Eine junge Studentin hält ihren deutschen und türkischen Pass hoch.
Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft

Warum der Wahlzwang der Integration schadet

Der Kampf gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein Anrennen gegen die deutsche Realität. Gewiss: Wer neu eingebürgert wird, muss sich entscheiden - aber doch nicht dafür, ob er sich nun ein wenig mehr türkisch oder ein wenig mehr deutsch fühlt. Heribert Prantl kommentiert.

Niemand kann zwei Herren dienen. Der Satz steht in der Bibel, und eiserne Gegner der doppelten Staatsbürgerschaft in der CDU/CSU berufen sich gern darauf. Ein gutes Argument ist das nicht, denn erstens ist der Bürger in einem demokratischen Staat kein Diener. Und zweitens weiß jeder, dass es einen nicht zerreißt, wenn man zwei Arbeitsstellen und zwei Chefs hat.

Die zitierte Stelle meint auch etwas anderes: Man könne nicht zugleich Gott und dem Mammon dienen. Es handelt sich um eine Predigt wider den Geiz. Umso unverständlicher ist es, wenn die Konservativen in der Union, wie jetzt wieder in den Koalitionsverhandlungen, mit der Staatsbürgerschaft geizen und immer noch so tun, als seien zwei Staatsbürgerschaften grundsätzlich von Übel.

Beim Widerstand gegen die doppelte Staatsbürgerschaft handelt es sich um das wohl letzte Gefecht eines Kampfes, der jahrzehntelang unter dem Motto "Deutschland ist kein Einwanderungsland" geführt wurde. Es war dies ein Anrennen wider den Augenschein, weil der Alltag jedem in Deutschland zeigt, dass er in einer Einwanderungsgesellschaft lebt. Die Anerkennung einer doppelten Staatsbürgerschaft ist auch Anerkennung dieses Faktums.

Das obskure Optionsmodell von 1999

Koalitionsverhandlungen; Foto:Reuters
Union und SPD verhandeln Themen ihrer künftigen Regierung. Die Meinungen scheiden sich in Sachen Doppelpass. Die SPD will das Optionsmodell endgültig abschaffen und eine doppelte Staatsbürgerschaft gesetzlich regulieren.

Die doppelte Staatsbürgerschaft verlangt vom Bürger, der in zwei Kulturen zu Hause ist, nicht mehr, sich zu zerreißen. Sie nimmt den Bürger so, wie er ist: mit seiner Geschichte, mit seiner Tradition, mit seinen Wurzeln und mit der Identität, die sich daraus ergibt. Gewiss: Ein neuer Bürger muss sich entscheiden - aber doch nicht dafür, ob er sich nun ein wenig mehr türkisch oder ein wenig mehr deutsch fühlt. Er muss sich entscheiden für Demokratie, Rechtsstaat und die Grundwerte der Verfassung. Die Doppelstaatsbürgerschaft kann dabei helfen.

EU-Bürger, Spätaussiedler und die Kinder aus binationalen Ehen leben gut in Deutschland mit der doppelten Staatsbürgerschaft; warum sollten dann nicht auch Deutsch-Türken gut damit leben? Man kann nicht nach Herkunft darüber entscheiden, ob ein Mensch zwei Pässe haben darf oder nur einen.

Die Reform von 1999 hat das obskure Optionsmodell eingeführt: In Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern erhalten zwar zunächst zwei Staatsbürgerschaften, müssen sich aber bis zum 23. Lebensjahr für die deutsche oder die Staatsbürgerschaft der Eltern entscheiden.

Das war schon damals, 1999, nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern ein rot-grüner Notbehelf, um (nach der Totalopposition der Union, die im hessischen Landtagswahlkampf Erfolge feierte) eine Mehrheit wenigstens für eine kleine Reform zusammenzukratzen. Es hat sich seitdem herausgestellt, was damals zu erwarten war: Das Optionsmodell schadet der Integration und führt zu rechtlichen Unsicherheiten.

Der "Sachverständigenrat für Integration" hat nun einen Vorschlag gemacht, den die Union, wenn sie klug ist, akzeptiert: Die Doppelstaatsbürgerschaft soll den Übergangsgenerationen gewährt werden. Das wäre ein weiser Kompromiss. Gegen Weisheit sollte Angela Merkel nichts haben.

Heribert Prantl

© Süddeutsche Zeitung 2013

Prof. Dr. Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" und Leiter der Redaktion Innenpolitik.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Warum der Wahlzwang der Integration schadet

Die doppelte Staatsbürgerschaft ist unbedingt einzuführen, für alle die sie wollen und letztendlich auch brauchen. Habe selber als Deutsche mit meinem türkischen Mann in der Türkei gelebt. Ohne doppelte Staatsbürgerschaft ist es fast unmöglich sich abzusichern. Man kann Grundstücke und Autos schwer kaufen und sich selbst schlecht absichern. Als Mitverdienende im eigenen Geschäft steht man nach einer Scheidung z.B. dumm da, weil man z.B. auf Grundstücke automatisch kein Anrecht hat. Ich wollte als Deutsche meinen Pass nicht abgeben (automatisch wäre ich sonst bei der Eheschliessung zur Türkin geworden), da man als Deutscher mehr Reisefreiheit hat. Wer möchte solche Vorzüge freiwillig abgeben? Das Gleiche gilt sicher auch für Ausländer, die hier in Deutschland wohnen. Geben wir ihnen diese Vorteile - als Ausländer hat man trotzdem noch so viele Nachteile.
Das wünscht sich
Ilse Altintas

Ilse Altintas14.11.2013 | 20:59 Uhr