Sterbebegleitung für Migranten

Lebensende fern der Heimat

Mehr als 21 Millionen Deutsche haben einen Migrationshintergrund. Hinzu kommen 1,8 Millionen Geflüchtete. Oftmals sind sie von den Traditionen ihrer Ursprungsländer geprägt. Das zeigt sich auch in der Sterbebegleitung. Von Christoph Strack

Der bislang letzte Patient, den Hussam Khoder begleitete, rührt ihn noch heute. Nach Monaten. Der ehrenamtliche Hospizbegleiter schildert den Fall des kaum siebenjährigen Jungen N. 2019 kam der Vater mit seinem schwerkranken Sohn N. aus dem Irak nach Deutschland, über das Meer, auf langen Wegen. Der Vater war gezielt nach Deutschland geflohen. Hier, hoffte er, würde man seinem krebskranken Sohn vielleicht retten können. 

Als N. schließlich in der Berliner Klinik lag, riefen die Ärzte beim Ambulanten Lazarus Hospizdienst an. Schon, weil es an sprachlicher Verständigung fehlte, brauchte er Hilfe. "Der Vater hat seinen Jungen auf dem Rücken nach Deutschland getragen. N. war schon zu schwach. Eine Horrorgeschichte", erzählt Hospizbegleiter Khoder.

Der 48-Jährige Berliner, als Kind palästinensischer Eltern im Libanon geboren und als Zweijähriger nach Deutschland gekommen, engagiert sich seit sieben Jahren beim Ambulanten Lazarus Hospizdienst in der deutschen Hauptstadt. Khoder weiß, was es bedeutet, wenn Menschen die letzte Etappe ihres Lebens beschreiten; wie sie begleitet werden wollen.

Als es ans Sterben ging

Der ehrenamtliche Helfer dolmetschte bei Ärzten und Pflegern, half bei einem Hospizplatz für den Jungen, las beiden in Arabisch aus dem Koran vor. "Anfangs konnte man noch mit dem Jungen reden, etwas spielen", erinnert sich Khoder, der selbst zwei Kinder hat. "Irgendwann war ich mehr der Begleiter des Vaters als von N. Das Kind war oft schon abwesend." Auch die Chemotherapie half nicht.

In der letzten Lebensphase des Kindes, als es ans Sterben ging, sorgte Khoder mit dem Team des Dienstes dafür, dass die Mutter aus dem Nordirak einreisen durfte. Sie konnte ihn während seiner letzten Wochen begleiten. Im März reiste sie heim, ihr Sohn im Sarg ebenfalls an Bord des Flugzeugs. "Am Ende haben wir uns gegenseitig getröstet", sagt der Helfer. Dann erzählt er, dass verstorbene Kinder für gläubige Muslime Engel seien, "die das Beste erwartet bei Gott".

Der Berliner Hussam Khoder ist ehrenamtlicher Sterbebegleiter; Foto: privat
Ehrenamtlicher Sterbebegleiter Hussam Khoder: Der 48-Jährige Berliner, als Kind palästinensischer Eltern im Libanon geboren und als Zweijähriger nach Deutschland gekommen, engagiert sich seit sieben Jahren beim Ambulanten Lazarus Hospizdienst in der deutschen Hauptstadt. Er weiß, was es bedeutet, wenn Menschen die letzte Etappe ihres Lebens beschreiten; wie sie begleitet werden wollen.

Khoder ist Medizinisch-Technischer Laborassistent. Fragt man, wie er zur Hospizarbeit und zum Ambulanten Lazarus Hospizdienst kam, erzählt er von einem Zettel, der 2013 in seiner  - wie er sagt - "eher liberalen Moschee" am Schwarzen Brett hing. Er sprach mit dem Imam darüber. "Der Islam", sagt er, "wertet die Bereitschaft zur Hilfe für Kranke sehr hoch. Das hat mich angesprochen."

Der Zettel war vom Ambulanten Lazarus Hospizdienst. Khoder meldete sich dort und begann eine Ausbildung zum Sterbebegleiter. Viele hat er schon begleitet, längst nicht nur Kranke aus dem arabischen Kulturkreis. Seine erste Begleitung, acht Monate lang, galt einem deutschen Mann. Acht Monate, in denen der Mann kaum mehr anderen Besuch hatte.

Viele Sprachen, viele Biographien

Beim Ambulanten Lazarus Hospizdienst kümmert sich Elizabeth Schmidt-Pabst um ehrenamtliche Kräfte wie Khoder. Die Amerikanerin, ausgebildete Krankenschwester, lebt seit über 20 Jahren in Berlin. Sie koordiniert und begleitet. Und wenn sie vom Projekt "Am Lebensende fern der Heimat" erzählt, wird deutlicher, wer alles "kultursensible Sterbebegleitung" benötigt: Flüchtlinge wie der junge N., Vietnamesen, die schon lange in der Stadt leben, Roma, die in einer Obdachlosen-Einrichtung wohnen, einsame alte Migranten in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Und so sprechen viele Mitarbeitende des Hospizdienstes nicht nur Deutsch, sondern auch Arabisch oder Türkisch, Englisch oder Polnisch.

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