Stadterneuerung in der Türkei

"Unsere Straße gehörte uns nicht mehr"

Während die Angst vor möglichen Erdbeben um sich greift, hat die Türkei neue Pläne zur Stadterneuerung vorgestellt. Doch bereits frühere Bauvorhaben konnten den erdbebengefährdeten Städten und Regionen nicht helfen, da der Markt vor allem von den Interessen der Bauunternehmer bestimmt wird. Von Ayşe Karabat

Nach jedem starken Erdbeben fragen sich die Bürger der Türkei erneut: "Werden beim nächsten Beben womöglich auch meine Familie und ich unter Schutt begraben?"

Diese Ängste und Sorgen sind nicht unbegründet: Viele Bewohner leben mit der Angst, ihre Wohnhäuser könnten bei einem großen Erdbeben einstürzen. Das letzte starke Beben in der Türkei gab es am 24. Januar 2020 im Osten des Landes. Es forderte 41 Todesopfer und über 1.600 Verletzte.

Das Land liegt auf mehreren geologischen Verwerfungslinien und sitzt geradezu auf glühenden Kohlen: Vor zwei Jahrzehnten gab es in der Marmara-Region ein gewaltiges Erdbeben, das Zehntausende Menschen tötete – hauptsächlich deshalb, weil die Gebäude aus minderwertigen Materialien gebaut worden waren. Und Experten erwarten für die nahe Zukunft weitere Beben.

In der Türkei gibt es fast 18 Millionen Gebäude, und mindestens 6,5 Millionen von ihnen sind nicht stabil genug, um Erdbeben standhalten zu können. Viele wurden illegal gebaut oder haben kein ausreichendes Fundament. So rückten sie ins Blickfeld der Stadterneuerungsbehörden. Das Ministerium für Stadtplanung und Umwelt hat kürzlich einen neuen Aktionsplan aufgestellt, um jährlich 300.000 Gebäude zu erneuern.

Murat Kurum, Minister für Stadtplanung und Umwelt, sagte zu diesem Plan, die städtische Erneuerung sei "ebenso wichtig wie der Kampf gegen den Terrorismus".

Bergungsarbeiten nach dem Erdbeben in Elazig am 24.01.2020; Foto: picture-alliance/AA.
Verheerendes Ausmaß der Zerstörung: Bei dem Erdbeben in Elazig Ende Januar 2020 starben 41 Menschen. In der Türkei gibt es immer wieder schwere Erdbeben, da das Land auf mehreren seismischen Platten liegt. Am 17. August 1999 waren bei einem Erdbeben der Stärke 7,4 in Izmit, Istanbul und anderen Orten mehr als 17.000 Menschen ums Leben gekommen. Das letzte größere Erdbeben ereignete sich 2011 in der Provinz Van. Es erreichte eine Stärke von 7,1, mehr als 600 Menschen starben.

Städtische Erneuerung – oder eher städtisches Renditestreben?

Allerdings haben die Kammern der Bauingenieure und der Stadtplanungsingenieure in einigen Berichten darauf verwiesen, dass diese Art von Erneuerung nicht darauf ausgerichtet sei, im Rahmen einer vernünftigen Stadtentwicklung bestehende Gebäude zu restaurieren, sondern sie abzureißen und neu zu bauen. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass durch einen solchen Umbau die Städte nicht sicherer und die Lebensqualität der Bewohner nicht verbessert werden. Vielmehr sei der Plan vor allem von "städtischem Renditestreben" bestimmt.

Dementsprechend sagte Ayhan Erdoğan, Generalsekretär der Stadtplanungskammer im Gespräch mit Qantara.de: "Stadterneuerung muss sich nach einer umfassenden Planungsstrategie richten. Der Staat muss regulierend wirken und im Interesse der Allgemeinheit handeln. Dabei sollte der Schwerpunkt auf Wiederaufbau, Restaurierung liegen und sich nach den Bedürfnissen der Bewohner richten. Stattdessen dominieren jedoch Zerstörung und Neuentwicklung, da dies für die Baufirmen profitabler ist", so Erdoğans Fazit.

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