Nahost-Experte Stephan Roll ist Leiter der Forschungsgruppe Naher/ Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik. Foto: SWP
Streit um Gasvorkommen im Mittelmeer

"Dieser Konflikt ist viel, viel größer"

Der Streit zwischen der Türkei und Griechenland um Mittelmeer-Gebiete verschärft sich wieder. Involviert ist auch Ägypten - dadurch bekommt der Konflikt eine größere Dimension, erläutert Nahost-Experte Stephan Roll im Gespräch mit Panagiotis Kouparanis.

Griechenland und die Türkei haben erneut ihre Flotten mobilisiert, der Konflikt zwischen den beiden NATO-Staaten spitzt sich damit wie bereits vor wenigen Wochen erneut zu. Athen empfindet es als Provokation, dass Ankara erneut ein Forschungsschiff entsandt hat, um das Seegebiet südlich der griechischen Insel Kasteloriso zu erforschen.

Es geht um mehr als Erdgasvorkommen

Dieses und weitere Gebiete südlich anderer griechischer Inseln beansprucht Athen als sogenannte "Ausschließliche Wirtschaftszone" für sich. Erst in der vergangenen Woche unterzeichnete Griechenland ein Abkommen mit Ägypten, in dem beide Länder ihre jeweiligen Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer festlegen.

Diese Vereinbarung wiederum bezeichnet die türkische Regierung als "Piraten-Abkommen" und nahm es zum Anlass ihre seismischen Untersuchungen wieder aufzunehmen, die sie nach Vermittlung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der EU eingestellt hatte.

Bei dem Konflikt gehe es jedoch um mehr als um Erdgasvorkommen und Wirtschaftszonen, betonte Nahostexperte Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sondern auch um einen grundsätzlicheren Konflikt zwischen der Türkei und Ägypten - der unter anderem auch im Bürgerkriegsland Libyen ausgetragen werde.

Fast 15 Jahre lang haben Griechenland und Ägypten über die Aufteilung der jeweiligen Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) verhandelt, jetzt ging es auf einmal sehr schnell. Letzten Donnerstag haben die Außenminister beider Staaten in Kairo ein Abkommen unterschrieben. Weshalb die Eile?

Stephan Roll: Das Abkommen, das jetzt unterschrieben wurde, steht in direktem Zusammenhang mit dem AWZ-Abkommen, das die Türkei und Libyen im November 2019 unterschrieben haben. Griechenland und Ägypten sahen darin eine massive Verletzung ihrer Interessen. Ich weiß nicht, inwieweit Athen und Kairo das Abkommen perfekt ausgehandelt haben. Letztlich ging es aber darum, die Türkei in die Schranken zu weisen.

In der Tat ist das griechisch-ägyptische Abkommen nur ein Teilabkommen. Die vereinbarte Aufteilung der AWZ berücksichtigt noch nicht die Seegebiete östlich der griechischen Insel Rhodos bis zur östlichsten griechischen Insel Kastelorizo. Diese Verhandlungen dauern noch an. Worauf ist das zurückzuführen?

Roll: Es kam vor allem darauf an, sehr, sehr schnell ein Signal Richtung Ankara zu schicken, dass man es nicht hinnimmt, wenn die Türkei die Seegrenzen neu setzt. Das könnte auch erklären, warum man jetzt das Abkommen unterschrieben hat und man Details noch weiter verhandeln will.

Abkommen zur Aufteilung der Wirtschaftszonen im Mittelmeer. (Infografik: DW)
Abkommen zur Aufteilung der Wirtschaftszonen im Mittelmeer. Die beanspruchten Wirtschaftszonen überlappen sich zum Teil.

 

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