Stärkung des türkischen Geheimdienstes

Auf dem Weg zum Überwachungsstaat?

Neue Befugnisse für den türkischen Geheimdienst MIT haben die Sorge vor einem weiteren Machtzuwachs für Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan weiter geschürt. Kritiker befürchten die Entstehung eines Überwachungsstaates. Informationen von Senada Sokollu aus Istanbul

Nach dem klaren Wahlsieg bei den Kommunalwahlen Ende März 2014 will die türkische Regierung nun ein neues innenpolitisches Thema in Angriff nehmen: Die Reform der Stellung des türkischen Geheimdienstes MIT innerhalb des Staatsapparates. Hierzu hatte die AKP-Regierung bereits Mitte Februar einen Gesetzesentwurf ins Parlament eingebracht. Kritikern zufolge soll die Reform die Macht des Geheimdienstes vergrößern und ihm mehr Unabhängigkeit von der Justiz verschaffen. Sie sehen darin eine Gefährdung des Prinzips der Gewaltenteilung. Laut Informationen der türkischen Zeitung "Hürriyet" habe der türkische Präsident Abdullah Gül die Regierung bereits dazu aufgefordert, den Gesetzesentwurf zu überarbeiten. Geht es nach dem Willen der AKP soll das Gesetz Ende Juni vom Parlament verabschiedet werden.

Die türkische Regierung ist seit dem 17. Dezember in einen schweren Korruptionsskandal verwickelt. In den letzten Wochen geriet dann auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan immer mehr in den Mittelpunkt der Kritik. "Der Gesetzesentwurf ist ein erneuter Versuch der Regierung, gegen die Korruptionsvorwürfe vorzugehen", meint Engin Altay, Abgeordneter der größten Oppositionspartei CHP. Die "Partei der Nationalistischen Bewegung" (MHP) bezeichnete den Gesetzesentwurf als "Skandal" und geht sogar so weit, der AKP-Regierung zu unterstellen, die Türkei in einen "Mukhabarat"-Staat nach arabischem Muster verwandeln zu wollen. Ein Staat also, in dem allein der Sicherheitsapparat der Regierung das Sagen hat.

Lami Bertan Tokuzlu (photo: private)
Freie Hand für Überwachung und konspirative Aktionen: Der Gesetzentwurf in der jetzigen Form werde dem türkischen Geheimdienst mehr Unabhängigkeit von der Justiz verschaffen, befürchtet der Verfassungsrechtler Lami Bertan Tokuzlu.

Auch die kurdennahe "Demokratische Partei der Völker" (HDP) spart nicht mit Kritik und beißender Ironie: "Da wir nun schon wissen, dass der Premier die Position des Bürgermeisters, des Justizministers und des Oberstaatsanwalts eingenommen hat, ist es nachvollziehbar, dass er auch Chef des Geheimdienstes sein möchte. Das Gesetz wird ganz sicher danach ausgerichtet sein", sagte der HDP-Vorsitzende Ertugrul Kürkcü in einem Interview mit der auflagestarken Tageszeitung "Hürriyet".

Die Allmacht des Geheimdienstes

Der Gesetzesentwurf in der jetzigen Form werde dem türkischen Geheimdienst mehr Unabhängigkeit von der Justiz verschaffen, glaubt der Verfassungsrechtler Lami Bertan Tokuzlu. "Wenn sich eine Klage gegen die Arbeit des Geheimdienstes richtet, dann muss zuerst der Geheimdienst konsultiert werden. Wenn der Geheimdienst entscheidet, dass die Klage mit seinem eigenen Zuständigkeitsbereich kollidiert, dann wird es keine Strafverfolgung geben. Damit kann die Arbeit des Geheimdienstes vor Gericht nicht mehr in Frage gestellt werden. Das ist sehr besorgniserregend", so Tokuzlu.

Ismet Akca (photo: private)
Wenn die Macht des Geheimdienstes erhöht wird, festigt dies gleichzeitig auch die Macht des Premiers, da der Geheimdienst direkt dem Premier untersteht, meint der Politikwissenschaftler Ismet Akca von der Yildiz Universität Istanbul.

Ein anderer kritischer Punkt des Gesetzesentwurfs sei der vorgesehene Zugang zu geheimen Daten und Informationen durch den Geheimdienst, sagt er. Der neue Entwurf erlaube dem Geheimdienst jeglichen Zugriff auf private Daten und Bankinformationen. Dieser Punkt widerspreche dem Artikel 20 der türkischen Verfassung, der das Recht auf Privatsphäre regele, erklärt der Verfassungsrechtler. Natürlich sei der Zugang des Geheimdienstes zu bestimmten Informationen notwendig, wenn es der Sicherheit diene, so Tokuzlu. "Doch laut dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte muss das Gesetz auch Regelungen beinhalten, die den Missbrauch der Daten bekämpfen. Doch in diesem Fall gibt es diese Regelungen nicht. Der Geheimdienst bekommt dadurch fast uneingeschränkte Macht", so Tokuzlu.

