Studentinnen in Oman

"Wir sind besser!"

Als 1970 in Oman Sultan Qabus an die Macht kam, gab es nur zwei Schulen, jedoch keine für Mädchen. Heute versucht das Land, mit einer Männerquote die Universitäten vor dem Ansturm von Studentinnen zu bewahren. Von Charlotte Wiedemann

Als 1970 in Oman Sultan Qabus an die Macht kam, gab es nur zwei Schulen, jedoch keine für Mädchen. Heute versucht das Land, mit einer Männerquote die Universitäten vor dem Ansturm von Studentinnen zu bewahren. Charlotte Wiedemann berichtet.

Omanische Akademikerinnen in Maskat; Foto: www.ambassadors.net
Würde die Zulassung zur Sultan-Qabus-Universität nur auf Leistungsbasis erfolgen, wäre die Mehrheit der Studenten weiblich

​​Durch den Lesesaal der Männer in der Sultan-Qabus-Universität schwebt leises Geplauder. Die meisten Studenten sitzen in Gruppen, einige lesen Zeitung. Ein paar Schritte weiter der Lesesaal der Frauen: diszipliniertes Schweigen; die Köpfe vergraben zwischen Stapeln von Büchern.

Es gibt diesen kleinen Unterschied, auch andere islamische Länder kennen ihn: Die Mädchen sind bildungsorientiert, fleißig, ehrgeizig, verlassen bereits die Schulen mit durchschnittlich besseren Noten als die Jungen. In Oman ist der Trend so manifest, dass sich die einzige staatliche Universität im Land mit einer Männerquote gegen den weiblichen Ansturm schützt.

Wer die Lehrgebäude auf dem weitläufigen Campus nahe der Hauptstadt Maskat betritt, könnte im ersten Moment denken, es gäbe an der Sultan-Qabus-Universität gar keine Frauen: Das Erdgeschoss unter den Betonarkaden ist der Männerflur.

Jeder Hörsaal hat zwei Eingänge, die Männer kommen von unten, die Frauen kommen von ihrem Flur, aus dem Obergeschoss. Auch in der Sitzordnung wahren die Studentinnen Zurückhaltung, sie überlassen den Männern in der Regel die vorderen Reihen.

Auslese der besten Studentinnen

Würde die Zulassung zur Universität nur nach Leistung entschieden, dann hätten die Studentinnen an vielen Fakultäten längst die Mehrzahl der Plätze besetzt. Eine ausgefeilte Prozedur sorgt dafür, dass sich die 13.000 Studierenden nahezu perfekt zu je 50 Prozent auf die Geschlechter verteilen.

Blick in den Männerkorridor der Sultan-Qabus-Universität; Foto: Charlotte Wiedemann
Blick in den Männerkorridor der Sultan-Qabus-Universität

​​Jede Fakultät entscheidet pro Semester, wie viele Neuzugänge sie verkraften kann; danach legt der Universitätsrat den Numerus Clausus, die Mindestschulnoten für jedes Fach fest. Um die begehrten Studienplätze konkurrieren dann Mädchen gegen Mädchen, Jungen gegen Jungen. Die Folge: Bei den Studentinnen schafft es nur eine Auslese der Besten, während bei den Jungen weitaus Schwächere durchkommen.

Das Sultanat Oman fördert die Frauen, es sieht sich unter den Golfstaaten als Schrittmacher für weibliche Teilhabe. Aber zugleich legt dieser älteste Staat auf der arabischen Halbinsel besonderen Wert darauf, dass traditionelle Sitten durch die Modernisierung nicht ausradiert werden.

Die Geschlechterordnung an der Universität ist das beste Beispiel für diesen schwierigen Balanceakt. Optisch bleiben die Männer das vorherrschende Geschlecht. Auf die Frage, ob sich die Frauen durch die Sitzordnung nicht benachteiligt fühlten, antwortet eine Studentin: "Die Dozenten sprechen doch sowieso immer in den hinteren Teil des Raums. Sie sprechen direkt zu uns!"

Frauen in hohen Ämtern, Männer in einfachen Berufen

Im regionalen Vergleich stehen die Frauen Omans tatsächlich gut da. Nach offiziellen Angaben haben sie ein Drittel der Stellen im öffentlichen Dienst und besetzen zwölf Prozent der staatlichen Führungspositionen. Es gibt vier Ministerinnen und zwei Botschafterinnen, einzelne Frauen sitzen im Vorstand der Handelskammer wie auch im Staatsrat, dessen Mitglieder per Dekret ernannt werden.

Für die Beratende Versammlung (Madschlis al-Schura) genießen sie aktives und passives Wahlrecht; allerdings sind gegenwärtig unter den 83 Abgeordneten nur zwei Frauen. Die Relation ließe sich bald verbessern, in diesem Jahr wird neu gewählt.

Aufgrund ihrer guten Schulbildung sind Frauen in modernen Dienstleistungsberufen gefragt. Männer profitieren hingegen vom staatlichen Programm der Omanisierung, das den Anteil ausländischer Arbeitskräfte schrittweise reduzieren soll. Taxifahrer und Fischer müssen nun zum Beispiel Omanis sein – beides nicht gerade Frauenberufe.

Gleichwohl konkurrieren Männer und Frauen um Posten, auch davon zeugt die Quote an der Sultan-Qabus-Universität: Die staatliche Lehranstalt gilt als Sprungbrett für Karrieren in der Verwaltung.

Die Familie hat das letzte Wort

Ein Teil der weiblichen Absolventen, manche mit glänzendem Examen, zieht sich schließlich doch auf die Rolle von Hausfrau und Mutter zurück. Die omanische Gesellschaft ist sehr familienbezogen. Dass Sultan Qabus bin Said, der allgegenwärtige Regent, Frauen das Recht auf Erwerbstätigkeit zusprach, hat viele Vorbehalte niedergerissen, doch hat die Familie das letzte Wort.

Sultan Qabus; Foto: US Government
Als 1970 Sultan Qabus an die Macht kam, gab es in Oman nur zwei Schulen, aber keine davon war für Mädchen

​​Aber dies kann nichts daran ändern, dass im ganzen Land junge Mädchen nun voller Selbstgewissheit sagen: "Wir sind besser." So oft fällt der Satz, als drücke sich darin die corporate identity der weiblichen Jugend aus. Welch ein Siegeszug der Mädchenbildung!

1970, als Sultan Qabus die Macht übernahm, hatte Oman nur zwei Schulen, keine für Mädchen. Heute kann man auf dem Jebel-Akhdar-Plateau, einer früher isolierten Bergregion, eine Mädchenschule besuchen, wo eine sechste Klasse vor einer Phalanx von Computern sitzt - und auf die Frage, wer an die Uni wolle, schnellen alle Hände nach oben.

Noch weiß niemand, wo all das hinführt; noch kittet weibliche Nachsicht die Risse im Gebälk der Geschlechterordnung. Eine Anwältin, die sich aus konservativem Familienmilieu mit harten Kämpfen nach oben gearbeitet hat, beschreibt die Beziehung zu ihrem Mann so: "Er ist nur ein kleines Licht bei der Armee. Aber ich behandele ihn wie einen König. Wenn ich ihm das Gefühl gäbe, unterlegen zu sein, würde das unser Leben zerstören."

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2007

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