el Bashir vereidigt zu werden

​​Salva Kiir ist ein Reisender zwischen den Welten. Die Hälfte seiner Zeit verbringt der Nachfolger des verunglückten Volkshelden John Garang als südsudanesischer Präsident in der neuen südsudanesischen Hauptstadt Juba, den Rest als sudanesischer Vize-Präsident in Khartum.

Er ist einer der wenigen, die mehr als ein Jahr nach dem Friedensschluss für den Südsudan beide Seiten kennen. Doch was er sieht, gefällt ihm nicht. "Ich rufe nicht zum Separatismus auf, aber ich bin Führer der Südsudanesen. Und die Einheit sieht für uns derzeit nicht sonderlich attraktiv aus."

Warten auf den Lohn des Friedens

Die vom Westen versprochene Friedensdividende ist Kiir zufolge bislang ausgeblieben, ebenso wie die vereinbarte Hälfte der Öl-Einnahmen aus dem Norden. Noch immer sind die meisten Menschen in Juba arbeits- und mittellos. Obdachlose liegen in den Straßen. Es gibt keinen Strom, kein verlässliches Telefonnetz und nur eine Straße ins nahe Uganda.

Auf dieser würden die Südsudanesen gerne den Handel und den Transport von Hilfsgütern abwickeln, aber seit Monaten wird die Verkehrsader von der ugandischen "Widerstandsarmee des Herrn” (LRA) und anderen bewaffneten Gruppen unsicher gemacht.

Probleme hat die Sudanesische Volksbefreiungsbewegung (SPLM) auch in den eigenen Reihen. Verdiente Buschkämpfer sind über Nacht zu leitenden Beamten einer noch nicht vorhandenen Ministerialbürokratie ernannt worden. Nicht alle können lesen und schreiben. Fast keiner weiß, was genau von ihm erwartet wird.

Ähnlich ist die Situation im südsudanesischen Parlament, das im ehemaligen Audimax der Universität Juba tagt. Parlamentspräsident James Wani Igga fasst die Ungeduld der Südsudanesen in einem Satz zusammen: "Unsere Leute haben lange gelitten, jetzt wollen sie von uns die Belohnung – und wir können die Erwartungen nicht erfüllen, weil uns das Geld fehlt."

Die Wunschliste ist lang: Straßen, Mikrokredite, Fortbildungen, Krankenhäuser, eine neue Universität. Wani Igga wünscht sich zudem nicht nur Mittel, sondern vor allem ausländische Spezialisten zum Umsetzen der Projekte.

Nach Ende des mehr als zwanzigjährigen Bürgerkriegs hat kaum ein Südsudanese auch nur eine grundlegende Ausbildung – mit Ausnahme der Millionen, die nach Khartum oder ins benachbarte Ausland geflohen waren. Doch das gerade die, die vor dem Befreiungskampf geflohen sind, jetzt die besten Jobs bekommen wollen, ist im Südsudan nicht vermittelbar. Eine Teufelsfalle.

Durchhalte-Parolen aus Khartum

In Khartum werden solche Probleme gelassener bewertet. Vor einem guten halben Jahr hat eine Koalition unter Beteiligung der SPLM die Einparteien-Regierung des arabisch-islamischen Nationalkongresses von Präsident Omar Hassan el Baschir abgelöst. Sie soll bis 2011 das größte Land Afrikas als Ganzes regieren, so sieht es der am 9. Januar 2005 unterzeichnete Friedensvertrag vor.

Erst dann können die Bewohner im Süden entscheiden, ob sie unabhängig werden wollen. "Bis dahin ist noch viel Zeit", sagt etwa SPLM-Mann Bona Malwal, seit einigen Monaten Baschir-Berater. "Niemand kann erwarten, dass alle Probleme im ersten Jahr gelöst werden." Malwal rät zu mehr Geduld.

Mitglied der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung mit Fahne der SPLM; Foto: AP
Freude über die Unterzeichnung des Friedensabkommen im Kenianischen Naivasha, das einen 21-jährigen Bürgerkrieg im Südsudan beendete

​​Regimekritiker verurteilen Männer wie Malwal als opportunistische Kriegsgewinnler. Einige von ihnen seien seit der Unterzeichnung des Vertrags von Naivasha in der einen oder anderen Form in die Regierung berufen worden. Sie alle haben Villen in Khartum, ein gutes Einkommen und keinerlei Pläne, in den zerstörten Süden zurückzukehren.

"Die Diktatur einer Partei ist durch eine Diktatur von zwei Parteien abgelöst worden", bilanziert ein sudanesischer Politikwissenschaftler, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will. Früher hat er für eine Stiftung aus Deutschland gearbeitet. "El Baschir lässt die SPLA zwar an den Kabinettstisch, aber es ist immer noch sein Tisch – er gibt die Regeln vor."

Das Problem sei zudem, dass die Nordsudanesen den neuen Partnern aus dem Süden haushoch überlegen seien. "El Baschirs Leute sind gebildet, in politischer Taktik erfahren und haben zudem einen riesigen Geheimdienstapparat und die Massenmedien unter Kontrolle." Der Einstieg der SPLM in die Regierung hat den einstigen Erzfeind aus seiner Sicht eher gestärkt als geschwächt.

Die ungewisse Zukunft des Regimes

Von dieser Entwicklung ist vor allem die politische Opposition im Norden enttäuscht. Der ehemalige Präsident Sadiq al Mahdi und seine gemäßigt-islamische Umma-Partei hatten darauf spekuliert, im neuen Sudan wieder Politik machen zu dürfen. Stattdessen, sagt al Mahdi, zementiere der Friedensvertrag die Herrschaft der Herrschenden.

Salva Kiir; Foto: www.rulers.org
"Die SPLM ist in den Bürgerkrieg gezogen, um gegen die Benachteiligung aus Khartum zu kämpfen – daraus hat Khartum aber nichts gelernt", sagt Salva Kiir.

​​El Baschir, der den gewählten al Mahdi 1989 in einem Militärputsch ablöste, begünstige ausschließlich eine kleine herrschende Clique in Khartum und Port Sudan. Verlierer seien die Bewohner auf dem Land.

Genau dort liegt deshalb die Hoffnung der Regimegegner. Nach dem Aufstand im Süden und in Darfur im Westen brauen sich neue Konflikte zusammen, die el Baschir endgültig zu Fall bringen könnten. Im Zentrum droht ein Krieg zwischen arabischstämmigen Nomaden aus dem Norden und afrikanischen Dinka-Bauern im Süden. Ähnlich explosiv ist die Lage im Osten des Landes, nahe Eritrea.

Selbst im arabisch-islamischen Norden formiert sich Widerstand gegen die Zentrale. Südsudans Präsident Kiir sieht Parallelen zur Vergangenheit: "Die SPLM ist in den Bürgerkrieg gezogen, um gegen die Benachteiligung aus Khartum zu kämpfen – daraus hat Khartum aber nichts gelernt." Die Unterdrückten überall im Sudan hätten offenbar endgültig genug und seien jetzt bereit zum Angriff.

Marc Engelhardt

© Qantara.de 2006

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