Als Beispiel nennt Chebbi die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Erbrecht. Ein neuer Gesetzesentwurf der Regierung soll es erlauben, dass Frauen genau so viel erben können wie Männer. Nach islamischem Recht allerdings steht der Tochter in der Regel die Hälfte dessen zu, was dem Sohn zusteht. Momentan ist das Thema in Tunesien heftig umstritten. Für die Frauenrechtlerin ist das ein Testfall für die Bürgermeisterin; deren Partei sei nämlich gegen die Gleichberechtigung im Erbrecht. Daran soll sich laut Chebbi zeigen, ob Abderrahim tatsächlich für die Sache der Frauen kämpfe, oder innerhalb des ideologischen Rahmens der Ennahda-Partei bleiben müsse.

Demo für Gleichstellung im Erbschaftsrecht in Tunis, Foto: Reuters/Z. Souissi
Erbrechtsreform als politischer Zündstoff: Ein Gesetzesentwurf zur Erbrechtsreform polarisiert Tunesien. Frauen sollen künftig genauso viel erben dürfen wie Männer, meint Präsident Beji Caïd Essebsi. Doch das verärgert besonders die Konservativen und religiösen Kräfte im Land.

"Keine Politik im Stadtrat"

Aber genau das will Abderrahim nicht: sich politisch positionieren. Immer wenn die Rede von ihren Kritikern und Widersachern ist, wird sie weniger konkret, nennt keine Namen und greift niemanden an. Als Bürgermeisterin versteht sich die 54-Jährige eher als Verwaltungsbeamte. Der Stadtrat sei eine exekutive Verwaltungsbehörde, sagt Abderrahim und fügt hinzu: "Wir brauchen nicht noch mehr politische Konflikte innerhalb des Stadtrats".

Den Vorwurf, die Ennahda-Partei benutze die Bürgermeisterin, um durch ein Hintertürchen ihre islamistische Agenda einzuschleusen, weist Abderrahim entschieden zurück. Nein, im Stadtrat sollen alle harmonisch zusammenarbeiten, von einer ideologisch gefärbten Agenda der Bürgermeisterin könne man nicht sprechen.

Viel lieber möchte Abderrahim über ihre Ziele im neuen Amt sprechen. Immer wieder lenkt sie das Gespräch auf das Thema "kommunale Verwaltung". Tunesien solle die Dezentralisierung verankern und nicht mehr wie bisher zentralistisch verwaltet werden. Die Bürgermeisterin will den Kommunen und Stadträten mehr Autonomie geben. "Der Zentralismus war es, der die Menschen in Tunesien zum Rebellieren gebracht hat. Er hat große Unterschiede zwischen den Regionen geschaffen. Dezentralisierung ermöglicht mehr Gerechtigkeit."

"Sie zieht in einen Krieg"

Doch wie sie das schaffen will, bleibt offen. Sie selbst sagt, sie habe die Befürchtung, sich zu sehr "vom Tagesgeschäft ablenken zu lassen und die langfristigen Ziele aus den Augen zu verlieren." Die angespannte politische und wirtschaftliche Lage, in der sich Tunesien seit dem Ausbruch der Revolution vor neun Jahren befindet, erschwert ihre Arbeit.

Immer wieder erlebt das kleine nordafrikanische Land heftige Protestwellen, vor allem in den ärmeren Regionen des Südens. Die Menschen demonstrieren gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption und die aufgeblähte Bürokratie. Die kommunalen und regionalen Verwaltungsstrukturen in dieser prekären Situation grundlegend umzukrempeln, wird sicherlich keine leichte Aufgabe.

Auf der belebten Avenue Habib Bourguiba mitten in Tunis scheinen viele Jugendliche und junge Menschen den Namen Souad Abderrahim nicht zu kennen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich eher weniger für Probleme der Kommunalverwaltung begeistern können.

Trotzdem bekommt die Scheicha einige Vorschusslorbeeren von den Passanten, die sie kennen. Sie sind stolz, dass Tunis jetzt von einer Frau regiert wird und internationale Medien fleißig darüber berichten. Eine Frau sagt, ihr sei egal, ob Abderrahim zur islamisch-konservativen Ennhada-Partei gehöre; "Wir sind doch alle Muslime", erklärt sie, „Hauptsache man ist nicht fundamentalistisch".

Eine ältere Dame mit Kopftuch und großer Sonnenbrille ist vorsichtig mit ihrem Urteil: "Souad Abderrahim ist noch nicht so lange im Amt, sie muss sich erst beweisen. Das wird nicht einfach für sie. Denn Tunesien erlebt momentan eine kritische Zeit, das Land ist sehr fragil. Die Bürgermeisterin zieht in eine Schlacht, in einen großen Krieg".

Nader Alsarras

© Deutsche Welle 2019

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