Ein Kniff, mit dem es ihm gelingt, die Mehrheit der Leserinnen und Leser dort abzuholen, wo sie stehen, um ihnen sofort ein kritisches Hinterfragen der eigenen Perspektive nahezulegen: Das Grundwerkzeug als Voraussetzung zum Umgang mit nichtwestlicher Literatur generell.

Auf 430 Seiten flaniert Weidner durch Bücher und Biografien, durch Geschichte und Geschichten. Der hierzulande marginalisierten Lyrik räumt er viel Raum ein, ist sie doch noch immer die wichtigste literarische Kunstform in den Ländern jenseits des Westens – erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich dort langsam die Erzählprosa, nachdem Dichterinnen und Dichter Europa bereist hatten.

Und auch den Schwierigkeiten der Übersetzung widmet er sich und gibt dabei zugleich einen Einblick in die immer wieder für Verwirrung sorgenden Auslegungsfragen des Korans, die innerhalb der islamischen Welt, auch wenn es im "Westen" manch einer kaum glauben mag, ständiger Anlass kontroverser Debatten längst nicht nur in Theologenkreisen sind.

Der Islamwissenschafter und Autor Stefan Weidner; Foto: Stefan Weidner
Auf 430 Seiten flaniert Weidner durch Bücher und Biografien, durch Geschichte und Geschichten. Der hierzulande marginalisierten Lyrik räumt er viel Raum ein, ist sie doch noch immer die wichtigste literarische Kunstform in den Ländern jenseits des Westens – erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich dort langsam die Erzählprosa, nachdem Dichterinnen und Dichter Europa bereist hatten.

Eingebunden in soziokulturelle und politisch-historische Kontexte

Apropos Übersetzung: Mit seiner eigenen Übertragung der Verse des andalusischen Dichters Ibn Arabi darf man Weidner in der Tradition von Hammer-Purgstall und Rückert sehen – er ist einer, der Literatur vermitteln will, gegen alle Widerstände.

Und das gelingt ihm mit "1001 Buch" immer wieder. Egal ob in kurzen Rezensionen oder ausführlichen Betrachtungen macht er Lust auf Bücher und nimmt ihnen den Anschein des Fremden, zeigt auf, welch interessante und lesenswerte Welten sich eröffnen können, wenn man weiter schaut "als bis zum Zaune". Das Große Ganze verliert er dabei nicht aus dem Blick, flicht Anekdoten und persönliche Begegnungen mit Autoren ein, stellt ihr Werk in soziokulturelle und politisch-historische Kontexte.

Umfassend ist das Werk allerdings nicht, kann und will es gar nicht sein. Etwa drei Viertel des Buches befassen sich mit Weidners Kerngebiet, der arabischen Literatur, die persische und die türkische Literatur werden wesentlich kürzer behandelt, und gerade hier tun sich einige Lücken auf. Während beispielsweise Yaşar Kemal nur recht oberflächlich behandelt wird, kommt ein Gigant wie Oğuz Atay mit seinem Jahrhundertroman "Die Haltlosen" gar nicht vor; während der Teheraner Autor Amir Hassan Cheheltan viele Seiten füllt, vermisst man doch eine herausragende Autorin wie die ebenfalls in Teheran lebende Fariba Vafi.

Doch man ist geneigt, ihm diese Lücken zu verzeihen, regt er doch ausdrücklich auch dazu an, sich selbst – nun gut gerüstet – auf Spurensuche zu begeben. Und so ist "1001 Buch" nicht nur ein optimaler Einstieg für all jene, die sich neue literarische Welten erschließen möchten, sondern auch eine Fundgrube für jene, die mit den "Literaturen des Orients" bereits vertraut sind – gerade was die Hinweise auf Publikationen in Klein- und Kleinstverlagen betrifft.

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2019

Stefan Weidner: 1001 Buch –  Die Literaturen des Orients, Edition Converso 2019, 430 Seiten, ISBN: 978-3-9819763-3-5

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