Studie öffentlich-rechtlicher Sendungen
Gewalt- und Konfliktbild des Islam bei ARD und ZDF

Gewalt ist im Fernsehen übermäßig präsent - auch die Darstellung des Islam fällt unter diesen Aspekt. Dass dies seine eigene Brisanz hat, belegt eine aktuelle Studie der Uni Erfurt. Sabine Schiffer hat sie gelesen.

Gewalt ist im Fernsehen übermäßig präsent. Auch die Darstellung des Islam lässt sich unter diesem Aspekt zusammenfassen. Dass dies seine eigene Brisanz hat, belegt die aktuelle Studie der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez und Carola Richter. Sabine Schiffer hat die Studie gelesen.

Im Fokus der Berichterstattung: Muslime Organisationen in Deutschland während einer Konferenz in Köln; Foto: dpa
Ständig im Fokus, aber verzerrt in der Wahrnehmung und Darstellung - das Thema Islam und Muslime in den Medien.

​​Beide Autoren untersuchten im Zeitraum vom 1.7.2005 bis zum 31.12.2006 alle Magazinsendungen, Talk-Shows, Dokumentationen und Reportagen von ARD und ZDF, die den Islam thematisierten.

Dabei kamen die Wissenschaftler zu der Feststellung, dass der Kontext, in dem der Islam thematisiert wurde, in über 80 Prozent der Fälle negativ besetzt war, wobei vor allem die Themen Terrorismus und Extremismus mit 23 Prozent dominierten.

Während nur knapp 20 Prozent der Berichte den Alltag von Muslimen oder die Religiosität an sich behandelten, ließ sich das restliche Themenspektrum in Integrationsprobleme, religiöse Intoleranz, Fundamentalismus, Unterdrückung von Frauen und Menschenrechten aufteilen.

Verzerrte Wahrnehmung

Damit wird primär eine Wahrnehmung des Islam als "Problemthema" angeboten, das bereits vorhandene Ressentiments bedient und dazu geeignet ist, Ängste zu schüren und Sicherheitsdebatten zu legitimieren.

Hafez und Richter stellen in diesem Kontext berechtigterweise die Frage, ob die Sendeanstalten damit ihrem öffentlichen Auftrag einer fundierten Informationspflicht wirklich nachkommen oder aber eher polarisierend wirken.

Wie bereits in Hafez' Habilitationsschrift nachgewiesen, verbleibt das Hauptaugenmerk hinsichtlich des Islam auf Auslandsthemen gerichtet. Nun wird man argumentieren können, dass die berichteten Ereignisse den Fakten in der islamischen Welt entsprechen, die sich nicht leugnen lassen. Die Wissenschaftler kritisieren auch nicht deren Nennung, sondern vielmehr die Unterlassung vieler anderer Faktoren.

Abbau von Vorurteilen fördern

Hieraus leitet sich bereits eine der Forderungen der Autoren ab: Mehr thematischer Pluralismus würde die einseitig negative Stereotypisierung verhindern.

Aus den Erkenntnissen, die von bisherigen Arbeiten zur Islamdarstellung in den Medien bestätigt werden – wenn auch einige wichtige Analysen in der bibliographischen Fußnote fehlen – leiten sie weitere Schlussfolgerungen und auch Forderungen ab:

  • Die öffentlich-rechtlichen Sender werden mehrheitlich als glaubwürdiges Vorbildmedium angesehen, womit sie einen großen Einfluss haben und Mitverantwortung dafür tragen, worüber gedacht und geredet wird.
  • Die Kausalanalyse führt zu einer Reduktion auf "den Islam".
  • Es wird eine Beteiligung von Muslimen an den Aufsichtsgremien der Sendeanstalten, unter Wahrung eines Rotationssystems, empfohlen.

    "Framing" begünstigt stereotype Sichtweisen

    Während die Studie in ihrer Kürze und Prägnanz die Schieflage auf den Punkt bringt, wäre es durchaus noch hilfreich gewesen, mit dem so genannten "Framing"–Ansatz von Bertram Scheufele zu argumentieren. Dieser hilft zu klären, wie es zu solchen Fokussierungen kommt, die ein Thema auf Grund seiner stereotypen Darstellung zunehmend brisanter erscheinen lässt.

    Ein einmal geschaffener "Frame" verleitet zum vorschnellen Einordnen vermeintlich passender Fakten in diesen Rahmen. Dadurch bestätigt man lediglich die eigenen Erwartungen und verwechselt schließlich diesen Auswahlmechanismus mit einer Beweisführung. Im Falle der Berichterstattung über den Islam, wird dieser Effekt durch die vermehrte Behandlung des Themas in konkreten Krisensituationen noch begünstigt.

    Um zu zeigen, dass diese einmal geschaffenen, stereotypen Kategorien nicht immer zutreffend sein müssen, hätten die Autoren, zusätzlich zu dem Verweis auf die Gewaltpotenziale anderer Religionen, auch noch die politischen Systeme, die UNO und sogar die Charta der Menschenrechte erwähnen können.

    Mythos "Qualitätsfernsehen"

    Alles in allem räumt die Untersuchung mit einigen Mythen auf: Die öffentlich-rechtlichen Sender beschönigen offensichtlich ihr Programm, wenn mit dem Verweis auf andere Sender von "Qualitätsfernsehen" gesprochen wird.

    Außerdem ist sie geeignet, islamophobe Websites, wie akte-islam.de, politicallyincorrect.de oder buergerbewegungen.de – entgegen ihrem Selbstbild – als Mainstream zu entlarven.

    Für die öffentlich-rechtlichen wie für die privaten TV-Anbieter sind sicherlich noch weitere Untersuchungen wünschenswert – auch etwa in Hinblick auf die Sendezeiten und das damit einhergehende Nutzungsverhalten der Zuschauer.

    Sabine Schiffer

    © Qantara.de 2007

    Qantara.de

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    Die Studie "Gewalt- und Konfliktbild des Islam bei ARD und ZDF" als pdf

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