Streit um Gesichtsschleier in Ägypten

Spaltung der Gelehrten

In Ägypten hat der ranghöchste muslimische Geistliche der renommierten Al-Azhar-Moschee das Tragen des Gesichtsschleiers an religiösen Schulen verboten und damit für einen Skandal in der Öffentlichkeit gesorgt. Alfred Hackensberger berichtet.

Großscheich Mohammed Sayed al-Tantawi; Foto: AP
"Das Gesicht einer Frau ist keine Schande!" - Tantawi hatte das Tragen des Niqab genannten Gesichtsschleiers in Teilbereichen der Al-Azhar verboten, da dieser mit dem Islam nichts zu tun habe, so der Großscheich.

​​ Es ist kein Geringerer als der Großscheich der Kairoer Universität und Imam der Al-Azhar-Moschee, der den Stein des Anstoßes lieferte: Mohammed Sayed al-Tantawi, einer der höchsten Rechtsgelehrten des sunnitischen Islam, erklärte den Gesichtsschleier der Frau, der nur einen Sehschlitz frei lässt, als religiös nicht zulässig.

Bei einem Besuch Anfang Oktober in einer der Schulen, die der Al-Azhar-Universität angeschlossen sind, hatte den Theologen der Niqab eines Mädchens verärgert. Der verdutzten Mittelschülerin, die den Schleier ironischerweise nur zu Ehren des hohen Besuchs trug, befahl er, ihn abzunehmen und nicht mehr wieder anzulegen.

"Das sind Traditionen und haben nichts mit Religion zu tun", erklärte er den Schülerinnen. Gleichzeitig versprach Tantawi, den Schleier auf dem Schulgelände zu verbieten.

Wenige Tage später wurden verschleierte Studentinnen nicht mehr in die Wohnheime der Al-Azhar-Universität gelassen. Wer den Niqab nicht ablegte, durfte wieder nach Hause gehen. Der Oberste Rat der theologischen Eliteinstitution des sunnitischen Islam hat "dem Verbot des Schleiers zugestimmt", verlautbarte der Vizevorsitzende des Rates, Mohamed Abdel-Aziz. Das Verbot gilt auch für die Klassenräume der Mädchen.

Betroffen sind das Lehrpersonal sowie die 500.000 Mädchen der insgesamt 1,4 Millionen Schüler und Studenten, die an der Universität und den angeschlossenen Bildungsinstitutionen lernen.

"Herrenbesuche" im Mädchenwohnheim

Die Entscheidung wurde zudem vom Ministerium für höhere Erziehung gebilligt, das es nun auf alle Universitäten im ganzen Land ausweiten will. Ausschlaggebend für diese Maßnahme seien in erster Linie Sicherheitsgründe gewesen, erklärte Minister Hany Halal.

Erst kürzlich habe man 15 junge Männer erwischt, die mit Niqabs getarnt, in die Mädchen-Unterkünfte zu gelangen versuchten. "Ich wohne schon seit Jahren im Wohnheim", versicherte eine Studentin, die unerkannt bleiben wollte, um mögliche Probleme mit der Universitätsleitung zu vermeiden. "Aber ich habe noch nie derartiges mitbekommen."

Studentinnen in Kairo tragen den Niqab; Foto: dpa
Das Verbot kann als Teil der Bemühungen der ägyptischen Regierung gewertet werden, die Ausbreitung von radikalislamistischen Tendenzen einzudämmen.

​​ Ein Sicherheitsrisiko sei durchaus ein Argument, meint US-Autorin Asra Q. Nomani, die zuletzt ein Buch über den Kampf amerikanischer Frauen für die Seele des Islams veröffentlichte. Jedoch geht es dabei nicht um "Herrenbesuche" im Mädchenwohnheim. Von Islamabad bis Bagdad sei der Niqab von militanten Islamisten missbraucht worden, um Polizeikontrollen zu entkommen oder Attentate zu begehen.

Allerdings sei beim Gesichtschleier viel entscheidender, "dass er für eine erschreckende Version des Islams steht, die die wörtliche Auslegung des Korans predigt". Gerade bei nicht eindeutigen Versen, sei das problematisch.

In der Tradition des Wahabismus

"Militante nutzen das aus, um häusliche Gewalt, Intoleranz oder sogar Selbstmordattentate zu rechtfertigen". Mit "erschreckender Version" sind die Denkschulen des Wahabismus und Salafismus gemeint, die in Saudi-Arabien beheimatet sind und ultra-konservative Interpretationen des Islams betreiben.

Deutlich wird das an den zwei Textstellen im Korans (Sure 24, Vers 31 und Sure 33, Vers 59), in denen es um die Verhüllung des weiblichen Körpers geht. Aus keinen der beiden Suren lassen sich zweifelsfrei Vorschriften ablesen, die der Frau das Tragen des Kopftuchs gebieten oder die Körperteile genau definieren, die verschleiert werden müssen.

Es werden zwar Kleidungsstücke genannt, wie "dschilbab" und "khimar", aber es bleibt im Unklaren, welche Form, Farbe oder Funktion sie zur Zeit des Propheten hatten. In einer von Saudi-Arabien in Auftrag gegebenen deutschen Übersetzung des Korans spielt das keine Rolle: Aus "khimar" macht man einfach Kopftücher. Man muss eben nur wissen, was der richtige Koran ist.

Mann liest den Koran; Foto: dpa
Fremder Brauch: Nach Ansicht vieler Gelehrter ist der Gesichtsschleier laut Koran nicht vorgeschrieben, sondern lediglich eine Sitte, die auf Stammesbräuche vorislamischer Zeit zurückgeht.

