Normalerweise einigen sich die Bewohner eines Viertels mit den Bauunternehmern darauf, dass diese ihre niedriger gebauten Wohnhäuser abreißen. Dann werden sie von den Firmen entweder finanziell entschädigt, oder sie bekommen kleinere Unterkünfte in den Hochhäusern angeboten, die dort statt der alten Häuser entstehen. Doch häufig wollen die Baufirmen nicht mit jedem Eigentümer einzeln verhandeln, also delegieren sie diese Arbeit an "Mittelsmänner", die den Besitzern häufig weniger als den tatsächlichen Gebäudewert bieten und die Gebäude dann mit Gewinn an die Konzerne weiterverkaufen.

Sabır Karakoçoğlu von Fikirtepem Derneği sagt, die Regierung sei trotz der Größe des Gebiets nie in den städtischen Erneuerungsprozess desolater Wohnviertel einbezogen worden: "Viele Bewohner träumten davon, reich zu werden, und akzeptierten die Bedingungen. Aber sie haben ihre Rechte nie durchgesetzt und stritten sich sogar mit Nachbarn, die sich weigerten, die Wünsche dieser Mittelsmänner zu erfüllen. Und heute können es sich diese Menschen nicht leisten, in den Hochhäusern zu wohnen, da die Nebenkosten dort bei 1.000 türkischen Lira pro Monat liegen. Und jene, die verkaufen wollen, finden keine Käufer", erklärt sie.

Der Wandel der Gesellschaftsstruktur

Fikirtepe war einst eine Arbeitersiedlung, die mit dem Ruf kämpfte, eine raue Gegend zu sein. Immobilienentwickler versprachen, das Viertel in ein "Manhattan Istanbuls" zu verwandeln, doch dabei ignorierten sie völlig seinen ursprünglichen Charakter und das kollektive Gedächtnis der ansässigen Bevölkerung.

Abriss alter Wohnviertel in Istanbul; Foto: Hüseyin Narin
Gentrifizierungswahn und Profitgier vor dem Recht auf Wohnen: Berichte der Kammer bestätigen, dass die aktuellen Stadtentwicklungspläne fast nie als Reaktion auf drohende Erdbeben oder mangelhafte Bausubstanz erstellt werden, sondern vielmehr ausschließlich die Nachfrage auf dem hochspekulativen Immobilienmarkt anheizen, schreibt Karabat.

Viele Bewohner wurden aus Fikirtepe vertrieben, weil sie ihre Häuser nicht mehr finanzieren konnten, und dann zogen wohlhabendere Menschen nach. Ayhan Erdoğan glaubt, der Staat müsse einspringen und notleidenden Bewohnern dabei helfen, ihre Miete zu zahlen.

Vor diesem Hintergrund muss betont werden, dass 2019 etwa zehn Prozent aller in Istanbul verkauften Häuser von Ausländern erworben wurden. Laut TUIK stehen dabei Iraker an erster Stelle, gefolgt von Saudis und Kuwaitis.

Anderswo in Istanbul erleiden Menschen ein ähnliches Schicksal: Sibel Mursel, eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder, wohnte in Ferikoy, einem Viertel mit armenischen, syrischen und Roma-Minderheiten in fußläufiger Entfernung zum zentralen Büroviertel Sisli.

"Meine Schwester und ich gaben ein Haus, das wir von unserem Vater geerbt hatten, an eine Baufirma ab. Als Gegenleistung bekamen wir, wie fast alle in unserer Straße, jeweils ein Apartment. Aber unser Viertel hat sich völlig verändert. Die neuen Bewohner sind Menschen der oberen Mittelklasse, und alles wurde teurer. Der starke Sinn für Gemeinschaft, mit dem wir aufgewachsen sind, ist völlig verschwunden. Unsere Straße gehörte uns nicht mehr. Also sind wir weggezogen", sagt Mursel, die nun in Atasehir auf der asiatischen Seite lebt.

Laut Bauingenieurskammer hängt dieser Gentrifizierungswahn mit der bevorzugten Stellung zusammen, die der Bausektor in der türkischen Wirtschaft einnimmt. Berichte der Kammer bestätigen, dass die aktuellen Stadtentwicklungspläne fast nie als Reaktion auf drohende Erdbeben oder mangelhafte Bausubstanz erstellt werden, sondern vielmehr ausschließlich die Nachfrage auf dem hochspekulativen Immobilienmarkt anheizen.

Ayşe Karabat

© Qantara.de 2020

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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