Bisher habe die Polizei und der Geheimdienst eine Erlaubnis der Staatsanwaltschaft benötigt, wenn es um das Sammeln von Informationen ging. "Laut türkischen Medien habe der Geheimdienst solche Informationen zwar bereits in der Vergangenheit gesammelt. Doch das hat er illegal getan. Jetzt bekommt er eine gesetzliche Grundlage für sein Handeln. Das ist nicht akzeptabel", so Tokuzlu.

Auch Ümit Özdag zeigt sich besorgt. Der Politikwissenschaftler unterrichtete viele Jahre an der türkischen Kriegsschule, der Polizeiakademie und an der Akademie für Nationale Sicherheit, in der Geheimdienstagenten ausgebildet werden. "Hinter diesem neuen Gesetz steht der Versuch, den Geheimdienst der Kontrolle durch die Justiz zu entziehen. Dieses Gesetz ist ein weiterer Versuch der Regierung, Gesetzgebung und Justiz stärker zu kontrollieren", so Özdag. Er erwartet, dass Teile des Gesetzes vom Verfassungsgericht gestrichen werden. In demokratischen Staatssystemen, zu denen sich die Türkei selbst zähle, stünden die Geheimdienste nicht über dem Gesetz, sagt der Politikwissenschaftler.

Medien unter Beobachtung

Als weiteren kritischen Punkt sieht Özdag das künftige Verhältnis zwischen der Presse und dem Geheimdienst. Dem ersten Gesetzentwurf zufolge drohten Journalisten bis zu zwölf Jahre Haft, wenn sie geheime Dokumente des Geheimdienstes veröffentlichen. Im aktuellen Gesetzestext wurde die Strafe auf neun Jahre herabgesetzt. "Nicht nur die Journalisten, sondern auch die Besitzer von Medienhäusern würden durch das neue Gesetz vor Gericht gestellt werden. Das zeigt doch ganz klar, wie die Pressefreiheit eingeschränkt wird. Nicht nur Journalisten, sondern ganze Medienhäuser werden bedroht", so Özdag.

Auch die externen Aufgabenbereiche würden durch das Gesetz erweitert, so Tokuzlu. "Es wird eine legale Grundlage geschaffen, durch die der Geheimdienst nun ganz offiziell mit der kurdischen PKK verhandeln darf", sagt er. Die Regierung versuche hier sehr deutlich die Verantwortung für den Friedensprozess weit von sich zu schieben, so der Politikwissenschaftler Ismet Akca von der Technischen Yildiz Universität in Istanbul. "Die Regierung sollte eigentlich die Verhandlungen mit der kurdischen PKK führen, da es ein politisches Thema ist. Doch wenn die Regierung bestimmte Handlungen nicht öffentlich preisgeben will, dann schiebt sie, wie in diesem Fall, den Geheimdienst vor", so Akca.

Members of parliament from the ruling AKP and the CHP involved in a scuffle during a debate on a justice bill, 15 February 2014 (photo: Reuters)
Zank um umstrittene Justizreform: Nach einer turbulenten Marathondebatte verabschiedete das Parlament in Ankara Mitte Februar ein umstrittenes Gesetz, das dem Justizministerium mehr Einfluss auf die Ernennung von Richtern und Staatsanwälten gibt. Während der Parlamentsdebatte gab es wiederholt Handgreiflichkeiten zwischen Abgeordneten von Regierung und Opposition.

Die türkische Regierung misstraue momentan dem Polizeiapparat und der Justiz, so Akca. "Bevor die AKP regierte, stand das Militär im Zentrum der Macht. Die AKP-Regierung kämpfte ständig dagegen an. Gemeinsam mit Erdogans altem Verbündeten Fethullah Gülen, wurden dann Justizbehörden und Polizei zum neuen Zentrum der Macht. Doch es stellte sich heraus, dass die Gülen-Bewegung innerhalb der Polizei und Justiz immer mächtiger wurde und sich zu Erdogans Rivalen entwickelte, erklärt Akca.

Nun formiere Erdogan einen neuen türkischen Staat, in dem der Geheimdienst im Mittelpunkt stehen soll. "Es ist eine Machtverschiebung innerhalb des Staatsapparats, durch die der Premier mehr Kontrolle gewinnt. Das ist der Hauptgrund für diesen Gesetzesentwurf", so Akca. Wenn die Macht des Geheimdienstes erhöht werde, werde gleichzeitig auch die Macht des Premiers erhöht, da der Geheimdienst direkt dem Premier unterstehe, sagt Politikwissenschaftler Ismet Akca.

Die AKP-Regierung strukturiere den türkischen Sicherheitsapparat mit Hilfe eines anti-demokratischen und parteizentrierten Ansatzes um, betont auch Özdag. "In der Türkei hat die Justiz immer die Möglichkeit gehabt, die Exekutive zu kontrollieren. Doch seit drei Monaten können wir durchaus sagen, dass es in der Türkei so etwas wie einen Rechtsstaat nicht mehr gibt", meint Ümit Özdag. Ganz im Gegenteil: Der Geist eines Überwachungsstaates sei entstanden, so der Experte.

Senada Sokollu

© Deutsche Welle 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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