​​ "Dieses wahabitische und salafistische Gedankengut kam in den 70er Jahren nach Ägypten", meint Hala Mustafa, Chefredakteur bei Al Ahram Media in Kairo. "Und in den letzten drei Jahrzehnten hat das zugenommen". Sichtbar auf den Strassen der Hauptstadt, mit zunehmend mehr Frauen, die sich von Kopf bis Fuß verhüllen.

"Heute wird über salafistische Satellitenprogramme verbreitet, dass der Niqab eine Obligation ist", erklärt Salem Abdel Gelil, vom ägyptischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten.

Die Regierung des Nillandes ist über den ultra-konservativen Trend alles andere als erfreut. Das Verbot des Niqabs in den Universitäten ist nur ein Schritt von mehreren Gegenmaßnahmen. Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten druckt Broschüren, in denen der Niqab als unislamisch bezeichnet wird. Das Gesundheitsministerium will das Tragen des Gesichtsschleiers bei Ärzten und Krankenschwestern verbieten.

Brauchtum aus vorislamischer Zeit

Den weiblichen Schleier gab es bereits bei sumerischen Tempelpriesterinnen 5.000 v. Chr. Assyrische Könige führten 1.300 Jahre v. Chr. den Schleier für verheiratete und wohlhabende Frauen ein. Ganz ähnlich bei den Byzantinern (4. bis 5. Jahrhundert n. Chr.), den Sassaniden (ca. 224-652 n. Chr.), im antiken Griechenland und im alten Rom, wo die Verhüllung ein Privileg der erlesenen Gesellschaft war.

Der Großscheich der Al-Azhar-Universität, Mohammed Sayed al-Tantawi, hat also ganz Recht, wenn er den Niqab als Tradition aus vorislamischer Zeit beschreibt. Mehr Freunde macht sich der als eigenwillig bekannte Theologe damit aber nicht.

Großscheich Tantawi; Foto: AP
Großscheich Tantawi berief sich bei seiner Verbotsentscheidung auf ein Verfassungsurteil von 1996, wonach Vertreter des Bildungswesens über die muslimische Kleiderordnung an Schulen bestimmen dürfen.

​​ Er stand schon mehrfach im Kreuzfeuer der Kritik, weil er Frankreichs Verbot des Hidschabs befürwortete, dem israelischen Präsidenten Shimon Peres die Hand gab und vergewaltigten Frauen eine Abtreibung zugestand. "Eine Verletzung der Konstitution, die die öffentliche Freiheit garantiert", nannte der konservative ägyptische Kleriker Youseff al-Badri das Verbot des Niqabs.

Ganz ähnlich sieht es der Großmufti von Dubai, der von einer "Einschränkung der Freiheit der Frauen" sprach, von einer "völligen Missachtung ihres Glaubens, ihrer Kultur und ihrer Traditionen".

Der saudische Scheich Mohammed al-Nojaimi vom Institut für islamische Rechtwissenschaft warnte vor einer möglichen Spaltung der ägyptischen Gesellschaft in zwei Lager, für oder gegen den Niqab. Gleichzeitig widersprach er seinem ägyptischen Kollegen Tantawi, dass es keine Beziehungen zum Islam gäbe: "Der Niqab ist in den Berichten über die Überlieferungen des Propheten erwähnt."

Dort hieße es, dass die Frau den Gesichtschleier nur während der Zeit der Wallfahrt nach Mekka nicht tragen solle. "Das beweist doch, dass sie ihn außerhalb dieser Zeit getragen hat."

Neue Ratlosigkeit

Für gläubige Musliminen, die den Schleier aus Überzeugung tragen, kommt das ägyptische Verbot des Niqabs, selbst wenn es sich nur auf Universitäten beschränkt, einer Niederlage gleich. Man war daran gewöhnt, dass in westlichen Ländern gegen das Kopftuch oder den Schleier vorgegangen wird. Vielleicht auch noch in den wenigen säkularen Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, wie in der Türkei oder Tunesien.

Nun aber wird der Schleier, den man sooft gegen Kritiker verteidigen musste, aus den eigenen Reihen für unislamisch erklärt und das obendrein auch noch von einem der höchsten sunnitischen Rechtsgelehrten. Das Resultat ist Ratlosigkeit.

"Was sollen wir tun?", fragt Sadaf Farooqi in der Tageszeitung Saudi-Gazette. "Wirklich beunruhigend ist der Verbreitungseffekt auf einer globalen Ebene", schreibt die Kolumnistin, die im pakistanischen Karachi wohnt. "Innerhalb von nur wenigen Tagen nach den Äußerungen von Mohammed Sayed al-Tantawi fordern alle möglichen Gruppen von Italien bis Kanada das Verbot des Niqabs."

Darunter auch "diese selbst ernannten progressiven Musliminnen", wie Farooqi schreibt. Natürlich fühlen sich diese feministischen Musliminnen nun bestätigt, hatten sie doch den Schleier schon lange als antiquierte Tradition bezeichnet, die nicht zum Islam gehört. "Es ist an der Zeit den Gesichtsschleier weltweit zu verbieten", fordert nun die US-Autorin Asra Q. Nomani: "Er ist Ausdruck eines Islams, der verschwinden muss."

Für Sadaf Farooqi, die stolz ihren Niqab trägt, ist so etwas kaum nachzuvollziehen. Die Journalistin dankt Gott, dass sie in ihrem Heimatland mit dem Schleier das Haus verlassen, Bildungseinrichtungen besuchen und auf der Strasse spazieren gehen kann, ohne Angst haben zu müssen, angepöbelt zu werden. "Ein Luxus, den unsere Muslim-Schwestern in Großbritannien, Frankreich und in Kanada nicht haben."

Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2009

Qantara.de

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