Stadterneuerung ist in der Türkei ein umstrittenes Thema. Unabhängige Experten kritisieren die Behörden immer wieder dafür, die Interessen des privaten Sektors über jene der Bürger zu stellen. Laut Ayhan Erdoğan wird "die Wahrnehmung der städtischen Erneuerung in der Türkei durch den privaten Sektor dominiert. Dabei werden die Bürger gezwungen, selbst mit den Unternehmen zu verhandeln, was meist nachteilig für sie ist."

Das Renditestreben ist vor allem in den türkischen Großstädten ausgeprägt, in Metropolen, deren Bevölkerungszahl rapide wächst. Laut Informationen des Türkischen Statistikinstituts (TUIK) leben heute bereits 88 Prozent der Gesamtbevölkerung in Ballungsgebieten.

Mittelsmänner und Händler

Über viele Jahre hinweg wurden an den Stadträndern illegale und labile Gebäude errichtet, die dann zu Elendsvierteln wurden – ein direktes Ergebnis der unkontrollierten und ungeplanten Urbanisierung. Während die Städte immer weiter wuchsen und ausuferten, rückten diese Viertel vergleichsweise immer mehr ins Zentrum und wurden so ein Teil der "städtischen Landschaft". Ein Beispiel dafür ist Fikirtepe in Istanbul, das auf der asiatischen Seite direkt jenseits der Stadtautobahn E5 liegt.

In den letzten Jahren wurde Fikirtepe, das sich über 1,34 Millionen Quadratmeter erstreckt, zu einem Schwerpunkt der Stadterneuerung. Auf den Webseiten der Immobilienhändler wird damit geprahlt, es würden doppelt so viele Unterkünfte neu gebaut wie abgerissen werden, und ihr Wert würde um phantastische 188 Prozent steigen.

Blick auf Fikirtepe; Foto: Kürşat Bayhan
Auf dem Weg zum "Manhattan Istanbuls"? Viele Bewohner wurden aus Fikirtepe vertrieben, weil sie ihre Häuser nicht mehr finanzieren konnten, und dann zogen wohlhabendere Menschen nach. Ayhan Erdoğan glaubt, der Staat müsse einspringen und notleidenden Bewohnern dabei helfen, ihre Miete zu zahlen.

Nachdem 2010 ein spezielles Gesetz zur Sicherung und Vereinfachung des Erneuerungsprozesses verabschiedet wurde, beschleunigte sich – gemeinsam mit vielen anderen großen Bauprojekten – auch die Gentrifizierung von Fikirtepe. Der Auslöser für die Gesetzesinitiative war ein Erdbeben in der östlichen Van-Provinz, bei dem über 600 Menschen ums Leben kamen. Ayhan Erdoğan glaubt, dieses Gesetz und die entsprechenden Regulierungsbestimmungen hätten die Bewohner der urbanen Erneuerungsgebiete in einen Konflikt mit den Baukonzernen gestürzt.

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